32 FRANZISKANER 2|2026 Schweigen ist keine Option Eines Nachmittags erhielt Bruder Angelito Cortez, ein Franziskaner- Minorit aus den Philippinen, einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Mit ruhiger Stimme erklärte der Anrufer: »Wir haben den Befehl, dich zu töten. Vier von uns sind bereits in Manila im Einsatz, aber als wir herausfanden, dass du Priester bist, haben wir gezögert. Wir wollen nicht, dass deine Familie leidet.« Sie kannten seinen Namen. Sie wussten, wo er wohnte. Sie verfolgten seine Bewegungen und beobachteten seine Familie. Und sie wollten, dass Bruder Angelito das wusste. Die Drohung kam nicht aus heiterem Himmel. Im Jahr 2016 verkündete Rodrigo Duterte – damals Präsident der Philippinen, heute Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof – einen »Krieg gegen Drogen«. In Wirklichkeit wurde daraus ein Krieg gegen die Armen. Sicherheitskräfte drangen in die Slums ein und töteten wahllos mutmaßliche Drogenkonsumenten. Anonyme Hinweisboxen an Straßenecken wurden dabei oft genutzt, um persönliche Feindschaften auszutragen. Zivilgesellschaftliche Gruppen schätzen, dass in den folgenden Jahren über 26.000 Menschen ermordet wurden. Gemeinsam mit seinen Brüdern, Schwestern und anderen Geistlichen versuchte Bruder Angelito alles, um diese Menschen zu schützen. Kirchen boten den Verfolgten Zuflucht und leisteten den Familien der Opfer seelsorgerische Unterstützung. Zusammen mit Franciscans International prangerte Bruder Angelito wiederholt die außergerichtlichen Tötungen vor den Vereinten Nationen an und forderte die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen auf. So wurde er selbst zum Ziel einer staatlich sanktionierten Einschüchterungskampagne und von »Red-Tagging« – einer auf den Philippinen verbreiteten Praxis, bei der Opfer als kommunistische Rebellen gebrandmarkt werden. All dies gipfelte in dem Anruf seines potenziellen Mörders. »›Red-Tagging‹ ist nicht nur eine Verleumdung. Es ist ein Todesurteil«, sagt Bruder Angelito. »Ich konnte nicht nach Hause zurück. Ich konnte nicht lange an einem Ort bleiben. Wochenlang bewegte ich mich heimlich von einem Kloster zum nächsten, nur das Nötigste im Gepäck und mit dem Wissen, dass ich beobachtet werde.« Mindestens 427 Aktivisten wurden vor ihrer Ermordung Opfer von »Red-Tagging«, oft auf Betreiben von Regierungsvertretern. Mitte 2022 entschied der Obere von Angelito, dass das Risiko zu groß sei. Er riet ihm, das Land zu verlassen und in »freiwilliges« Exil zu gehen. Angriffe und Drohungen gegen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten sind kein neues Phänomen. Das Internet und der Einsatz künstlicher Intelligenz haben dem Ganzen jedoch eine neue Dimension verliehen. Das gilt auch für die Philippinen, wo über 96 Prozent der Internetnutzer auf Facebook aktiv sind. Die dortige Regierungsbehörde National Task Force to End Local Communist Armed Conflict etwa hat rund 270.000 Follower auf der Plattform – und nutzte diese Reichweite regelmäßig für »Red-Tagging« von kritischen Stimmen und anderen Aktivisten. Oft setzten sich die daraus resultierenden Online-Drohungen im echten Leben fort. Weltweit stehen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten wie Bruder Angelito vor einem Dilemma. Das Internet und insbesondere die sozialen Medien sind ein wirkungsvolles Instrument, um Informationen zu verbreiten, die andernfalls verborgen bleiben. Mit ihnen lassen sich schwer zu erreichende Gruppen mobilisieren. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, sich Gefahren auszusetzen, sobald man sich online zeigt. Eine aktuelle Umfrage der internationalen Nichtregierungsorganisation Global Witness unter Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten ergab, dass 92 Prozent der Befragten Online- Attacken erlebt haben. Diese reichte von öffentlicher Verleumdung und Doxxing – also das gezielte Veröffentlichen persönlicher Daten wie Adressen oder Telefonnummern – bis hin zu gezielten Cyberangriffen. KI erleichtert diese Angriffe und verwischt zudem die Grenze zwischen dem, was real ist, und dem, was nicht real ist. Angst als Waffe gegen alle, die sich für Menschenrechte einsetzen demonstration © bernice beltram – picture-alliance.com
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