Franziskaner - Sommer 2025

25 FRANZISKANER 2|2026 Zwischen Schaulust und Berührbarkeit Anmerkungen zur Reliquienfrömmigkeit Damian Bieger OFM Im Frühjahr 2026 waren in Assisi die Gebeine des Franz von Assisi öffentlich ausgestellt. Das hat mehrere Hunderttausend Menschen angezogen. Erstaunlich! Immerhin wird zeitgleich im Museumswesen intensiv darüber diskutiert, ob überhaupt – und wenn ja, wie – menschliche Überreste gezeigt werden dürfen. Wie ist das also mit Respekt und Pietät gegenüber den Verstorbenen? Darf man Knochen einfach so in eine Vitrine legen? Es stellt sich aber noch eine weitere Frage: Was sagt der enorme Andrang zu den Gebeinen über die heutige Reliquienfrömmigkeit aus? Der springende Punkt ist nicht, dass Knochen zum Gegenstand der Verehrung werden. Denn die waren und sind ja auch schon vorher im Franziskusgrab präsent gewesen, auch wenn sie nicht zu sehen waren. Schon seit ihrer Errichtung war klar: Die Kirche San Francesco war in Gänze als Grabeskirche und als Verehrungsort des Poverello gedacht. Erst im 19. Jahrhundert hat man den Bereich um das Grab eingegrenzt und dort eine eigene Gebetsstätte eingerichtet, an der viele Menschen zu diesem beeindruckenden Heiligen beten und/oder Kerzen aufstellen. Besser sind die Fragen: Glaube ich an ein Leben nach dem Tod, und ergibt es Sinn, mit Verstorbenen an ihrem Grab innere Zwiesprache zu halten oder eben nicht? Und weiter: Was hilft mir bei diesem Gespräch und was nicht? Beim Bemühen um Antworten stößt man auf archaische Religiosität. Der Philosoph Hermann Lübbe hat das in seinem Werk »Religion nach der Aufklärung« anhand des Leninmausoleums in Moskau sehr kurzweilig dargelegt. Hier ist ein beinharter Atheist auf einmal Kult geworden. Lenin hatte sogar ausdrücklich verboten, dass ein Personenkult um ihn betrieben werden solle. Ausgerechnet Stalin hat dann das Gegenteil in die Wege geleitet, und heute werden laut Wikipedia jährlich rund 1,5 Millionen US-Dollar dafür aufgewendet, dass der Leichnam des sowjetischen Revolutionsführers vorzeigbar und für die Verehrung erhalten bleibt. Katholische Reliquienfrömmigkeit knüpft an die Urreligiosität an und deutet sie aus dem Geheimnis von Tod und Auferstehung Christi. Jesus hat uns am Kreuz zur Freiheit der Kinder Gottes geführt. Die in diesem Glauben wurzelnde Frömmigkeit war und ist je nach Kultur und Zeit mit Freude an der Darstellung und der Ermöglichung von Berührbarkeit verbunden. Das schafft befreiende und tröstliche Praxis, kann aber auch zu regelrechtem Aberglauben führen. Hier verläuft dann eine Grenze! Wer versucht mit menschlichen Überresten Kräfte und Geister zu kontrollieren, macht sich früher oder später davon abhängig. Das öffnet Ängsten und Zwängen Tür und Tor. Bemerkenswerterweise ist selbst der unter dem frommen polnischen Papst Johannes Paul II. herausgegebene Katechismus der Katholischen Kirche im Umgang mit diesem Thema sehr zurückhaltend. Reliquienverehrung wird hier der Volksfrömmigkeit zugeordnet – in einem Atemzug neben dem Aufsuchen von Heiligtümern, Wallfahrten und Prozessionen, Kreuzwegandachten, religiösen Tänzen, dem Rosenkranz und Medaillen. Dabei wird den Geistlichen eingeschärft, dass bei alldem pastorales Unterscheidungsvermögen angesagt ist. Um was es auch geht: Es muss immer deutlich werden, dass es am Ende um das Geheimnis Jesu geht (Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1674–1676). Ob das den Verantwortlichen für die Zurschaustellung der Gebeine des Franziskus im Jahr 2026 gelungen ist, mögen andere beurteilen. reliquie Franziskus © emanuel bianconi – picture-alliance.com

RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=