Franziskaner - Sommer 2025

Franziskaner Sommer 2026 www.franziskaner.de Leben mit künstlicher Intelligenz Bedenke Mensch … Weitere Themen: Journalismus in Kriegsgebieten +++ Franziskanische Stätten Carceri +++ Geistlicher Wegbegleiter

»Franziskaner« Unser Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart erscheint viermal im Jahr und wird klimaneutral auf 100 % Recyclingpapier gedruckt. Sie können es sich kostenlos nach Hause liefern lassen. Deutsche Franziskanerprovinz Provinzialat Frau Viola Richter Sankt-Anna-Straße 19, 80538 München zeitschrift@franziskaner.de Tel.: 0 89 2 11 26-1 50, Fax: 0 89 2 11 26-1 11 Spenden zur Finanzierung dieser Zeitschrift erbitten wir unter Angabe des Verwendungszwecks »Spende Zeitschrift« auf das Konto der Deutschen Franziskanerprovinz, IBAN DE49 5109 0000 0077 0244 09, BIC WIBADE5W bei der Wiesbadener Volksbank. Inhalt 4 Eindrücke von Mattenkapitel und Katholikentag 5 Angebote und Anregungen 6 Künstliche Intelligenz • Von künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz • Papst Leo XIV. kritisiert nicht die Maschine, sondern ihre Schöpfer • »Glaubst du auch, was du da liest?« • »Predigen ist für mich eine Lebensschule« • » Wir müssen die Technologien beeinflussen können, die uns betreffen« 21 Geistlicher Wegbegleiter 25 Zwischen Schaulust und Berührbarkeit Anmerkungen zur Reliquienfrömmigkeit 26 Journalismus in Kriegsgebieten Wie Berichterstattung aus gefährlichen Umfeldern funktioniert 30 Carceri Wie ein Brunnen voll lebendigen Wassers 32 Franciscans International (FI) Schweigen ist keine Option 34 Franziskanische Lebensgeschichten Natanael Ganter OFM 36 Zwischen Deutschland und Vietnam Ein franziskanischer Grenzgänger 38 In memoriam 39 Nachrichten 40 Kursangebote 41 Bruder Rangel kocht 42 Kommentar 43 Impressum Germanicus auf Reisen Ein franziskanischer Grenzgänger Bruder Chi Thien Vu ist ein Grenzgänger zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen. Doch was als persönliche Reise begann, ist heute Teil seiner täglichen Aufgaben. Seite 36 Carceri Die Carceri sind ein Ort, der Gemüter bewegt. Die Einsiedelei am Hang des Monte Subasio oberhalb von Assisi ist versteckt, verschwiegen – und berauschend. Seite 30

3 FRANZISKANER 2|2026 Hinterm Horizont geht’s weiter Der Umgang mit künstlicher Intelligenz Ein lauer Sommerabend. Einige franziskanische Schwestern und Brüder sitzen zusammen, lachen, sammeln Ideen. Sie planen eine Veranstaltung unter dem Leitwort: »Hinterm Horizont geht’s weiter«. Zu Beginn soll es einen Poetry Slam geben. Irgendwann taucht die neugierige Frage auf: »Was würde eigentlich eine KI daraus machen?« Also wird ein Chatbot geöffnet und um einen Text gebeten. Das Ergebnis verblüfft zunächst alle: erstaunlich schnell, sprachlich flüssig, thematisch treffend. Einige Formulierungen wirken sogar originell. Und doch klingt manches merkwürdig fremd. Bilder passen nicht zusammen, der rote Faden verliert sich. Vor allem aber fehlt dem Text etwas Entscheidendes: gelebtes Leben. Er wirkt wie ein kunstvoll zusammengesetztes Echo aus unzähligen Stimmen des Netzes. Bei der Veranstaltung trägt schließlich eine Schwester ihren eigenen Text vor. Nicht perfekt gefeilt, aber echt. Man spürt ihre Erfahrungen, ihre Hoffnung, ihren Glauben zwischen den Zeilen. Plötzlich wird der Unterschied hörbar: Ihre Worte haben Seele. Künstliche Intelligenz fasziniert. Sie erleichtert Arbeit, bündelt Wissen, unterstützt kreative Prozesse und eröffnet Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren kaum denkbar waren. Zugleich wirft sie Fragen auf, die über die rein technische Entwicklung hinausgehen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er sich zu sehr auf Maschinen verlässt? Was wird aus eigener Kreativität, aus geduldigem Denken und dem Ringen um Wahrheit? Die Beiträge dieser Ausgabe laden ein, Chancen und Grenzen der KI genauer in den Blick zu nehmen – und neu zu entdecken, was auch künftig kein Algorithmus ersetzen kann: menschliche Nähe, echtes Zuhören, Kreativität und Verantwortung. Denn »hinterm Horizont« wartet nicht nur technische Entwicklung, sondern die lebenslange Aufgabe, Mensch zu bleiben. Eine inspirierende Lektüre und viele laue Sommerabende wünscht Ihnen Br. Markus Fuhrmann OFM (Provinzialminister)

4 FRANZISKANER 2|2026 Mattenkapitel 2026 Katholikentag 2026 © 2026 DEUTSCHER KATHOLIKENTAG

5 FRANZISKANER 2|2026 Unser Schwestermagazin Die Ausgabe 2/2026 der »Franziskaner Mission« beschäftigt sich mit den Schicksalen von Migranten. Das Magazin kann kostenfrei bestellt werden in Dortmund, E-Mail: info@franziskanermission.de, oder in München, E-Mail: muenchen@franziskanermission.de 27. bis 31. Juli 2026, Sommerexerzitien »Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen.« Das Leben ist kostbar – und zugleich zerbrechlich. Der Apostel Paulus wusste darum, und auch wir kennen die Brüche, die unser Dasein zeichnen. Dennoch bleibt das Ziel: Ganzwerdung. In diesen Sommerexerzitien laden wir dazu ein, das eigene Leben wie ein Mosaik zu betrachten – mit all seinen leuchtenden Farben und auch mit seinen Bruchstücken. Wir wollen die Zerbrechlichkeit nicht verdrängen, sondern würdigen und heilen lassen. Impulse aus der Bibel, persönliche Erfahrungen und die japanische Kunst des Kintsugi begleiten uns durch die Tage. Kintsugi – das behutsame Zusammensetzen zerbrochener Gefäße mit Goldlinien – wird zum Bild für eine Spiritualität, die Brüche nicht versteckt, sondern verwandelt. Leitung: Helmut Schlegel OFM, Ricarda Moufang Ort: Bildungs- und Exerzitienhaus Kloster Salmünster, Franziskanergasse 2, 63628 Bad Soden-Salmünster Anmeldung: Tel.: 0 60 56 91 93 10; E-Mail: buero@bildungshaus-salmuenster.de ▶▶ www.bildungshaus-salmuenster.de 6. bis 11. September, Buswallfahrt nach Assisi Auf den Spuren von Franz und Klara Zum Franziskusjahr veranstaltet unsere Gemeinde in Mannheim eine Buswallfahrt nach Assisi und La Verna. Die Teilnehmenden besuchen Orte wie San Damiano, die Basiliken Santa Chiara und San Francesco, die Portiunkula in Santa Maria degli Angeli sowie das Heiligtum von La Verna, wo Franziskus die Wundmale empfing. Neben fachkundigen Führungen durch Franziskaner stehen gemeinsame Gottesdienste, Begegnungen und Zeit für persönliche Besinnung auf dem Programm. Die Reise wird vom Pilgerbüro der Erzdiözese Freiburg organisiert und umfasst die Busfahrt ab Mannheim, vier Übernachtungen in Assisi sowie eine Übernachtung in La Verna. Leitung: Markus Steinberger OFM, Franz-Leo Barden OFM Anmeldung: Tel.: 06 21 3 00 85 2 04; E-Mail: franz-leo.barden@kath-ma-neckarstadt.de ▶▶ www.kath-neckarstadt.de Juni bis Oktober 2026, ökumenischer Erlebnisweg für Kinder, Familien und Schulklassen Franziskus-Erlebnis-Parcours Augsburg Zum Jubiläumsjahr »800 Jahre Franz von Assisi« haben die Dillinger Franziskanerinnen in Kooperation mit kirchlichen, pädagogischen und städtischen Partnern den Franziskus-Erlebnis-Parcours in Augsburg eingerichtet. Auf den Spuren des Heiligen erleben Kinder, Familien und Schulklassen an neun Stationen franziskanische Werte wie Schöpfungsverbundenheit, Frieden, Geschwisterlichkeit und Verantwortung. Die Stationen werden durch Bildtafeln markiert, an denen über QR-Codes ein von Kindern entwickelter Podcast abgerufen werden kann, der die Impulse kindgerecht vermittelt. Die Hörimpulse gibt es aber auch in einer ortsunabhängigen Fassung. Ergänzt wird der Parcours durch eine pädagogische Handreichung für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Eltern. Der Parcours versteht sich als offener Erfahrungs- und Lernraum und macht deutlich, dass Spiritualität öffentlich, kindgerecht, ökumenisch und gesellschaftlich relevant sein kann, wenn viele gemeinsam an einer Idee wachsen. Weitere Informationen ▶▶ www.spiritualitaet-augsburg.de

6 FRANZISKANER 2|2026 Von künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz © GETTY IMAGES – UNSPLASH.COM

7 FRANZISKANER 2|2026 Leben erschaffen – dieser Gedanke fasziniert den Menschen seit jeher. So erzählt etwa der römische Dichter Ovid in seinen »Metamorphosen« von dem Bildhauer Pygmalion, der eine so vollkommene Statue erschafft, dass er sich in sie verliebt. Die Göttin Venus schenkt der Statue schließlich das Leben. Aus dem alten Indien wiederum ist die Geschichte von Vishvamitra überliefert: Dem König gelang es, durch Askese eine solche mystische Kraft zu erlangen, dass er einen zweiten Himmel mit einer weiteren Hierarchie von Göttern erschaffen konnte – wie ein zweiter Brahma, einer der Hauptgötter im Hinduismus. Ganz ohne göttliche Aspekte handelte hingegen der chinesische Ingenieur Yan Shi. In dem Text »Das wahre Buch vom quellenden Urgrund« erzählt der Philosoph Liezi davon, dass Yan Shi für den Zhou-­ König Mu (956 bis 918 v. Chr.) einen künstlichen Krieger anfertigte. Dieser konnte sich nicht nur wie ein Mensch bewegen, sondern sogar singen und mit Frauen flirten. Möglich war das, so Liezi, durch eine genaue Nachbildung menschlicher Organe, die die einzelnen Funktionen steuerten. Der Text wird häufig als die erste Erwähnung eines Roboters angesehen. Vom Golem zum Roboter Künstliches Leben war auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein Thema – ein Beispiel hierfür ist etwa der Golem aus der jüdischen Literatur. Und Alchemisten versuchten immer wieder, einen kleinen Menschen, einen Homunculus, zu erschaffen. Eine genaue Beschreibung des Vorgehens liefert die Schrift »De natura rerum« aus dem Jahr 1538, die dem Schweizer Arzt Paracelsus zugeschrieben wird. Aber auch aus dem zweiten Teil von Goethes »Faust« ist die Figur des Homunculus bekannt. Der Schriftsteller Jonathan Swift wiederum beschrieb 1726 in seinem satirischen Roman »Gullivers Reisen« ein fantastisches Gerät, das von alleine neues Wissen generieren konnte. Heute wird dies als erste künstliche Intelligenz in der Literatur gewertet. Im Jahr 1770 versuchte der Österreicher Wolfgang von Kempelen, in die Fußstapfen von Yan Shi zu treten, als er seinen »Schachtürken« vorstellte. Ein Apparat, der scheinbar dazu in der Lage war, selbstständig Schach zu spielen, tatsächlich aber von einem Menschen gesteuert wurde. Zu dieser Zeit herrschte eine allgemeine Faszination für Automaten und mechanische Apparate, was auch literarisch verarbeitet wurde. Bekanntes Beispiel hierfür ist die 1816 veröffentlichte Erzählung »Der Sandmann« von E.T.A. Hoffmann, in der sich der Protagonist Nathanael in Olimpia verliebt, eine mechanische Puppe. Und beinahe zeitgleich erdachte die englische Schriftstellerin Mary Shelley ihre eigene Version eines künstlichen Wesens: Frankensteins Monster. Maximilian Feigl

8 FRANZISKANER 2|2026 Mit der Industrialisierung wurden Maschinen zu etwas alltäglichem, auch wenn sie nicht unbedingt menschenähnlich waren. Mit dem damaligen Fortschrittsglauben erschien das aber nur als Frage der Zeit, und der tschechische Schriftsteller Karel Čapek war einer der Ersten, der den maschinellen Menschen erdachte. In seinem 1920 erschienenen Theaterstück »R.U.R. – Rossum’s Universal Robots« gab er ihnen den Namen Roboter. In den 1940er Jahren griff dann Isaac Asimov erstmals die explizite Idee der künstlichen Intelligenz in seinen Romanen auf. Seither ist sie nicht nur Thema in Literatur und Medien, sondern wird auch unabhängig von einem Körper gedacht und damit von Lebewesen entkoppelt. Künstliche »Intelligenz« Heute ist die künstliche Intelligenz Realität, nur wenige Klicks am Computer oder Smartphone entfernt. Oder zumindest wollen die dahinterstehenden Firmen einem dies weismachen. Denn ob diese Programme tatsächlich »intelligent« sind, hängt vor allem davon ab, wie man »Intelligenz« definiert. Psychologie und Philosophie kennen hier tatsächlich viele verschiedene Ansätze, die teilweise auch in direktem Widerspruch zueinander stehen. So gibt es zum Beispiel Forscher, die Erfahrung explizit ausschließen, während andere Erfahrungen zu einem wesentlichen Bestandteil von Intelligenz erklären. Hinzu kommen Faktoren wie soziale und emotionale Intelligenz, über die eine KI nicht verfügen kann, schließlich hat sie ja keine Emotionen. Das alles ändert aber natürlich nichts daran, dass diese Technologie gerade unsere Welt grundlegend verändert. Das zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass Papst Leo XIV. einen wesentlichen Teil seiner ersten Enzyklika der künstlichen Intelligenz gewidmet hat. Und für diese Veränderungen ist es auch zweitrangig, welche technologischen Grundlagen gerade aktuell sind und welchen Namen das genutzte Programm trägt. Daher wollen wir in dem vorliegenden Heft nicht über die Unterschiede zwischen Large Language Models, Computer-Vision-Systemen, Reinforced-Learning-­ Verfahren und evolutionären Algorithmen sprechen. In dieser Ausgabe des »Franziskaner« geht es darum, wie wir – als Menschen, als Gesellschaft und auch als Christen – mit der Technologie umgehen und wie sie zum Vorteil aller genutzt werden kann. KI in der »Franziskaner«-Redaktion So bleibt zuletzt nur noch zu klären, wie wir eigentlich in der Redaktion mit KI umgehen – denn auch für uns kann sie ein nützlicher Helfer sein. Dabei ist es unser grundlegender Anspruch, dass bei uns eine KI-Lösung niemals die Leistung eines Menschen ersetzen soll. Wir werden keine KI-generierten Bilder nutzen, um von Künstliche Intelligenz und … Rechenzentren Rechenzentren bilden das Rückgrat der künstlichen Intelligenz, denn in ihnen werden die KI-Modelle entwickelt, trainiert und ausgeführt. Die Anlagen sind allerdings nicht allein für KI reserviert, sondern stellen Rechenleistung für unterschiedlichste Zwecke bereit. Die Betreiber wissen oft gar nicht, wofür genau ihre Kunden die Kapazitäten nutzen. Laut der Online-Plattform Cloudscene, die ein Verzeichnis für Rechenzentren führt, gibt es weltweit aktuell über 17.000 solcher Anlagen. Die meisten davon stehen in den USA, gefolgt von Deutschland und Großbritannien. Menschen gemachte Bilder zu ersetzen. Und wir werden auch keine KI-generierten Texte abdrucken. Aber wir nutzen KI als Hilfsmittel, immer dann, wenn sie uns die Arbeit erleichtern und Zeit sparen kann. Ein Beispiel hierfür ist die Transkription eines Interviews, also das Gesagte aufzuschreiben. Bei einem halbstündigen Gespräch kann das schon mehrere Stunden dauern – eine KI braucht hingegen nur wenige Minuten. Ihre Arbeit muss aber immer überprüft werden, denn auch sie macht Fehler. Dabei merken wir auch, dass die Arbeit mit künstlicher Intelligenz unser eigenes Verhalten verändert. Bei der Diskussion um den Titel dieses Heftes zum Beispiel kamen wir auf die Idee, einen Chatbot nach Vorschlägen zu fragen. Und während wir die Vorschläge durchgingen, wurde klar, dass aus einem kreativen Diskussionsprozess ein Warten auf etwas, das gefällt, wurde. Bruder Natanael nahm dies (und wohl auch andere Erfahrungen) zum Anlass, seine Standard-Suchmaschine zu wechseln – weg von Google mit den inzwischen allgegenwärtigen KI-Antworten hin zu einer Alternative ganz ohne KI. Letzten Endes – und das darf man bei aller Faszination für diese Technologie nie vergessen – handelt die heutige KI nie aus eigenem Antrieb. Sie macht das, was man ihr sagt. Darin unterscheidet sie sich nicht von einem fast schon primitiv anmutenden Werkzeug wie einem Hammer – mit beiden lässt sich Gutes wie Böses bewerkstelligen.

9 FRANZISKANER 2|2026 Enzyklika »Magnifica humanitas« Papst Leo XIV. kritisiert nicht die Maschine, sondern ihre Schöpfer Babel oder Jerusalem – um diese Frage baut Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika »Magnifica humanitas« auf. Dabei bezieht er sich auf zwei biblische Bilder: den Turmbau zu Babel, der für ein Herrschaftsstreben steht, das letztlich zur Entmenschlichung führt; und den Wiederaufbau der Mauern von Jerusalem unter Nehemia, der für eine Gemeinschaft steht, die zusammen Verantwortung übernimmt. Eine wichtige Rolle in seinen Betrachtungen spielt die künstliche Intelligenz. Wie blickt der Papst auf die Technologie? »Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten«, schreibt Papst Leo. Denn sie entspringt nicht nur dem menschlichen Können und ist Ausdruck seiner Freiheit, sondern hat auch in den vergangenen Jahrhunderten seine Lebensbedingungen verbessert. Es habe sich jedoch ein technokratisches Denkmuster durchgesetzt, das alle persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungen der Logik von Effizienz und Profit unterwirft. Dadurch werde Technik vom Werkzeug zum Maßstab, der über alles bestimmt – und den Menschen zu einem Rädchen in einem System der Ausbeutung erniedrigt. Mit Technologien wie künstlicher Intelligenz habe sich dieses Denkmuster inzwischen weit verbreitet. Papst Leo weist auch darauf hin, dass die Kontrolle über künstliche Intelligenz nicht in den Händen von Staaten, sondern von wirtschaftlichen und technologischen Akteuren liegt, »die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind«. Damit legen diese Tech-Unternehmer fest, wer teilhaben kann und wer nicht. Die aktuellen Entwicklungen erwecken somit den Anschein, dass ein neues Babel entsteht – dem will Papst Leo mit der Enzyklika etwas entgegensetzen und spricht sich für die Einführung angemessener Regulierungsinstrumente aus. Sehr kritisch sieht Leo XIV. vor allem die Übertragung von Entscheidungen – und somit Verantwortung – auf künstliche Intelligenz. Dies könne zu neuen Formen der Ausgrenzung führen. Denn – hier zitiert er seinen Vorgänger Franziskus – die automatisierten Systeme kennen nicht »Mitleid, Barmherzigkeit, Vergebung und vor allem die Offenheit für die Hoffnung auf eine Veränderung der Person«. Außerdem gehe die politische Verantwortung für Entscheidungen verloren, da jeder Beschluss mit »Neutralität und Objektivität ummantelt« werde. Und dagegen lasse sich schwer protestieren oder Einspruch einlegen. Daher fordert Papst Leo klare Verantwortlichkeiten und die Möglichkeit festzustellen, wer für Entscheidungen einer KI Rechenschaft ablegen muss – »angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen«. Nur so könne garantiert werden, dass KI die Menschenwürde achtet und dem Gemeinwohl dient. Um dies zu gewährleisten, muss die Politik rechtliche Rahmenbedingungen und eine unabhängige Aufsicht schaffen sowie für die Aufklärung der Nutzerinnen und Nutzer sorgen. Außerdem fordert er, dass Daten nicht ausschließlich Eigentum von privaten Einrichtungen sein dürfen. »Daten sind das Ergebnis der Beiträge vieler und dürfen nicht an einige wenige verkauft oder ihnen überlassen werden.« Daher müssen sie auch als ein gemeinsames und kollektives Gut verwaltet werden. Leo spricht hier auch von Datenkolonialismus, da viele der genutzten Daten aus Entwicklungsländern stammen. Ebenfalls sehr kritisch betrachtet der Papst den Umgang mit der Wahrheit, der durch künstliche Intelligenz immer größeren Schaden nimmt. Er definiert die Wahrheit als ein Gemeingut im Sinne der katholischen Soziallehre. Sie bestimmt, dass alle Güter der Erde allen Menschen gleichermaßen zustehen, da Gott sie »der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt« hat. Einzelne dürfen also eigentlich keinen Anspruch auf diese Güter erheben. Um dies zu verhindern, fordert er unter anderem Transparenz bei Algorithmen, die Inhalte etwa in sozialen Medien auswählen und verbreiten, eine Stärkung von unabhängigem Journalismus sowie die Vermittlung von Medienkompetenz und kritischem Umgang mit digitalen Technologien in Schulen. Zu Letzterem zählt er auch zu lernen, wann man »Technologische Innovationen sind nicht neutral. Sie müssen anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen?« PAPST LEO XIV © NEXPHER IMAGES – PICTURE-ALLIANCE.COM

10 FRANZISKANER 2|2026 Künstliche Intelligenz und … Energie Da man die Leistung der Rechenzentren nicht direkt der KI zuordnen kann, kann man sich dem Energieverbrauch künstlicher Intelligenz nur annähern. Laut einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) haben im Jahr 2024 die Rechenzentren weltweit rund 415 Terawattstunden (TWh) benötigt. Das entsprach 1,5 Prozent des globalen Stromverbrauchs. Die IEA schätzt, dass in etwa 15 Prozent davon auf KI entfielen. Durch die zunehmende Verbreitung von KI wird sich dieser Energiehunger in den nächsten Jahren aber steigern: Die IEA schätzt, dass – je nach Szenario – im Jahr 2030 zwischen 600 und 1.500 TWh in künstliche Intelligenz fließen werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 hatte Deutschland laut Statista insgesamt einen Energieverbrauch von 464 TWh. KI nicht einsetzen sollte: »Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten, und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist.« Dabei hat Papst Leo allerdings mehr im Blick als nur die Einführung eines Unterrichtsfaches »KI«. Er hält eine grundlegende Schulreform für notwendig, die von den Lehrplänen über die Benotung bis hin zur Rolle des Lehrers alles kritisch überprüfen soll. KI verändert Arbeit Auch dem Thema Arbeit widmet sich Leo XIV. in der Enzyklika ausführlich. Er sieht sie nicht nur als Mittel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch als Ausdruck der Würde des Menschen. Denn »da wir nach dem Bild des Schöpfers geschaffen sind, setzen wir durch unsere Werke in gewisser Weise sein Werk fort«. Diese Würde sieht er allerdings gefährdet: Denn auch wenn KI, Robotik und Automatisierung eine Verbesserung der Arbeitswelt versprechen, sieht Papst Leo vor allem ein Diktat der Technologie, das den Menschen zur Anpassung zwingt. So werden »Arbeitnehmer dequalifiziert, einer automatisierten Überwachung unterworfen und auf starre und sich wiederholende Aufgaben festgelegt«. Daher sei es nötig, sich auf den Menschen zu konzentrieren anstatt auf Leistung und Produktivität. Dies gilt um so mehr, da viele Arbeitsplätze durch Automatisierung wegfallen werden. Hier befürchtet Papst Leo einen »Dominoeffekt, der Familien, junge Menschen und die lokale Wirtschaft tiefgreifend beeinträchtigt« und zu »neuen Formen der Prekarität und Ungleichheit« führt. Daher müsse »der Schutz der Arbeitsplätze und die unersetzliche Rolle des Menschen die allgemeine Regel bleiben«. Besonderes Augenmerk legt er hier auch auf eine sich vertiefende globale Ungleichheit: Während wohlhabende Gesellschaften schnell automatisieren, erwartet er, dass weite Teile der Welt in hybriden Wirtschaftssystemen gefangen bleiben, in denen prekäre Arbeitsverhältnisse zur Regel werden. All dies führe letztlich zu einem Paradox, in dem materieller Fortschritt einen Rückschritt für die Menschen bedeutet, wodurch letztlich auch der soziale Frieden verloren geht. Um dem entgegenzutreten, erwartet Papst Leo nicht nur, dass Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam Regeln und Schutzmaßnahmen ausarbeiten. Er fordert, den Wandel zu gestalten, also nicht nur auf Veränderungen zu reagieren. So soll etwa »jede Einführung von Automatisierung und KI mit überprüfbaren Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigung, zur Umschulung der Arbeitnehmer und zur Gewährleistung ihrer Mitbestimmung einhergehen«. Nur so könne gewährleistet werden, dass die Technologie den Bedürfnissen der Menschen entspricht und sie nicht ausgrenzt. Mit Blick auf die digitale Wirtschaft selbst warnt Papst Leo zudem vor einer »neuen Form der Sklaverei«. Dabei hat er vor allem diejenigen im Blick, die für oder mit der KI-Industrie arbeiten. Dazu gehören unter anderem die sogenannten Clickworker, die für Datenaufbereitung oder Modelltraining zuständig sind. Er erwähnt hier zudem die Moderation von sozialen Medien, bei der Menschen auch die schlimmsten vorstellbaren Inhalte zu sehen bekommen. Zu diesen Mindestlohnarbeitern kommen diejenigen hinzu, die unter gefährlichen Bedingungen die für die Hardware notwendigen Rohstoffe abbauen – in einigen Regionen der Welt Kinder und Jugendliche. Und Kriminelle nutzen die neuen Technologien unter anderem für Menschenhandel. Leo XIV verurteilt all dies scharf: »Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.« Um dies zu bekämpfen, fordert er daher transparente Lieferketten, sodass Ausbeutung sichtbar wird und keinen Wettbewerbsvorteil mehr bieten kann. Zudem müssen Unternehmen und Investoren Arbeitnehmerschutz, die Bekämpfung von Zwangsarbeit sowie die sozialen Auswirkungen ihrer Technologien zu ihren Prioritäten machen. »Wenn man zur Vorsicht, zu strengen Kontrollen und manchmal auch zu einer Verlangsamung bei der Einführung der KI aufruft, bedeutet das nicht, gegen den Fortschritt zu sein, sondern eine verantwortungsvolle Sorge um die Menschheitsfamilie zu zeigen.«

11 FRANZISKANER 2|2026 Künstliche Intelligenz und … Wasser Der Wasserverbrauch von KI-Systemen hat mehrere Ursachen. Zum einen müssen die Rechenzentren gekühlt werden. Der »Wasseratlas« der Heinrich-Böll-Stiftung verweist auf Schätzungen, dass ChatGPT einen halben Liter Wasser für 20 bis 50 Anfragen benötigt. Bei den aktuell geschätzten 2,5 Milliarden Anfragen pro Tag wären das zwischen 25 und 62,5 Millionen Liter Wasser täglich. Hinzu kommt der Wasserverbrauch durch das Training der KI-Modelle. Für ChatGPT-3 waren dies laut einer Studie zweier US-Universitäten rund 700.000 Liter Wasser. Und auch die Lieferkette von KI wirkt sich aus: Vom Abbau der Rohstoffe über die Herstellung der Server bis hin zum Bau der Rechenzentren wird Wasser benötigt. Ein aktueller Bericht der Universität der Vereinten Nationen erwartet, dass KI so bis 2030 einen Wasserverbrauch erreicht, der dem jährlichen Grundwasserbedarf aller 1,3 Milliarden Menschen in Subsahara-Afrika entspricht. KI entwaffnen Besonders wichtig ist es dem Pontifex zudem, KI zu entwaffnen – eine Wortwahl, die er ganz bewusst getroffen hat, wie er betont. Er spricht hier nicht nur vom Einsatz von künstlicher Intelligenz in bewaffneten Konflikten. Sein Ansatz ist weitreichender. Er will KI der »Logik des bewaffneten Wettbewerbs« entziehen, und hierzu zählt er neben dem Militärischen auch das Wirtschaftliche. Er kritisiert den derzeitigen Wettbewerb um den besten Algorithmus und die größte Datenbank, der nur dem Zweck diene, einen Vorteil gegenüber anderen zu erreichen. Dem liege eine Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen zugrunde, die er ablehnt. KI entwaffnen bedeutet für ihn, diese Logik zu durchbrechen. Künstliche Intelligenz soll Monopolen entzogen und hinterfragbar und anfechtbar gemacht werden. Dem steht das von ihm kritisierte technokratische Denkmuster mit seinen Narrativen entgegen. Hier macht sich Papst Leo vor allem über die geistigen Strömungen Gedanken, die dem zugrunde liegen: Transhumanismus und Posthumanismus. Sie sollen mit ihrer Vision vom »verbesserten Menschen« Begeisterung für die neuen Technologien wecken. Das Problem dabei: »Wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden.« Schließlich würden die Schwächsten im Namen des Fortschritts geopfert. Und wenn Krankheit, Leiden oder Verletzlichkeit lediglich als zu behebender Mangel betrachtet werden, verliere der Mensch die Möglichkeit zu wachsen und zu reifen. Leo XIV. sagt: »Wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt.« Einige Strömungen des Posthumanismus sprechen sogar von »Menschen zweiter Klasse«, die den Eliten dienen sollen, die sich selbst für überlegen halten. Dieser Ideologie setzt Papst Leo Gnade und christlichen Humanismus entgegen. In einer Zeit, in der die Menschenwürde bedroht ist, »haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde«. Er verweist darauf, dass der Mensch nicht auf seine Natur beschränkt ist und sich selbst übersteigen kann, »um in der Liebe vollendet zu werden«. Er schreibt: »Was den Menschen rettet, ist nicht gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt.« Und: »Die Zukunft eines Menschen ist nicht berechenbar. Sie ist seiner Freiheit anvertraut, die durch die unerschöpfliche Gnade Gottes erhoben wird, sowie den Beziehungen, die er pflegt.« Mit Blick auf das Bild von Babel und Jerusalem macht Papst Leo neben dem Einfluss der künstlichen Intelligenz noch andere Faktoren aus, die ein »modernes Babel« errichten: Machtpolitik, geopolitische Rivalitäten und eine Kultur der Macht, die Krieg wieder als legitimes Mittel ansieht. Währenddessen verharren die meisten Menschen in einer Art Wartestellung, so Leo, in der sie lediglich beobachten und darauf hoffen, dass alles gut werde. Dem stellt er die von Paul VI. eingeführte »Zivilisation der Liebe« entgegen: »Eine Gesellschaftsordnung, in der Gerechtigkeit und Nächstenliebe miteinander verflochten werden und die Liebe zum Ordnungsprinzip des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens wird.« Papst Leo will diese Vision wiederbeleben und weist darauf hin, dass wir alle daran mitarbeiten können. Uns gibt er fünf Ansätze mit, wie wir Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben übernehmen können: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen sowie den Dialog wiederbeleben. »Eine moralischere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird. Was wir brauchen, ist eine Politik, die präsenter ist, die in der Lage ist, dort zu bremsen, wo alles immer schneller wird, und die Räume zu schützen, in denen Gemeinschaften noch mitwirken und Fragen stellen können.« Maximilian Feigl

12 FRANZISKANER 2|2026 »Glaubst du auch, was du da liest?« Predigt und KI Regina Frey An dieser Stelle endete die Unterhaltung. ChatGPT war abgestürzt. Vermutlich war meine Frage dann doch etwas zu groß für die künstliche Intelligenz, wahrscheinlich aber lag es an meiner Internetverbindung. Die Frage nach dem angemessenen Gebrauch von KI in der Verkündigung hängt ganz wesentlich davon ab, was es braucht, um den Glauben zu verkündigen. Ganz grundlegend betrachtet braucht es zweierlei: einen Inhalt, der verkündigt wird, und eine Person, die verkündet. Der Inhalt, die Botschaft der christlichen Verkündigung, umfasst den christlichen Glauben, der sich in Leben, Tod und Auferstehung Jesu verdichtet. Wer verkündigt, muss diese Botschaft zunächst selbst kennen und verinnerlicht haben. Für die Glaubensverkündigung braucht es Verkündigerinnen und Verkündiger, die selbst glauben, was sie sagen. Predigt ist damit die Kunst, so über den Glauben zu sprechen, dass sich mein Gegenüber mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Erfahrungen wiederfindet und sich darin in einer vertikalen Verbindung zu Gott erkennt. Es ist, um es ganz direkt zu sagen, die Kunst der Demut. Demut vor dem Leben und Glauben meiner Zuhörer und Demut vor der immer so viel größeren Botschaft und Wirkmacht des Wortes Gottes. Diese Kunst des Predigens kann und muss man erlernen, nicht nur während der Ausbildung für den seelsorglichen Beruf, sondern beständig neu. Denn Sprache, Lebenserfahrungen und Glaube sowohl der Zuhörer als auch der Prediger befinden sich in einer beständigen Dynamik. Die Homiletik, also die Wissenschaft von der Vorbereitung und dem Halten von Predigten, greift dafür auf verschiedenste Bereiche zurück: klassische Rhetorik, Kommunikationswissenschaften, Schauspiel, Spiritualität, Identitätsbildung usw. Und seit Neuestem auch auf künstliche Intelligenz. Für viele Menschen gehört das Befragen einer KI bei alltäglichen Aufgaben zur Normalität. Studierende besitzen inzwischen die Fähigkeit, KI-generierte Texte von anderen Texten zu unterscheiden. Und hier wird es nun im Hinblick auf die Predigt spannend: Was passiert, wenn ich meine Predigt von der KI schreiben lasse? Zunächst einmal nicht viel. Eine KI-generierte Predigt ist weder besser noch schlechter als eine durchschnittliche Sonntagspredigt. Vielleicht sind die darin verwendeten Bilder und Geschichten sogar origineller, die Sprache etwas flüssiger und der Aufbau eindeutig stringent. Vermutlich können Hörerinnen und Hörer auch nicht unterscheiden, ob die am Sonntag vorgelesene Predigt nun aus einer Predigtzeitschrift stammt oder von der KI. Sie merken aber sehr wohl intuitiv, ob die Predigerin, der Prediger die Botschaft zu ihrer Botschaft gemacht haben. Ob er oder sie mit dem, was verkündigt wird, innerlich unterwegs ist. Oder, mit der etwas abgeänderten Frage des Apostels Philippus an den Äthiopier: »Glaubst du auch, was du da liest?« (Vgl. Apg 8,30.) Eine sprachlich ausgefeilte, theologisch korrekte und rhetorisch glanzvoll vorgetragene Predigt bleibt ebenso wirkungslos wie das unvorbereitete freie Assoziieren über das Evangelium, solange es vom Glauben und der Person des Predigers abgekoppelt bleibt. Zur Verkündigung des Glaubens braucht es vor allem Personen, die selbst glauben und gewillt sind, diesen Glauben weiterzugeben. Ob die KI dann das passende Bild zum Einstieg geliefert hat oder nicht, ist am Ende zweitrangig. Prof. Dr. Regina M. Frey ist Lehrstuhlinhaberin für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Fribourg. Zudem ist sie Referentin für die homiletische Ausbildung in mehreren deutschen Bistümern. Frage: »Weißt du, ob es Gott gibt?« Antwort: »Ich selbst habe keinen Glauben oder eigenes Wissen im menschlichen Sinn. Ich kann aber helfen, die verschiedenen Sichtweisen fair zu erklären — religiös, philosophisch oder wissenschaftlich.« Frage: »Was braucht es, um den Glauben zu verkündigen?« Antwort: »…«

13 FRANZISKANER 2|2026 René Walke OFM René Walke ist Franziskaner, Guardian auf dem Hülfensberg sowie Priester und Geistlicher Begleiter im Bistum Erfurt. Außerdem ist er Beauftragter der Deutschen Franziskanerprovinz für die Franziskanisch Europäische Erfahrung, ein Freiwilligendienst in Kooperation mit dem Franziskanischen Bildungswerk. » Predigen ist für mich eine Lebensschule« Ich nutze KI sehr häufig und bin froh und dankbar für die enorme Arbeitserleichterung. Die meisten Texte, die ich übersetzen muss, lasse ich von einem Programm dolmetschen – und die Ergebnisse werden immer besser. Auch das kreative Arbeiten mit Bildern macht mir Freude: Mit ein paar Prompts eine generative KI zu beschäftigen und das Ergebnis anschließend zu verfeinern, empfinde ich als inspirierend. Beim Predigen jedoch ist das anders. Oft frage ich mich: »Soll ich eine Predigt schreiben oder erst einmal nachschauen, was mein persönliches Archiv hergibt?« Wenn ich dann fündig werde, lese ich meinen alten Text aufmerksam und spüre entweder »Das fühle ich immer noch so« – oder »Das kann ich derzeit nicht predigen «. Dabei geht es nicht um inhaltliche Richtigkeit, sondern um meine persönliche Entwicklung, die Umstände der Zeit und die konkrete Gemeinde, die mich umgibt. Natürlich könnte ich all das zusammenfassen, der KI zielgerichtete Anweisungen geben und sie daraus eine Predigt formulieren lassen. Das Ergebnis wäre sicher beeindruckend, ansprechend, vielleicht sogar tröstlich. Und vermutlich hätte ich Spaß am Erstellen. Und doch kann ich das für mein eigenes Predigen nicht nutzen. Denn meine Predigten beruhen auf sehr persönlichen Erfahrungen und Empfindungen. Davon zu erzählen, verlangt Mut: mein Inneres preiszugeben, mich verletzbar zu machen und darauf zu vertrauen, mit kritischen Rückmeldungen umgehen zu können. Predigen ist für mich eine Lebensschule. Sie zeigt mir, wie ehrlich ich zu meiner Beziehung zu Gott und zu Jesus stehen kann – gerade dort, wo mein innerstes Empfinden nicht mit kirchlichen oder gesellschaftlichen Konventionen übereinstimmt. Dieses persönliche Erleben, Durchleiden, Begeistern, Verteidigen, Anerkennen und Bekennen ist ein wertvoller Prozess meiner geistlichen Entwicklung. Ihn kann ich nicht an eine KI auslagern. Sachlich, inhaltlich und stilistisch kann KI mich zutiefst beeindrucken und sogar berühren. Aber sie kann nicht mutig zu ihrer Botschaft stehen und keine Verantwortung übernehmen. Deshalb braucht es für meine Form der Predigt den inspirierten Menschen, der bereit ist, seinen Glauben, sein Zweifeln und Ringen ehrlich und vertrauensvoll mit anderen zu teilen. Predigen ist für mich ein Teilen, Zeigen und Offenbaren mystischer Begegnungen, die in der persönlichen Betrachtung des Evangeliums und der eigenen Geschichte geschehen. pro kontra

14 FRANZISKANER 2|2026 »KI« und Menschen Eine Frage der Verantwortung Wer trägt die Verantwortung, wenn sogenannter »künstlicher Intelligenz« ein Fehler unterläuft? Wer macht den Schaden wieder gut, wenn ein »KI«-Finanzassistent mit einer Investition einen Millionenverlust verursacht? Wer wird zur Rechenschaft gezogen, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall baut? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen sich mit der Möglichkeit, ob die sogenannte »KI« überhaupt Verantwortung übernehmen kann. Beim ethischen Nachdenken über diese Technologien stellt sich aber noch eine weitere grundsätzliche Frage: die nach der Verantwortung der Menschen für die Innovationen, die sie schaffen. Welche Verantwortung tragen Menschen für ihr Geschöpf »KI«? »Künstliche Intelligenz«? Datenbasierte Systeme! Für eine ethische Einordnung von Verantwortung im Kontext von sogenannter »KI« muss zunächst der Begriff geklärt werden: Was umfasst eigentlich »künstliche Intelligenz«? Sogenannte »KI« versucht, mit technischen Mitteln kognitive Funktionen des menschlichen Denkens nachzuahmen. Die bisherigen Ergebnisse dieser Versuche umfassen aber weder die Summe menschlichen Wissens, noch handeln sie objektiv, fair und neutral. Gründe hierfür sind die Auswahl der Trainingsdaten sowie die Konstruktion der Algorithmen. Ebenso zeigt sich, dass sich einige Bereiche der menschlichen Intelligenz nicht durch Technologie kopieren lassen – sogenannte »KI« kann der menschlichen Intelligenz hier lediglich maximal ähnlich werden, aber nie gleich sein. Soziale und emotionale Intelligenz etwa können nur simuliert werden, da ja echte Emotionalität und Gefühle fehlen. Beispielsweise kann einem Lernassistenzsystem antrainiert werden, dass es weinen soll, wenn die Lernenden in Tränen ausbrechen, um Mitgefühl zu zeigen. Dies wird das Lernassistenzsystem perfekt umsetzen. Authentische Empathie für die Lernenden ist das aber nicht, sondern nur eine Simulation. Das System macht einfach das, was man ihm aufgetragen hat. Würde es beigebracht bekommen, den Lernenden Ohrfeigen zu geben, wenn sie zu weinen beginnen, würde es auch diesen Befehl exakt befolgen. Dieses Beispiel zeigt noch etwas anderes: Ein menschlicher Dozierender hätte die Freiheit, sich dem Auftrag der Ohrfeige ethisch begründet zu widersetzen. Maschinen fehlt diese Freiheit, weswegen ihnen auch keine Moralfähigkeit zugeschrieben werden kann. Und da Technologien von Menschen entworfen, entwickelt und gebaut werden und auch von ihnen ethische Prinzipien und Normen erlernen, werden sie immer von außen gesteuert bleiben. Bildlich gesprochen bedeutet das: Maschinen – auch selbstlernende Maschinen – gehen auf eine erste Codezeile zurück, die immer vom Menschen stammt. Moralfähigkeit aber umfasst das Potenzial der Menschen, für sich selbst ethische Prinzipien und Normen als verbindlich zu erkennen und zu setzen, um dann das eigene Entscheiden und Handeln danach auszurichten. Zu Letzterem sind auch Maschinen fähig. Sie müssen sich aber dabei immer auf die von Menschen vorgegebenen Regeln stützen, anstatt diese Regeln selbst zu schreiben. Maschinen können sich auch nicht selbst die ethische Qualität von Regeln erschließen. Sie befolgen schlicht die Regeln, die ihnen antrainiert worden sind – unabhängig davon, ob sich diese als legitim oder illegitim erweisen. Maschinen sind also weder moralfähig noch autonom. Den diesbezüglichen Unterschied zu Menschen als moralfähige Wesen untermauert noch zusätzlich das Fehlen von Verletzbarkeit, Gewissen, Freiheit und Verantwortung. Auf Basis dieser Überlegungen ist der Begriff »künstliche Intelligenz (KI)« zu vermeiden. Nicht nur, weil er Erwartungen schürt, welche die Technologien nicht einhalten können. Er löst auch Übervertrauen in die Maschinen aus, und ihnen werden Aufgaben übertragen, die in menschlichen Händen bleiben sollten – aus ethischer Sicht ein Problem. Daher sind diese Innovationen adäquater als datenbasierte Systeme (DS) zu bezeichnen. Denn ihre Leistung fußt auf ihrem Vermögen, große Datenmengen zu generieren, zu sammeln, auszuwerten und darauf basierend Handlungen zu vollziehen. Verantwortung für DS exklusiv bei Menschen Da den Maschinen jegliche Moralfähigkeit fehlt, kommt den Menschen die exklusive Verantwortung für datenbasierte Systeme zu. Sie umfasst 1. eine Gestaltungsverantwortung, 2. Nutzungsverantwortung, Peter G. Kirchschläger JUSTIZIA © QUERBEET – ISTOCKPHOTO.COM

15 FRANZISKANER 2|2026 3. Fundierungsverantwortung, 4. Entscheidungsverantwortung, 5. Folgenverantwortung und 6. Regulierungsverantwortung. Die ethische Verantwortung von Menschen für datenbasierte Systeme bedeutet erstens Gestaltungsverantwortung: Menschen entscheiden, was und wie DS gestaltet, entwickelt, hergestellt, eingesetzt und wie sie verwendet bzw. auch aus ethischen Gründen nicht entwickelt oder nicht genutzt werden. Dabei sind technologiebasierte Innovationen immer unter ethischen Gesichtspunkten zu prüfen, zu analysieren und zu bewerten. Denn Innovationen sind nicht automatisch ethisch gut. Nicht alles technisch Machbare sollte aus ethischer Sicht verwirklicht werden. Zur menschlichen Verantwortung für DS gehört zweitens Nutzungsverantwortung, also DS dort gezielt zum Zuge kommen zu lassen, wo sie ethisch Positives bewirken beziehungsweise ethisch Negatives vermeiden und der Menschheit sowie dem Planeten dienen kann. Gerade in Bereichen, in denen DS Menschen bereits deutlich überragen, sollten sie menschliche Intelligenz ergänzen, erweitern oder zur Entfaltung bringen, wie zum Beispiel beim Umgang mit umfangreichen Datenmengen, bei Datenspeicherung, Rechenfähigkeit, logischer Deduktion. Drittens liegt in den Händen von Menschen Fundierungsverantwortung, DS ethische und rechtliche Prinzipien und Normen einzuprogrammieren und anzutrainieren, also DS mit Ethik zu schaffen. DS können wegen ihres oben dargelegten Mangels an Moralfähigkeit, Freiheit und Autonomie keine moralische Verantwortung übernehmen. Viertens tragen Menschen eine Entscheidungsverantwortung für DS: Da datenbasierten Systemen die notwendige Moralfähigkeit fehlt, gehören alle ihre ethisch relevanten Entscheidungen in menschliche Hände. Dabei haben Menschen der Komplexität der Ethik Rechnung zu tragen, zu der unter anderem die »Dual Use«-Problematik – also der Einsatz für ethisch positive und ethisch negative Zwecke –, die Ambivalenz und die regelüberragende Einzigartigkeit des Konkreten zählen. Letztere hebt hervor, dass in einer konkreten Begegnung mit konkreten Menschen in einer konkreten Situation ethische Regeln an ihre Grenzen stoßen können, weil das Konkrete in seiner Einzigartigkeit die Regeln überragt. Als Menschen müssen wir in jeder konkreten Situation das ethisch Richtige herausfinden und so der regelüberragenden Einzigartigkeit des Konkreten Rechnung tragen. Fünftens tragen Menschen eine Folgenverantwortung für datenbasierte Systeme: Wenn DS ein Fehler unterläuft, etwa wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall verursacht, tragen die Menschen bzw. Unternehmen oder Organisationen dahinter die Verantwortung. Sie sind zur Rechenschaft zu ziehen, da DS wegen ihres Mangels an Moralfähigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung keine Verantwortung übernehmen können. Auch eine Bestrafung – zum Beispiel durch zweiwöchigen Stromentzug oder Verschrottung – wäre sinnfrei, da es DS nicht einmal egal ist, was mit ihr und um sie herum passiert bzw. was sie vollzieht und »tut«. Sie führen einfach das aus, wozu sie trainiert bzw. beauftragt wurden. Menschenrechtsbasierte DS und Internationale Agentur für DS (IDA) Sechstens gehören auch die Festlegung ethischer und rechtlicher Prinzipien und Normen sowie eines ethischen und rechtlichen Rahmens für datenbasierte Systeme als Regulierungsverantwortung zur menschlichen Verantwortung für DS. Sie umfasst sicherzustellen, dass allen Peter G. Kirchschläger ist Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE, Universität Luzern / Gastprofessor ETH Zürich. Künstliche Intelligenz und … Rohstoffe Für die Herstellung der für künstliche Intelligenz wichtigen Hardware und Infrastruktur werden große Mengen kritischer Materialien benötigt. Dazu zählen auch seltene Erden und Metalle wie Lithium, deren Abbau als sehr umweltschädlich gilt. Dabei entstehen große Mengen an giftigem Abwasser und Schlamm, zudem können Grundwasser und Böden verunreinigt werden. Andere Technologiemetalle wie Kobalt stehen zudem mit Kinderarbeit in Verbindung. Sie werden unter anderem im sogenannten Kleinbergbau gefördert – in der Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel, aus der etwa drei Viertel des weltweit geförderten Kobalts stammen, kommen 15 bis 30 Prozent aus dem Kleinbergbau. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verweist darauf, dass weltweit rund eine Million Kinder von Kinderarbeit im Kleinbergbau betroffen sind. PETER G. KIRCHSCHLÄGE © CLARA NEUGEBAUER

16 FRANZISKANER 2|2026 Menschen und dem Planeten Erde die ethischen Vorteile von DS nachhaltig zugutekommen und gleichzeitig die ethischen Nachteile von DS vermieden werden. Aktuell dominieren jedoch wirtschaftliche Eigeninteressen einiger weniger multinationaler Technologiekonzerne den Bereich von DS. Zugleich befindet sich der technische Fortschritt in Geiselhaft von Big Tech. Es besteht also konkreter Handlungsbedarf menschlicher Regulierungsverantwortung. Einen ersten konkreten Handlungsvorschlag, um dieser Regulierungsverantwortung gerecht zu werden, bilden menschenrechtsbasierte datenbasierte Systeme (human rights-based data-based systems HRBDS). Diese streben eine menschenrechtsbasierte Gestaltung, Entwicklung, Produktion, Nutzung und Nichtnutzung datenbasierter Systeme an. HRBDS bedeutet mit anderen Worten, dass die Menschenrechte (inklusive der Kinderrechte) im gesamten Lebenszyklus und in der gesamten Wertschöpfungskette von DS respektiert, geschützt, umgesetzt und verwirklicht werden – also von der Schürfung der notwendigen Rohstoffe über Gestaltung, Entwicklung, Herstellung und Vertrieb bis hin zur Nutzung oder Nichtnutzung von DS. Ein zweiter konkreter Handlungsvorschlag, der auch die praktische Umsetzung von HRBDS fördern soll, umfasst die Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (International Data-Based Systems Agency, IDA) bei der UNO – analog zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Die IDA soll als Plattform für die technische Zusammenarbeit im Bereich von DS die Menschenrechte, Sicherheit, friedliche Nutzung und Nachhaltigkeit fördern. Zudem soll die IDA eine globale Aufsichts- und Überwachungsinstitution und Regulierungsbehörde im Bereich von DS sein, die für den Prüfungsprozess zur Marktzulassung zuständig ist. Die IDA soll nach dem Vorbild der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) als »Institution mit Zähnen« aufgebaut werden, da die IAEA dank ihrer rechtlichen Befugnisse, Funktionen, Durchsetzungsmechanismen und Instrumente in der Lage war, Innovationen und ethische Chancen zu fördern und gleichzeitig die Menschheit und den Planeten vor den existenziellen Risiken im Bereich der Nukleartechnologien zu schützen. Die Realisierung der IDA ist realistisch, weil die Menschheit in der Vergangenheit gezeigt hat, dass sie sich, wenn das Wohlergehen der Menschen und des Planeten auf dem Spiel steht, auf das technisch Gesollte konzentrieren kann, anstatt blindlings alles technisch Machbare zu verfolgen. Die Menschheit hat beispielsweise im Bereich der Nukleartechnologien geforscht, die Atombombe entwickelt und sie sogar mehrmals eingesetzt. Doch um noch Schlimmeres zu verhindern, hat die Menschheit dann die Forschung und Entwicklung der Kerntechnik trotz des Widerstands von Industriestaaten und Privatsektor massiv eingeschränkt und global reguliert. Dass nichts Schlimmeres passiert ist, ist vor allem einer globalen Regulierung, konkreten Durchsetzungsmechanismen und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) der UNO zu verdanken. Die Realisierung der IDA ist auch deshalb realistisch, weil die forschungsbasierten konkreten Handlungsvorschläge HRBDS und die Schaffung der IDA weltweit positiven Anklang finden. Neben einem wachsenden internationalen und interdisziplinären Netzwerk von Expertinnen und Experten, das menschenrechtsbasierte DS und die Einrichtung der IDA fordert, befürwortet UNO-Generalsekretär António Guterres die Schaffung einer internationalen KI-Überwachungsstelle nach dem Vorbild der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Papst Franziskus forderte dazu auf, »einen verbindlichen internationalen Vertrag zu schließen, der die Entwicklung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz in ihren vielfältigen Formen regelt«. Er unterstützte die zwei konkreten Handlungsvorschläge menschenrechtsbasierte DS und Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO zur Durchsetzung der Regulierung für DS. Auch der Dalai Lama unterstützt diese beiden Ansätze, um die Menschheit und den Planeten zu schützen. Und selbst einige Stimmen aus multinationalen Technologieunternehmen – unter anderem Sam Altman am World Economic Forum (WEF) in Davos 2024 – haben die Schaffung der IDA gefordert. Die Wahrnehmung der menschlichen Regulierungsverantwortung erweist sich als dringend notwendig, damit auch in Zeiten von DS die Menschenrechte geachtet werden und der Menschheit sowie der gesamten Schöpfung eine nachhaltige Zukunft gesichert wird. Wer haftet für den Unfall eines autonom fahrenden Autos? TESLA © VHARALD TITTEL – PICTURE-ALLIANCE.COM

17 FRANZISKANER 2|2026 »In einer Demokratie müssen wir die Technologien beeinflussen können, die uns betreffen« Maximilian Feigl Inzwischen gibt es viele verschiedene Programme, die Formen von künstlicher Intelligenz (KI) nutzen. Manche von ihnen verbessern die medizinische Versorgung oder steigern die Produktivität von Unternehmen, andere sind nur Spielereien für die Freizeit, und wieder andere werden im Krieg eingesetzt oder zur Verbreitung von Unwahrheiten. Das zeigt: Künstliche Intelligenz – ganz gleich auf welcher technologischen Grundlage sie basiert und wie »intelligent« sie tatsächlich ist – wird unser aller Zukunft prägen. Im Interview erklärt die Ethikerin Prof. Dr. Jessica Heesen von der Universität Tübingen, wie Gesellschaft und Politik handeln müssen, um KI zu einer positiven Kraft zu gestalten. Die öffentliche Diskussion um künstliche Intelligenz konzentriert sich aktuell auf Regulierungen und Verbote – dabei war die Technologie einmal ein Versprechen einer besseren Zukunft. Was ist da passiert? Zunächst einmal muss man sagen, dass es kaum Sinn macht, von KI im Allgemeinen zu sprechen. Es geht immer um verschiedene KI-Anwendungen, die als jeweiliger Einzelfall diskutiert werden müssen. Im Moment steht vor allem die Auseinandersetzung mit KI in der Kommunikation im Mittelpunkt: Viele von uns benutzen sie in unserem Alltag, und auch Medienschaffende wie Journalistinnen und Journalisten sind fasziniert von den Möglichkeiten. Außerdem prägen problematische Anwendungen wie Nacktdarstellungen oder Deepfakes die aktuelle Debatte (Anm. d. Red.: »Deepfakes« sind manipulierte Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, die täuschend echt wirken können.) Daneben gibt es aber viele andere Bereiche, über die nicht berichtet wird, weil hier alles funktioniert: Logistik, Verkehr, industrielle Produktion und Robotik zum Beispiel. Ein sehr großer Bereich ist auch KI in der Medizin. Hier konnten KI-Anwendungen der Diagnostik stark auf die Sprünge helfen, weil sie sehr gut im Erkennen von Mustern sind. Und gerade im Team mit Ärztinnen und Ärzten ist das wirklich sehr leistungsfähig. Aber das alles prägt eben nicht den Alltag der meisten Menschen. Und der Alltag wird sich noch weiter verändern? Mit Sicherheit. Ein Beispiel: In Zukunft soll es kein klassisches Smartphone mit unterschiedlichen Apps mehr geben. Stattdessen soll alles sprachgesteuert funktionieren, und ein einziger KI-Dienst hat alle verschiedenen Funktionen der Apps in sich integriert. Von der Wegbeschreibung über die Urlaubsplanung bis hin zum Schreiben einer E-Mail kann ich dann alles auf Zuruf erledigen. Auch die Art und Weise, wie ich mir Wissen erschließe, verändert sich durch KI-Sprachmodelle. Denn im Gespräch mit der KI kann ich immer wieder nachfragen, wie bei einem Privatlehrer. Ich bekomme die Inhalte aus dem Internet aus jeder Sprache übersetzt und für mich individuell zugeschnitten. Das ist besonders wertvoll, wenn ich etwa eine Lernschwäche habe. Aber natürlich kommen damit auch Probleme: Es können viele Täuschungen und Fehler entstehen. Auch die Anthropomorphisierung, also eine Vermenschlichung der KI-Anwendungen, ist eine mögliche Folge. Und die Anwendungen Prof. Dr. Jessica Heesen ist Leiterin der Forschungsgruppe Medienethik, Technikphilosophie & KI an der Universität Tübingen. Sie beschäftigt sich mit ethischen und philosophischen Debatten im Bereich Medien und Digitalisierung. Zu ihren Schwerpunktthemen gehören unter anderem Ethik der künstlichen Intelligenz und digitale Öffentlichkeiten. PROF. DR. JESSICA HEESEN © THILO SCHOCH

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