Franziskaner - Herbst 2026

19 FRANZISKANER 3|2026 ein lernender Mensch, es gehört zu meiner DNA: Ich lerne gehen und sprechen, lesen und rechnen, lieben und vergeben, arbeiten und Zeit gestalten. Ich lerne Sprachen sprechen und ein Handwerk. Aber sterben lernen? Und doch: Es gehört zu den großen geistlichen Aufgaben des Lebens, die eigene Endlichkeit nicht zu verdrängen. Dazu fällt mir ein Abschied ein, der mich sehr berührt hat. M. ist gestorben. 16 Jahre alt, ein junger Mann mit Träumen und Hoffnungen. Ein waschechter Bayer, Fußballspieler, voller Energie. Ein Jahr lang durfte ich ihn als Klinikseelsorger in München erleben, begleiten, mit ihm hoffen, mit ihm bangen. Irgendwann hatte er Schmerzen nach einem Spiel im Fuß, die Untersuchungen brachten das traurige Ergebnis: Non-Hodgkin-Syndrom, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Nach einer ersten Chemo sah alles gut aus, doch dann, nach einem halben Jahr, habe ich ihn wieder im Klinikum getroffen: rezidiv. Der Krebs war wieder da. »Weißt du, wenn der Scheiß hier vorbei ist, dann fahren wir zwei an die Ostsee«, hat er mir bei einem der letzten Telefonate gesagt. Wie gerne wäre ich mit dir an die Ostsee gefahren! Stattdessen habe ich dich zwei Wochen später beerdigt. Was mir geschenkt war? In deiner Todesstunde war ich bei dir. Wie viel Schmerz du durchlebt hast – ich kann es nur erahnen, denn dein Schreien ging ans Mark. Dann: ein letzter Atemzug. Und Stille. Und dann nur noch weinen über dein junges Leben, das so früh zu Ende gegangen ist. Heute halte ich den Fisch aus Speckstein in meinen Händen, den du mir im Krankenhaus geschenkt hast. Mich rührt dieser Moment immer noch an. Seine Oberfläche ist glatt, die Flosse auf dem Rücken gezackt. Ein Stein, der mehr ist als ein Stein. Für mich ist er das Sakrament, das mich an dich erinnert. Sterben lernen beginnt nicht erst am Krankenbett. Es beginnt viel früher: dort, wo ich akzeptiere, dass ich nicht unendlich Zeit habe. Dort, wo ich aufhöre, alles festhalten zu wollen. Dort, wo ich frage: Was ist wesentlich? Was bleibt? Was muss ich noch sagen? Wem schulde ich Dank? Wem ein Wort der Versöhnung? Sterben lernen heißt dann: leben lernen im Angesicht der Grenze. Wach sein. Dankbar bleiben: für einen Menschen, der für mich da ist; für einen neuen Morgen, der mir geschenkt wird; für ein Wort, das trägt; für einen Glauben, der auch dort noch eine Sprache findet, wo uns die Worte ausgehen. Ich habe das Leben nicht gemacht. Ich kann es nicht festhalten. Aber ich darf es zurückgeben. Sterben lernen wird zur Schule des Lebens: dass ich heute liebe, heute danke, heute vergebe, heute bete, heute das Wesentliche suche. Nicht erst irgendwann. Nicht erst, wenn alles geklärt ist. Heute. Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, damit ich klug werde. Lehre mich leben, solange ich Zeit habe. Lehre mich lieben, solange mir Menschen anvertraut sind. Lehre mich loslassen, was ich nicht halten kann. Und wenn meine Stunde kommt, dann lass mich nicht fallen — nimm mich auf in dein Licht kind und hund © fatcamera – istock.com

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