31 FRANZISKANER 2|2026 Franz Josef Kröger OFM sein. Wieder draußen kann man durch ein Gitter im Boden einen Blick in die Teufelsschlucht tun. Der Legende nach hat Bruder Rufinus hier einer leidenschaftlichen Versuchung durch den Teufel widerstanden. Über eine Steinbrücke führt der Weg auf die andere Seite des Berges. Hier fällt der Blick auf eine uralte Steineiche. Der Legende nach warteten hier die Vögel auf den Segen des heiligen Franziskus. Hier findet man noch am ehesten Ruhe und Stille. Weiter geht es zu den im Wald verstreut liegenden Grotten, die nach den Brüdern Leo, Bernhard, Silvester, Rufin und Masseo benannt sind. Die Botschaften der Carceri Sicher hatte Franziskus einen Hang zum Leben als Einsiedler. Lange ringt er mit sich, ob er »durch die Welt ziehen« oder sich aus ihr zurückziehen soll. Als er Klara und Bruder Silvester, der in den Carceri lebt, zu Rate zieht, erhält er von beiden die gleiche Antwort: »Ich will, dass du zur Predigt ausziehst, weil Gott dich nicht nur deinetwegen berufen hat, sondern auch für das Heil der Mitmenschen.« Damit ist für Franziskus die Entscheidung gefallen. Aber seine Liebe zur Stille, zur Einsamkeit und Beschaulichkeit bleibt. Wann immer er kann, zieht er sich zurück. Franziskus weiß, er braucht diese Zeiten der Stille, um in der Welt bestehen und in ihr wirken zu können. Carceri – dieses Wort steht im entbehrungsreichen Leben des Franziskus als Synonym für einen lebenswichtigen Kraft- und Rückzugsort. Es bedeutet für ihn aber auch: die große Stille, in der er sich immer neu Klarheit über seinen Lebensweg verschaffen kann. Auch Jesus zog sich vor einschneidenden Ereignissen immer wieder in die Einsamkeit zurück, um sich mit seinem Vater im Gebet zu »beraten« und Klarheit über seinen Weg zu gewinnen. Unbeeinflusst von der jeweiligen Tagesmeinung und von Menschen, die Einfluss zu nehmen versuchen, möchte auch Franziskus den Weg finden, auf den Gott ihn ruft. Franziskus möchte – wie Jesus – Gott gehorsam sein. Das kann er aber nur, wenn er ein »Hörender« ist; wenn er immer wieder versucht, auf das zu hören, was Gott ihm sagen möchte – und Gott ist jemand, der eher im leisen Säuseln als im stürmischen Wind spricht; dessen Stimme eher in der Stille und Einsamkeit zu hören ist als im Lärm und der Hektik des Alltags. Carceri steht auch für die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Lebens. In den Einsiedeleien hat Franziskus gelernt, sich und sein Leben »der Nacht anzuvertrauen«. Dabei geht es nicht nur um durchwachte Nächte, sondern um die Erfahrung, dass die dunklen Seiten des Lebens nicht von Gott wegführen müssen. Der Mensch muss sie vor Gott nicht verstecken, und auch das Dunkle des Lebens ist bei ihm gut aufgehoben. Franziskus hat in den Carceri, in den Einsiedeleien überhaupt, eine seiner Lebensquellen gefunden, Kraftorte, wo er sich seines Weges in der Kreuzesnachfolge Jesu Christi immer neu vergewissern kann. Vielleicht steht auch deshalb im Mittelpunkt einer jeden Einsiedelei wenigstens ein Brunnen – nach dem Motto des Bernhard von Clairvaux: »Sei wie ein Brunnen, der zuerst das Wasser in sich sammelt und es dann freigebig weiterschenkt.«
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