Franziskaner - Sommer 2025

19 FRANZISKANER 2|2026 von Benutzeroberflächen, die individuell angepasst werden können. Hinzu kommen dann noch die Fragen nach Deepfakes, die ja ebenfalls durch KI erstellt werden. Hier könnte man einwenden, dass die Manipulation von Bildmaterial keine Erfindung durch KI ist. Das stimmt natürlich, aber die Verbreitung ist viel effektiver und schneller. Die Manipulationen sind besser, und sie umfassen jetzt auch Bewegtbilder und Ton. Und sie lassen sich viel leichter erstellen als früher. Außerdem kommt hinzu, dass wir eine Deinstitutionalisierung der Medien erleben. Das bedeutet, dass viele Medienhäuser mit hoher Reputation einen Bedeutungsverlust erleiden. Wenn ich etwa eine Tageszeitung mit hoher Reputation lese, dann kann ich immer noch relativ sicher sein, dass ich keine KI-generierten Bilder sehe – einzelne Fehler ausgenommen. Aber immer weniger Menschen lesen solche Zeitungen. Gleichzeitig etablieren sich viele neue Angebote, was es deutlich schwerer macht, vertrauenswürdige Quellen zu finden. Gleichzeitig erleben wir einen grundsätzlichen Vertrauensverlust in die öffentliche Kommunikation. Das führt unter anderem dazu, dass auch echte Bilder als KI-generiert und somit unwahr bezeichnet werden. Das nennt man »Lügner-Dividende«. Künstliche Intelligenz hat durch all das einen sehr großen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation gewonnen. Die aktuellen Diskussionen um Einschränkungen und Verbote von Social Media sind also auch ein Teil der Diskussion um KI. Ist die EU die richtige Institution, um eine Regulierung von KI umzusetzen? Die EU ist ein riesiger, lukrativer Markt für die Anbieter aus China und den USA. Und bereits jetzt ist es so: Wenn die Anbieter ihre Dienste hier in Europa auf den Markt bringen wollen, müssen sie sich an die Regeln halten, die in Europa gelten. Ausreden wie früher, dass etwa die Server gar nicht in Europa stehen, funktionieren nicht mehr. Und mit dem AI Act versucht die EU bereits, dem Thema KI einen neuen Rahmen zu geben. Die letzten Schritte zu dessen Umsetzung erfolgen im August dieses Jahres; dann werden wir sehen, wie es funktioniert. Daneben sollte Europa aber auch selbst Technologien nach eigenen Standards entwickeln. Damit hätten wir nicht nur eine weitere Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf die Technologien, die hier genutzt werden sollen. Sobald sie wettbewerbsfähig sind, würden wir damit auch die global entstehenden Innovationen in unserem Sinne mit beeinflussen können. Das große Schlagwort in diesem Zusammenhang ist »digitale Souveränität«. Was ist mit den KI-Unternehmen selbst? Würden Sie freiwilligen Selbstbeschränkungen oder Selbstverpflichtungen vertrauen? Nein, auf gar keinen Fall. Es gibt zwar Einzelfälle, die einen hoffen lassen. Anthropic in den USA zum Beispiel versucht, sich durch bestimmte ethische Standards von ChatGPT zu unterscheiden. Aber das geht nicht weit genug und ist nicht verpflichtend. Außerdem gibt dies keine Antwort auf die wichtige Frage, wer denn letztendlich die Verantwortung trägt: das ganze Unternehmen oder die einzelnen Entwicklerinnen und Entwickler? Letztere stecken ja zudem in bestimmten Zwängen, etwa in ihrer Rolle als Arbeitnehmer. Natürlich ist es wünschenswert und jeder und jede sollte immer versuchen, Verantwortung zu übernehmen. Aber in der Geschichte und den aktuellen Entwicklungen sehen wir, dass das nicht funktioniert. Es funktioniert nur, wenn es bestimmte Steuerungsmechanismen über gesetzliche Anreize oder Zwänge gibt. Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft hier übernehmen? Wir brauchen unbedingt eine kritische Öffentlichkeit und engagierte Menschen, die sich mit solchen Technologien auskennen und in diesen Feldern arbeiten. Das ist enorm wichtig, weil wir nicht erwarten können, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger eine KI-Expertise aufbauen. Hier in Deutschland gibt es eine große Pluralität von großartigen NGOs. Sie beteiligen sich an der Meinungsbildung und sorgen dafür, dass wir gut mit Informationen versorgt sind und uns weiterbilden können. Das bedeutet aber auch, dass wir Finanzierungsmodelle und öffentliche Unterstützung für solche Bildungsangebote benötigen. Auch kritische Forschung, die unabhängig von kommerziellen Erwartungen versucht, Alternativmodelle zu entwerfen, muss gefördert werden. Der KI-Boom treibt die Nachfrage nach Computerchips. Chip-Hersteller wie Infineon investieren deshalb in neue Fabriken – in Sachsen entstehen so rund 1.000 neue Arbeitsplätze CHIP HERSTELLER © PONYWANG – ISTOCKPHOTO.COM

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