Franziskaner - Sommer 2025

7 FRANZISKANER 2|2026 Leben erschaffen – dieser Gedanke fasziniert den Menschen seit jeher. So erzählt etwa der römische Dichter Ovid in seinen »Metamorphosen« von dem Bildhauer Pygmalion, der eine so vollkommene Statue erschafft, dass er sich in sie verliebt. Die Göttin Venus schenkt der Statue schließlich das Leben. Aus dem alten Indien wiederum ist die Geschichte von Vishvamitra überliefert: Dem König gelang es, durch Askese eine solche mystische Kraft zu erlangen, dass er einen zweiten Himmel mit einer weiteren Hierarchie von Göttern erschaffen konnte – wie ein zweiter Brahma, einer der Hauptgötter im Hinduismus. Ganz ohne göttliche Aspekte handelte hingegen der chinesische Ingenieur Yan Shi. In dem Text »Das wahre Buch vom quellenden Urgrund« erzählt der Philosoph Liezi davon, dass Yan Shi für den Zhou-­ König Mu (956 bis 918 v. Chr.) einen künstlichen Krieger anfertigte. Dieser konnte sich nicht nur wie ein Mensch bewegen, sondern sogar singen und mit Frauen flirten. Möglich war das, so Liezi, durch eine genaue Nachbildung menschlicher Organe, die die einzelnen Funktionen steuerten. Der Text wird häufig als die erste Erwähnung eines Roboters angesehen. Vom Golem zum Roboter Künstliches Leben war auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein Thema – ein Beispiel hierfür ist etwa der Golem aus der jüdischen Literatur. Und Alchemisten versuchten immer wieder, einen kleinen Menschen, einen Homunculus, zu erschaffen. Eine genaue Beschreibung des Vorgehens liefert die Schrift »De natura rerum« aus dem Jahr 1538, die dem Schweizer Arzt Paracelsus zugeschrieben wird. Aber auch aus dem zweiten Teil von Goethes »Faust« ist die Figur des Homunculus bekannt. Der Schriftsteller Jonathan Swift wiederum beschrieb 1726 in seinem satirischen Roman »Gullivers Reisen« ein fantastisches Gerät, das von alleine neues Wissen generieren konnte. Heute wird dies als erste künstliche Intelligenz in der Literatur gewertet. Im Jahr 1770 versuchte der Österreicher Wolfgang von Kempelen, in die Fußstapfen von Yan Shi zu treten, als er seinen »Schachtürken« vorstellte. Ein Apparat, der scheinbar dazu in der Lage war, selbstständig Schach zu spielen, tatsächlich aber von einem Menschen gesteuert wurde. Zu dieser Zeit herrschte eine allgemeine Faszination für Automaten und mechanische Apparate, was auch literarisch verarbeitet wurde. Bekanntes Beispiel hierfür ist die 1816 veröffentlichte Erzählung »Der Sandmann« von E.T.A. Hoffmann, in der sich der Protagonist Nathanael in Olimpia verliebt, eine mechanische Puppe. Und beinahe zeitgleich erdachte die englische Schriftstellerin Mary Shelley ihre eigene Version eines künstlichen Wesens: Frankensteins Monster. Maximilian Feigl

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