Franziskaner - Herbst 2026

18 FRANZISKANER 3|2026 Sterben lernen Andreas Brands OFM Kleine Anleitung zum »Sterben« S T E R B E N Schule des Loslassens Transitus Endlich leben Rückgabe Beziehungsklärung Einüben in Vertrauen Nicht ins Nichts fallen Kann man sterben lernen? Ein merkwürdiger Gedanke. Gehen wir einmal unserer Todesstunde entgegen, wird es ernst. Sie ist ein einmaliger Augenblick, von daher nicht einübbar. Also geht das überhaupt: sterben lernen? Die Worte oben geben einen Hinweis. Zeit unseres Lebens lernen wir in der Schule des Loslassens: Abschiede und kleine Tode bereiten uns vor. Wenn es im Herzen zieht und zwackt und wehtut. Denn Verluste begleiten unser Leben – ebenso wie Trennungen, Aufbrüche und Neuanfänge. Mit dem Moment unseres Lebensbeginns fängt es an. Der Start in die Welt beginnt mit dem Verlassen des Mutterschoßes. Menschen kommen zum Lebenskreis hinzu, andere gehen. Über Kindergarten, Schule und Ausbildung oder Studium lernen wir Übergänge kennen. Der erste Teddy geht verloren, eine erste Freundschaft zerbricht. Und peu à peu begreifen wir die Endlichkeit des Lebens, auch des eigenen. Ich erkenne: Mein Leben ist Gabe. Und eines Tages ist seine Rückgabe gefordert. Was in meinen Beziehungen noch offen ist, will jetzt geklärt werden. Jetzt ist die Zeit dafür. Das Einüben in Vertrauen fordert mich heraus, und eine letzte Frage tut sich auf: Glaube ich, dass ich ins Nichts falle – oder eben nicht? Mir fallen die Fragen ein von Max Frisch, die er in seinen Tagebüchern notiert hat: Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr? Was tun Sie dagegen? Haben Sie keine Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben? Möchten Sie wissen, wie sterben ist? Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten? Können Sie sich ein leichtes Sterben denken? In einem Seminar für Trauerbegleitung habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, • ein Testament zu schreiben, um die Hinterbliebenen wissen zu lassen, was ihnen im Leben wichtig war, • einen Koffer für die letzte Reise zu packen. Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Die Erfahrung ist: Das ist gar nicht so einfach, diesen Koffer zu füllen. Ein paar Gegenstände fallen mir sofort ein, aber bald schon wird der Platz knapp. Was würden Sie in Ihren letzten Koffer packen? Warum sollte ich sterben lernen? Das klingt fast so, als sollte ich einüben, wovor ich mich doch lieber schützen möchte. Ja, ich bin

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