9 FRANZISKANER 1|2026 Der Richter mutmaßt, dass der Vater alle drei Söhne gleich geliebt habe und keinen von ihnen bevorzugen wollte. Damit gibt er den Brüdern die Möglichkeit, die Situation aus der Sicht ihres verstorbenen Vaters zu betrachten – und ermöglicht ein versöhnliches Ende für ihren Streit. Um die Frage nach dem richtigen Ring beantworten zu können, verweist der Richter am Ende der Parabel auf die Zukunft: Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei euern Kindes- Kindeskindern äußern: So lad ich über tausend tausend Jahre, Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, Als ich; und sprechen. Ob er glaube, dieser weise Mann zu sein, will Nathan anschließend vom Sultan wissen, was Saladin emotional verneint. Stattdessen bittet er Nathan demütig darum, sein Freund zu sein. Daraufhin bietet Nathan ihm an, dessen Staatskassen mit einer Schenkung aufzubessern, nachdem er es zuvor abgelehnt hatte, dem Sultan einen Kredit zu gewähren. Damit findet auch die Konfrontation zwischen den beiden ein versöhnliches Ende. Und auch für Lessing geht es mit der Ringparabel um Versöhnung. Als Dichter der Aufklärung dem Toleranzgedanken verpflichtet, wollte er mit »Nathan der Weise« einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Religionen leisten. Was in der Dichtung einfach erscheint, ist in der Realität aber meistens deutlich komplizierter. Denn Versöhnung ist mehr, als nur einen Konflikt zu lösen und beizulegen. Es geht auch darum, dass sich die Einstellung auf beiden Seiten ändert. Das macht Versöhnung zu einem langen und vielschichtigen Prozess, der erst beginnen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. In den nachfolgenden Beiträgen spüren wir den verschiedenen Aspekten der Versöhnung nach – mit anderen Menschen, mit sich selbst und mit Gott. Sultan Saladin und Nathan der Weise im Gespräch, Stahlstich von Ferdinand Rothbart (1823–1899) sultan und nathan : © sammlung richter – picture-alliance.com
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=