42 FRANZISKANER 2|2026 Selbstbe-Spiegelungen jacob backer, nathan und david, 1633, öl auf leinwand Stefan Federbusch OFM »Stärker als Hass ist nur Liebe.« Mit dieser urchristlichen Botschaft beendete der puerto-ricanische Rapper Bad Bunny die Halbzeitshow des diesjährigen Superbowl. Er verwies auf den, der eine andere Form von Macht verkörpert – eine Macht, deren Stärke nicht in wachsender Dominanz, sondern in der Allmacht ohnmächtiger Liebe liegt. In einem zunehmend autokratischen Amerika, in dem das Recht immer mehr zum Recht des Stärkeren degeneriert, wird das plötzlich zu einer hochpolitischen Ansage. Dieser Gegensatz von Dominanz und dienender Macht spiegelt sich wider im Verhältnis zwischen Papst und Präsident. Denn dass der mächtigste Mann der Welt das Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft derart frontal verbal angreift, ist trotz aller historischen Konflikte zwischen Staat und Kirche eine neue Dimension. US-Präsident Donald Trump nannte Papst Leo XIV. »schwach« in der Verbrechensbekämpfung, eine »Katastrophe« in der Außenpolitik, »schrecklich« und »ahnungslos« in Bezug auf den Irankrieg. Ihn ärgerten offensichtlich die Nadelstiche, die Papst Leo immer wieder gegen die amerikanische Politik setzte. Bereits im Januar 2026 hatte er in seiner Ansprache an die Diplomatinnen und Diplomaten im Vatikan die Verletzungen der multilateralen Ordnung und des Völkerrechts gegeißelt. Insbesondere in seinen Ansprachen an den Kar- und Ostertagen ließ er keinen Zweifel daran, was er vom aktuellen Vorgehen Trumps hält. Ohne ihn beim Namen zu nennen, sprach er von »Allmachtsfantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden«. Christen könnten nicht an der Seite jener stehen, die »heute Bomben abwerfen«. Als Präsident Trump dem Iran am Morgen des 7. April mit der »Vernichtung einer ganzen Zivilisation« drohte, nannte der Papst das am selben Abend »inakzeptabel«. Ein weltweites Friedensgebet nutzte er zu einer leidenschaftlichen Antikriegspredigt. Darin sagte er den treffenden Satz: »Wer betet, ist sich seiner Grenzen bewusst.« Gebet als Gegenentwurf zu Großmachtsfantasien. Auch in den USA regt sich kirchlicher Widerstand. Robert Walter Kardinal McElroy etwa sprach in Washington, D. C., von einem »unmoralischen Krieg« gegen den Iran und endete unter langem Applaus der Kirchgänger mit den Worten: »Wir müssen laut und mit einer Stimme antworten: Nein! Nicht in unserem Namen! Nicht jetzt! Nicht mit unserem Land!« Dies richtete sich auch gegen den US-Vizepräsidenten JD Vance und Außenminister Marco Rubio, die beide katholisch sind, sowie gegen den evangelikalen Pentagon- Chef Pete Hegseth. Dessen Aussage »Möge jede Kugel ihr Ziel finden gegen die Feinde der Rechtschaffenheit und unserer großen Nation« provozierte deutlichen Widerspruch: Die »New York Times« sprach vom »Evangelium des Gemetzels«, und Reinhard Kardinal Marx nannte sie eine »schamlose Gotteslästerung«. Der »National Catholic Reporter« sieht Amerikas Katholiken vor einer Gewissensentscheidung: »Die Umstände und unser Glaube rufen uns auf zu einem neuen Moment und einer neuen Position im öffentlichen Leben. Werden wir uns mitschuldig machen an Drohungen von Völkermord gegen andere Kulturen? Ob wir uns durch Trumps Anti-Triduum oder durch grobe Verzerrungen des gewaltfreien Christus definieren lassen, liegt an uns.« Mit dem Begriff »Anti- Triduum« wird auf das Triduum Sacrum angespielt – die drei heiligen Tage von Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern. Gemeint ist ein politischer Gegenentwurf zu den dort verkörperten Werten von Dienst, Gewaltlosigkeit, Hingabe und Solidarität mit den Schwachen. Trump setzte noch einen drauf: Mittels KI-generierter Bilder inszenierte er sich als Jesus persönlich. In seiner Grandiosität stilisiert er sich als Messias- und Erlösergestalt. Doch wie tritt man einem entgegen, der sich mit göttlicher Bestimmung ausgestattet glaubt und Politik als göttliche Mission betreibt? Da braucht es die Unerschrockenheit eines Propheten Nathan, der den Machtmissbrauch von König David entlarvt und ihm schonungslos den Spiegel seines unmoralischen Verhaltens vorhält (vgl. 2 Samuel 11–12). Als Katholiken stehen wir vor einer Gewissensentscheidung: Folgen wir der pseudotriumphalistischen Stärke des Möchtegernkönigs Trump oder dem gewaltfreien Christus des Evangeliums und den Friedensbemühungen von Papst Leo?
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