Franziskaner Herbst 2026 www.franziskaner.de Schwester Tod Weitere Themen: Die Zumutungen des Lebens annehmen Interview mit Uli Viereck +++ Portiunkula Ein Ort für die »Ewigkeit« +++ Geistlicher Wegbegleiter 800 Jahre Transitus des heiligen Franziskus
»Franziskaner« Unser Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart erscheint viermal im Jahr und wird klimaneutral auf 100 % Recyclingpapier gedruckt. Sie können es sich kostenlos nach Hause liefern lassen. Deutsche Franziskanerprovinz Provinzialat Frau Viola Richter Sankt-Anna-Straße 19, 80538 München zeitschrift@franziskaner.de Tel.: 0 89 2 11 26-1 50, Fax: 0 89 2 11 26-1 11 Spenden zur Finanzierung dieser Zeitschrift erbitten wir unter Angabe des Verwendungszwecks »Spende Zeitschrift« auf das Konto der Deutschen Franziskanerprovinz, IBAN DE49 5109 0000 0077 0244 09, BIC WIBADE5W bei der Wiesbadener Volksbank. Inhalt 4 Das kleine Assisi im Rheingau Abschied von Marienthal 5 Angebote und Anregungen 6 Schwester Tod • Herr, sei gelobt für unsere Schwester Tod • Am Ziel die Pforte des Lebens • »Heute sind Tod und Trauer hoch individualisiert« • Bestattungskultur im Wandel • Sterben lernen 21 Geistlicher Wegbegleiter 25 Kloster Vossenack Abschied der Franziskaner 26 Das Ende der Zwillinge Erinnerungen zum 25. Jahrestag des 11. September 30 Portiunkula Ein Ort für die »Ewigkeit« 32 Franciscans International (FI) Was stirbt, wenn ein Erbe nicht weitergegeben wird 34 Franziskanische Lebensgeschichten Fer van der Reijken OFM 36 Die Zumutungen des Lebens annehmen Interview mit dem Künstler Uli Viereck 39 Nachrichten 40 Kursangebote 41 Bruder Rangel kocht 42 Kommentar 43 Impressum Germanicus auf Reisen »Die Zumutungen des Lebens annehmen« Im Interview erzählt der Künstler Uli Viereck, wie seine Kunst und die Arbeit im Palliativzentrum zusammenhängen und welchen Einfluss Franziskus auf ihn hat. Seite 36 Portiunkula Für Franziskus war die franziskanische Präsenz in Portiunkula nicht verhandelbar. Und auch 800 Jahre später ist sie noch immer da – doch ihr Gesicht hat sich verändert. Seite 30
3 FRANZISKANER 3|2026 Schwester Tod Sterben und Tod gehören zu den Themen, über die wir meist erst sprechen, wenn sie uns im persönlichen Umfeld einholen. Dabei begleitet uns die eigene Endlichkeit von Beginn unseres Lebens an. Martin Heidegger hat diese Realität in die berühmte Formel gefasst, das menschliche Dasein sei ein »Sein zum Tode«. Was zunächst düster klingt, eröffnet eine überraschende Perspektive: Gerade weil unser Leben endlich ist, gewinnt jeder Tag an Gewicht, jede Entscheidung an Bedeutung, hat jede Begegnung ihren unverwechselbaren Wert. Als Kaplan in Euskirchen durfte ich über Jahre hinweg Woche für Woche Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten. Manche Freunde konnten kaum verstehen, dass ich Beerdigungen gerne gehalten habe. Und doch war es so. Kaum ein anderer seelsorglicher Dienst hat mich so erfüllt. Mitten in Trauer und Abschied geschah etwas zutiefst Menschliches: Erinnerungen wurden geteilt, Dankbarkeit ausgesprochen, Hoffnung neu gewagt. Der Tod zeigte sich als Ernstfall des Lebens – und zugleich als Ort, an dem das Wesentliche aufleuchtet. Franz von Assisi geht noch einen Schritt weiter. Wer das Leben als Geschenk empfängt, kann auch seine Endlichkeit annehmen. Deshalb nennt er im Sonnengesang den Tod »sora morte corporale«, Schwester leiblicher Tod. Er dämonisiert den Tod nicht, sondern nimmt ihn als Teil der Schöpfung ernst. Wer sich allen Geschöpfen geschwisterlich verbunden weiß, braucht auch dem Tod nicht mit Angst zu begegnen. In diesem Jahr feiern wir den 800. Jahrestag des Transitus des heiligen Franziskus – seines Hinübergangs in das Leben bei Gott. Bis heute prägt die Hoffnung auf die Auferstehung den christlichen Umgang mit Sterben und Tod. Nicht zufällig ist in vielen Todesanzeigen vom »Hinübergehen« die Rede. Dahinter steht die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Gerade darin zeigt sich christliche Lebenskunst: Wer den Tod nicht aus seinem Leben verdrängt, lebt bewusster und hofft tiefer. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und einen lebensfrohen, bunten Herbst. Br. Markus Fuhrmann OFM (Provinzialminister) frau ©.alan morales – unsplash.com
4 FRANZISKANER 3|2026 Das kleine Assisi im Rheingau Abschied von Marienthal »Gott liebt dich«, so die Zusage per entsprechend geschnittenen Heckenpflanzen am Wallfahrtsort Marienthal. Dazu ein Tau-Kreuz, das franziskanische Segenszeichen. Seit 152 Jahren verkünden die Franziskaner diese frohe Botschaft, über alle schwierigen Zeiten wie Kulturkampf, Weltkriege und eine zunehmende Säkularisation hinweg. Am 15. August 2026 hieß es nun aber Abschied nehmen – für die sieben Brüder vor Ort, aber auch für die Deutsche Franziskanerprovinz. Dazu wurde bewusst der Festtag Mariä Himmelfahrt gewählt, da Marienthal mit dem Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter seit über 500 Jahren ein Marienwallfahrtsort ist. Zunächst zum Bistum Mainz gehörend, wurde er 1827 Teil des neu gegründeten Bistums Limburg. 1873 kamen die Franziskaner nach Marienthal. Die Brüder erfüllten vor Ort eine doppelte Aufgabe: Sie betreuten zum einen die Wallfahrtspilger mit Liturgie und Beichtdienst, zum anderen empfingen sie Gäste zum Mitleben. Der Abschied von Marienthal wurde notwendig, weil der Ordensgemeinschaft inzwischen das nötige Personal für den Erhalt des Klosters fehlt. Zum Festakt zeigte sich nicht nur die Sonne, auch zahlreiche Geistliche, Politikerinnen und Politiker sowie Hunderte Menschen aus der Region nahmen teil. Hauptzelebrant war Weihbischof Thomas Löhr, der für die Ordensgemeinschaften im Bistum Limburg zuständig ist. In der Prozession wurde das Gnadenbild aus der Kirche auf den Wallfahrtsplatz getragen. In seiner Predigt betonte Weihbischof Löhr die Menschenwürde, die heute zunehmend missachtet werde. »Wer kniet, kann anderen nicht auf die Füße treten.« In seiner Abschiedsansprache verwies er auf den Sonnengesang des heiligen Franziskus. Im Tal von Marienthal finde sich sehr viel davon: Bruder Sonne, Schwester Wasser ebenso wie Mutter Erde. Durch die Wallfahrt habe die Vergebung hier einen großen Platz gehabt, und der Friedhof künde von Bruder Tod. Auch gab er bekannt, wie es mit der Wallfahrt weitergeht: Ab November werden zwei Vinzentiner vom heiligen Paul aus der indischen Provinz Kerala ins Bistum kommen, die bereits seit 20 Jahren in Berlin vertreten sind, und zunächst im Pfarrhaus in Eibingen wohnen. Von dort aus werden sie auch in der Pfarrseelsorge mitarbeiten. Die Übergangszeit wird von der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau überbrückt. Derzeit konstituiert sich ein Förderverein, der das künftige Wallfahrtswesen in seiner Neuausrichtung unterstützen will. Die bisherigen Bewohner des Klosters Marienthal zusammen mit Provinzialminister Markus Fuhrmann und Weihbischof Thomas Löhr kirche © joko – picture-alliance.com
Mystiker der offenen Augen Über Mystik und Politik Das aktuelle »Tauwetter«- Heft zeigt, was franziskanische Spiritualität für den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung bedeutet. Eine »Mystik der offenen Augen« nimmt das Leid der Menschen wahr, fragt nach Gerechtigkeit und fordert zum Handeln heraus. Der Mystiker Franziskus Zugänge zur Mystik des 13. Jahrhunderts Diese Ausgabe von »Tauwetter« richtet den Blick auf Franziskus als Mystiker. Dabei eröffnet das Heft verschiedene Zugänge zur mystischen Seite des Heiligen und seiner Zeit – und fragt zugleich, welche Bedeutung Mystik für das konkrete Leben haben kann. Franziskusfest Feiern Sie mit uns! Jedes Jahr feiern wir Franziskaner das Fest unseres Ordensgründers. Am Abend des 3. Oktober gedenken wir seiner Sterbestunde. Dieses Fest wird Transitus genannt. Am 4. Oktober findet dann das Hochfest des heiligen Franziskus statt. Im Laufe der Zeit hat sich hier in jedem unserer Klöster eine je eigene Tradition entwickelt. In diesem Jahr kommt aus Anlass des 800. Todestages des hl. Franziskus eine Reihe von besonderen Veranstaltungen zu den üblichen Gottesdiensten und Festakten hinzu. Dazu sind alle herzlich eingeladen. Eine Auswahl: Berlin In der Woche vor dem Franziskusfest wird in allen Gottesdiensten im Franziskanerkloster Berlin-Pankow das Leben des hl. Franziskus in den Blick genommen. Am 3. Oktober findet die Transitusfeier um 18.00 Uhr in der alten Kirchenruine des Grauen Klosters in Berlin-Mitte statt. Das Hochfest des heiligen Franziskus beginnt am 4. Oktober um 10.30 Uhr in der Krankenhauskapelle Maria Heimsuchung. ▶▶ www.haltestille.de Fulda Auf dem Frauenberg in Fulda wird ein umfangreiches Programm zum 800. Todestag von Franziskus angeboten. Dazu zählen unter anderem eine Tiersegnung (3. Oktober, 14.00 Uhr), die Transitusfeier (3. Oktober, 17.30 Uhr) und der Festgottesdienst mit anschließendem Frühschoppen (4. Oktober, 10.30 Uhr). Alle Gottesdienste finden in der Klosterkirche statt. ▶▶ www.fulda.franziskaner.de Georgsmarienhütte Haus Ohrbeck feiert den Transitus mit einem musikalisch-textlichen Gedenken an das Leben und Sterben des heiligen Franziskus von Assisi (3. Oktober, 17.00 Uhr). Das Franziskusfest beginnt am 4. Oktober um 10.00 Uhr. Beide finden in der Pfarrkirche St. Antonius in Holzhausen statt. ▶▶ www.haus-ohrbeck.de Vierzehnheiligen Auch in der Basilika von Vierzehnheiligen findet eine Segensfeier für Menschen und Tiere statt (3. Oktober, 14.00 Uhr), die Transitusfeier beginnt am 3. Oktober um 18.00 Uhr. Das Hochamt zum Fest des heiligen Franziskus beginnt am 4. Oktober um 10.30 Uhr. ▶▶ www.vierzehnheiligen.de Frankfurt am Main Am Samstag, 17. Oktober 2026, um 14.00 Uhr feiert Bischof Dr. Georg Bätzing in der Kapuzinerkirche Liebfrauen in Frankfurt am Main mit der Franziskanischen Familie den Abschlussgottesdienst in der Reihe der 800-Jahr-Jubiläen. Um 20.00 Uhr wird dann am selben Ort das Oratorium »IL CANTICO – Francesco von Assisi und die Geschichte des Sonnengesangs« aufgeführt. ▶▶ www.franziskanisch.net Zusätzliche Informationen und Termine in weiteren Klöstern finden sich auf deren Webseite oder unter ▶▶ www.franziskaner.de Der Bezug des Heftes ist kostenfrei: tauwetter@franziskaner.de oder in digitaler Form auf ▶▶ www.franziskaner.de/ tauwetter
Herr, sei gelobt für unsere Schwester Tod skulptur © grand whitty – unsplash.com
7 FRANZISKANER 3|2026 Es gibt Sätze, die haben es in sich. »Herr, sei gelobt für unsere Schwester Tod« ist so ein Satz. Er klingt verstörend. Wollte ich den Tod etwa loben? Wollte ich ihn gar zum Teil der Familie machen? Dabei habe ich doch gute Gründe, mich gegen ihn zu wehren, vor ihm zurückzuschrecken oder ihn anzuklagen. Meine Erfahrung ist: Der Tod nimmt. Er unterbricht. Er reißt Lücken, die niemand schließen kann. Er beendet Gespräche, bevor alles gesagt ist. Er kommt plötzlich oder erwartet, friedlich oder unter Schmerzen. Er trifft alte Menschen, die lebenssatt sterben dürfen, und junge Menschen, deren Geschichte kaum begonnen hat. Er macht keinen Bogen um Häuser, in denen gebetet wird, und keinen um Häuser, in denen niemand mehr betet. Ihm kann, wie Franziskus formuliert, kein Mensch lebend entrinnen. Und doch steht am Ende des Sonnengesangs – im Italienischen ist der Tod weiblich – diese Anrede: Schwester Tod, »sora nostra morte corporale«. Überraschend ist die Nähe, die dadurch zum Ausdruck kommt. Denn Franziskus spricht den Tod nicht als Gegner an oder als biologisches Ende. Er stellt ihn hinein in die große Geschwisterlichkeit der Schöpfung, in der Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde ihren Platz haben. Alles Geschaffene wird durchsichtig auf Gott hin. Und selbst der Tod, dieser dunkle Gast, wird nicht aus der Welt Gottes ausgeschlossen. Das ist keine Naturromantik. Der Sonnengesang ist mehr als nur das Liebeslied eines barfuß umhergehenden Troubadours. Franziskus dichtet ihn nicht in den Glanzjahren seiner Jugend, voller Andreas Brands OFM Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod. Ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe denen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun. Kraft und Enthusiasmus. Eher Patchwork als ein Gesamtentwurf wird der Sonnengesang additiv zusammengesetzt. Erste Strophen komponiert er um das Jahr 1224. Die unversöhnlichen Auseinandersetzungen zwischen Bischof und Bürgermeister von Assisi motivieren ihn später, die Strophe über die Vergebung und das Leid hinzuzufügen. Die Strophe über Schwester Tod entsteht am Ende seines Lebens. Franziskus ist schwer krank, fast blind, sein Körper ist aufgebraucht, seine Beine tragen ihn nicht mehr, die Wundmale schwären. Zu den physischen Leiden kam der Schmerz über die Zerrissenheit seiner Gemeinschaft. Je schneller die Schar der Brüder gewachsen war, desto größer wurden die inneren Auseinandersetzungen über das rechte Leben nach dem Evangelium. Die Strophe vom Tod dichtet Franziskus, als er spürt, dass die Stunde seines Sterbens nahe ist. Er schreibt nicht über den Tod der anderen. Er spricht vom eigenen Tod, der auf ihn zukommt. Das macht die Strophe glaubwürdig – und ebenso schwer. Hier redet keiner, der den Tod aus sicherer Entfernung betrachtet. Hier redet einer, der ihm entgegengeht. Am Abend des 3. Oktober 1226 stirbt Franziskus vor dem Kirchlein Portiunkula, das für seinen Weg so bedeutsam war: Denn dieser Ort unterhalb von Assisi war ihm vor allen anderen auf der Welt ans Herz gewachsen.
8 FRANZISKANER 3|2026 In dieser kleinen Kirche hatte er beim Hören des Evangeliums seine Berufung erkannt, wie die Apostel Jesu auszuziehen, um in aller Welt die Frohe Botschaft zu verkünden. Hier wurde Klara eingekleidet, hier versammelten sich die Brüder jedes Jahr zum Pfingstkapitel. Hier wollte er seinen irdischen Weg beenden. Seine Biografen erzählen, er habe sich hierhin bringen und nackt auf die Erde legen lassen, um auch noch in dieser Stunde nichts für sich sein Eigen zu nennen oder gar für sich zurückzubehalten. Vielleicht lässt sich aus dieser Perspektive die Strophe von Schwester Tod am besten verstehen: Sie beschönigt den Tod nicht. Sie nimmt ihn ernst als Grenze, als Macht, als Wirklichkeit – und sie stellt ihn zugleich in den Horizont Gottes. Der Tod bleibt Tod. Aber er ist nicht der Ort, an dem Gott aufhört. Er ist nicht die letzte Instanz. Auch dort nicht, wo wir Menschen uns mit dem Theologen und Dichter Huub Oosterhuis fragen: »Mein Los ist Tod, hast du nicht andere Segen?« In unserer Zeit ist das eine Herausforderung. Wir leben in einer Kultur, die den Tod einerseits täglich zeigt und andererseits aus dem eigenen Leben verdrängt. In den Nachrichten ist der Tod allgegenwärtig, im persönlichen Alltag wird er oft ausgelagert: in Kliniken, Pflegeheime, Hospize und Bestattungsunternehmen. Aber der Tod ist nicht abstrakt, es stirbt nicht einfach »jemand«. Es stirbt ein Mensch, der geliebt hat und geliebt wurde, der gehofft hat und gestritten, gearbeitet und versäumt, gelacht und geweint. Der russische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko schrieb einmal: »Wenn ein Mensch stirbt, dann stirbt mit ihm sein erster Schnee, sein erster Kuss, sein erster Kampf.« Eine einmalige Geschichte wird nicht weitergeschrieben. Viele Menschen sehen aber kaum noch einen Toten. Sie wissen nicht, was zu tun ist, wenn jemand stirbt. Viele haben Angst, die falschen Worte zu sagen. Schweigen stellt sich ein. Deshalb wundert es nicht, dass Menschen Sterbe- oder Trauerbegleitung anbieten und versuchen, Wege aus dem Schweigen aufzuzeigen und Gefühle, Fragen, Ängste und Hoffnungen ins Wort zu bringen. Es braucht den Raum für die Trauer, wenn nach dem letzten Atemzug eine Stille entsteht, die lauter ist als jedes Wort. Es braucht Raum für die Würde des sterbenden Menschen und für die Hilflosigkeit derer, die danebenstehen. Es braucht Raum für Rituale, Gebete, Gesten und letzte Wünsche, für Kinderfragen, für die Einsamkeit der Hinterbliebenen und für die Dankbarkeit, die manchmal mitten im Schmerz aufscheint. Um diesen Raum zu geben, darf die christliche Rede vom Tod nicht zu schnell trösten. Sie wird nicht über die Tränen hinweggehen, sie wird nicht so tun, als sei der Tod eigentlich nur halb so schlimm. Auch Franziskus sagt nicht: Der Tod tut nicht weh. Er sagt: »Ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.« Das ist nüchtern, aber Franziskus bleibt hier nicht stehen. In der Strophe von Schwester Tod spricht er vom »zweiten Tod«, der denen kein Leid antun wird, die im Tod in Gottes Willen geborgen sind. Das ist eine Glaubensaussage. Sie gehört in eine Zeit, in der das Heil des Menschen, Sünde, Gericht und ewiges Leben anders gedacht wurden als heute. Und doch berührt sie eine Frage, die bis heute geblieben ist: Ist der Tod das Ende? Die christliche Hoffnung antwortet darauf mit Vertrauen. Sie sagt nicht: Sterben ist leicht. Sie sagt: Du fällst nicht ins Nichts. Sie sagt nicht: Trauer ist überflüssig. Sie sagt: Deine Toten sind nicht verloren. Sie sagt nicht: Der Tod ist gut. Sie sagt: Gottes Liebe ist stärker. In dieser Aussage steckt die eigentliche Provokation der Strophe von Schwester Tod. Den Tod so zu nennen, heißt nicht, ihn zu lieben wie einen vertrauten Menschen. Es heißt auch nicht, ihn herbeizuwünschen. Es heißt, ihn nicht aus der Wirklichkeit Gottes herausfallen zu lassen. Wir werden der Strophe von Schwester Tod nicht sofort zustimmen können. Vielleicht müssen wir ihr widersprechen. Vielleicht müssen wir sie eine Weile mit uns tragen, bis sie wie eine Einladung klingt. Eine Einladung, über das Sterben zu sprechen, bevor es sprachlos macht. Eine Einladung, letzte Dinge nicht erst dann zu ordnen, wenn keine Zeit mehr bleibt. Eine Einladung, Menschen beim Sterben nicht alleinzulassen. Eine Einladung, die Toten zu ehren und die Trauernden nicht zu übersehen. Eine Einladung, das Leben nicht aufzuschieben. Der Alte Jüdische Friedhof in Prag entstand im 15. Jahrhundert und zählt zu den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas. Auf engem Raum stehen hier Tausende historische Grabsteine – ein eindrucksvolles Zeugnis jüdischer Geschichte. friedhof © krzystof plocha – unsplash.com
9 FRANZISKANER 3|2026 Am Ziel die Pforte des Lebens Wie Franziskus Schwester Tod begrüßt Wir sind »Pilgernde und Gäste in dieser Welt«: Regel und Testament des Poverello erinnern an diese frühchristliche Weisheit. Pilgernde wandern zielgerichtet: Sie haben täglich ein Nahziel im Blick, und sie gehen auf ein Fernziel zu. Wer das ganze Leben als Pilgerweg versteht, sieht das Fernziel am Ende des Weges. Todesanzeigen spiegeln Vorstellungen davon. »Luzia lebt in unseren Herzen fort« – nur da? »Marc ist nicht mehr« – wirklich? »Toni ist von seinem Leiden erlöst« – wohin denn? Franziskus’ Gefährten meißelten ihre Gewissheit in einen kleinen Stein aus rotem Assisifels, als der Generalminister Pietro Cattani überraschend früh starb und in der Portiunkula beerdigt wurde. Der schlichte Stein ist in die rechte Außenwand der Kapelle eingemauert: »Im Jahre des Herrn 1221 hat der Leib von Bruder Pietro Cattani am 10. März hier seine Ruhe gefunden. Er selbst ist zu Gott gewandert. Der Herr schenke seiner Seele Lebensfülle (Segen)!« Franziskus ließ sich in seinen letzten Tagen von Assisis Bischofspalast, in dem er gepflegt worden war, zur Portiunkula bringen. Wo das gemeinsame Leben der Brüder begonnen hatte und wo sie nach ihren Wandermissionen immer wieder zusammenfanden, wollte er seinem Leib wie dem des Gefährten Pietro die letzte Ruhe gönnen. Von da aus würde auch seine Seele »zu Gott wandern«. Die Barditafel von Florenz, die erste Bildbiografie des Heiligen, drückt diese Vorstellung symbolstark aus. Sie stellt den Leib des Verstorbenen dar, der wieder in seine Kutte gehüllt auf einem rot bedeckten Lager liegt und von den Brüdern betrauert wird. Über dieser Szene tragen zwei Engel ein Kind in weißem Tuch in den Himmel. Es steht für die Seele des Heiligen, die gleichsam in die ewige Welt hineingeboren Niklaus Kuster OFMCap
10 FRANZISKANER 3|2026 wird. Die parallele Szene im linken Bildstreifen der Tafel stellt die Weihnachtsfeier von Greccio dar. Hier liegt das Jesuskind neu geboren auf einen Felsen gebettet, in derselben Haltung wie der aufgebahrte Heilige rechts. Zweimal Kind, zweimal Geburt, zweimal liegend: Das Kommen des Gottessohnes in die Welt bewirkt am Ziel des Weges, dass der Tod »zur Pforte des Lebens« wird, wie Franziskus es laut seinem ersten Biografen Thomas von Celano sterbend bekannt hat. Die Transitusfeiern, zu denen viele franziskanische Gemeinschaften am Abend des 3. Oktober jährlich einladen, erinnern an diesen »Durchgang« (trans-itus) durch die Pforte des Lebens, der aus der irdischen Existenz am Ziel des Weges in die Ewigkeit führt. Das tiefe Vertrauen, dass Voll-Endung am Ende des Lebens eben Fülle bedeutet, will dabei von Franziskus her unser eigenes Leben ermutigen. Thomas von Celano erinnert an das Vertrauen, mit dem der Bruder seine »Schwester Tod« willkommen hieß. Als die Brüder Franziskus an jenem Vorabend zum 4. Oktober 1226 ziehen lassen mussten, vertraute er sich dieser Gefährtin an: Nicht Schreckgestalt, Skelett oder Sensenmann, sondern von Gott geschaffen und wegkundige Begleiterin von der irdischen Welt ins volle Licht Gottes. Der Biograf erinnert auch daran, wie ganzheitlich der Ordensgründer sein Ankommen am Ziel des Lebens gestaltet hat. Er wählt den Ort seiner letzten Stunden dankbar und liebevoll aus – die Kapelle, in der er seine Berufung zum brüderlichen Leben und seine Sendung als neuer Jünger Jesu fand: »Er wollte seine Seele dort Gott zurückgeben, wo er in der Zeit seiner Suche den Weg der Wahrheit gänzlich erkannt hatte« (1 C 108). Franziskus bezieht das Ambiente stimmungsvoll ein: »Er lud auch alle Geschöpfe zum Lobpreis Gottes ein, und durch Worte, die er einst gedichtet hatte, forderte er sie zur Liebe Gottes auf. Ja, sogar den Tod persönlich, von vielen gefürchtet, rief er zum Lobpreis. Fröhlich ging er dieser Schwester entgegen« (2 C 217). Rituale trugen dazu bei, das eigene Vertrauen zu nähren und das seiner Liebsten zu stärken: »Er ließ das Evangelienbuch bringen und bat, man möge ihm den Bericht nach Johannes vorlesen von der Stelle an, wo es heißt: ›Vor dem Osterfest‹ usw. Er erinnerte sich jenes Abendmahles, das Christus mit seinen Jüngern zuletzt feierte. Zum Erweis, welch innige Liebe er zu seinen Brüdern hatte, tat er dies alles. Darauf benützte er die wenigen Tage, die bis zu seinem Heimgang noch übrig waren, zum Lobe Gottes und forderte seine Gefährten auf, mit ihm Christus zu preisen« (2 C 217). Während heute viele Menschen anonym sterben, sorgte Franziskus dafür, dass seine Liebsten die letzten Stunden miterlebten. Der Freundin Jakaba schrieb er Tage zuvor einen Brief, der sie schnell nach Assisi zu kommen bat: »Wenn sie ihn, den sie so glühend (...) geliebt hat, noch sehen wolle, bevor er ins Vaterland heimkehre, dann solle sie in höchster Eile kommen. Der Brief wurde geschrieben, ein Eilbote gesucht, und dieser rüstete sich zur Reise. Da hörte man plötzlich vor dem Eingang Gewieher von Pferden, Lärm von Soldaten, zahlreichem Tross. Einer der Gefährten, der gerade dem Boten Anweisungen gab, ging an die Tür und fand diejenige anwesend, die er von fernher holen lassen wollte ... Dass an dem Wunder nichts fehle, fand sich, dass die heilige Frau alles mitgebracht hatte, was Franz im eben fertiggestellten Brief zu seinem Begräbnis gewünscht hatte: Ein aschgraues Tuch, das den Leib des Scheidenden bedecken sollte, viele Kerzen, Die Terrakotta-Armee wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. für das Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huang errichtet. Die rund 8.000 lebensgroßen, individuell gestalteten Soldaten, Pferde und Streitwagen sollten den Kaiser auch im Jenseits beschützen. terrakotta-armee © falco negenman – unsplash.com
11 FRANZISKANER 3|2026 1 C = Thomas von Celano, Erste Lebensbeschreibung des hl. Franziskus 2 C = Thomas von Celano, Zweite Lebensbeschreibung des hl. Franziskus 3 C = Thomas von Celano, Abhandlung über die Wunder des hl. Franziskus Die vor rund 4.500 Jahren errichtete Cheopspyramide in Giseh diente als Grabmal des Pharaos Cheops. Sie war Teil einer weitläufigen Grabanlage und sollte dem Herrscher den Übergang ins Jenseits ermöglichen. ein Linnen für sein Antlitz, ein kleines Kopfkissen und jenes Gericht, das sich der Heilige gewünscht hatte, brachte sie mit« (3 C 37–38). Dass Franziskus sterbend auch noch an Mandelkuchen dachte, um die er Jakaba in seinen Zeilen bat, korrigiert das Bild des strengen Asketen: Der reife Poverello kann herzhaft genießen und seinem Leib Gutes tun! Der letzte Wunsch an die Brüder zeichnet ein berührendes Bild: »›Wenn ihr seht, dass es mit mir zu Ende geht, so legt mich nackt (...) auf den Boden und lasst mich, wenn ich verschieden bin, so lange so liegen, wie man braucht, um gemächlich eine Meile weit gehen zu können.‹ – So kam seine Stunde und, da sich Christi Geheimnisse alle an ihm erfüllt hatten, entschwebte er glückselig zu Gott« (2 C 217). Dass der Sterbende dabei an den Kirchenvater Hieronymus und sein Motiv des »nackt dem nackten Christus Folgen« dachte, ist wenig wahrscheinlich. Er wollte die Welt schlicht so verlassen, wie er in sie gelangt war: nackt! Der erste Tod, den der Sonnengesang als Schwester anspricht, wirkt als Hebamme bei der Geburt ins ewige Leben. Ihr darf sich jeder anvertrauen. Zu fürchten ist nur der »zweite Tod«: jener der Seele, wenn der Mensch am Ziel sich von Gottes Nähe und der großen Gemeinschaft der Vollendeten ausschließt, wie es der ältere Bruder im Gleichnis des verlorenen Sohnes tut. Franziskus ermutigt uns, eine eigene Antwort zu finden auf acht Fragen. Ortswahl: Wo möchte ich mein Leben vollenden? Ambiente: Welche Stimmung wünsche ich? Musik? Rituale: Was wäre stärkend und verbindend? Menschen: Wen möchte ich um mich haben? Genuss: Was möchte ich nochmals genießen? Sorge: Was wünsche ich an Pflege? Kleid: Womit möchte ich am Ziel eingehüllt sein? Tod: Welchen Namen gebe ich ihm oder ihr? – Das ist mehr als das, was eine Patientenverfügung vorsieht! Dr. Niklaus Kuster ist Kapuziner und lebt in Rapperswil am Zürichsee. Neben seiner Tätigkeit als reisender Bildungsarbeiter und Buchautor lehrt er franziskanische Spiritualität und Spiritualitätsgeschichte an der Universität Luzern sowie den Ordenshochschulen in Münster und Madrid. pyramiden © crystal yz – unsplash.com
12 FRANZISKANER 3|2026 Heute sind Tod und Trauer hoch individualisiert« Der Umgang unserer Gesellschaft mit Tod und Trauer hat sich verändert: Während der Tod in den Medien beinahe allgegenwärtig scheint, hat dessen praktische Erfahrung die Familien verlassen. Heute findet er vor allem in Kliniken, Pflegeheimen und Hospizen statt. Die Trauer wiederum wird ins Private gedrängt – bei der Arbeit und im Alltag soll der Mensch weiter funktionieren. Im Interview erklärt Verena Maria Kitz, Leiterin des Fachzentrums Trauerseelsorge im Bistum Limburg, wie sie diese Entwicklungen wahrnimmt, welche Bedeutung Rituale für Trauernde haben und wie sie sich verändern. Frau Kitz, gibt es einen Trend, den Tod zu tabuisieren? Ich erlebe es verschieden: Viele Menschen machen einen Bogen um das Thema, gerade auch, was das eigene Sterben oder den Tod naher Menschen anbelangt. Zugleich nimmt die Zahl der Menschen zu, nicht zuletzt beispielsweise durch die Hospizbewegung, die sich intensiv mit den Fragen von Tod und Sterben auseinandersetzen und/oder sich sogar in diesem Feld für andere engagieren. Wie erleben Sie es in Ihren Gesprächen, wie bereiten sich die Menschen auf ihren eigenen Tod vor? Manche gehen das Thema bewusst und direkt an, verfassen die notwendigen Dokumente: Patientenverfügung, Vollmachten über den Tod hinaus, Testament. Zum Teil bereiten sie ihre eigene Trauerfeier und Beisetzung bis ins Detail vor und begleichen die Kosten im Voraus. Für einige ist der Tod eines nahen Menschen Anlass, auch für sich selbst Dinge regeln zu wollen. Und andere, selbst wenn eine lebensbedrohliche Erkrankung vorliegt, schieben alles auf die Seite und weigern sich, sich mit solchen Fragestellungen zu befassen. Das betrifft nun den eigenen Tod. Wie gehen die Menschen mit dem Verlust ihrer Lieben um? Reaktionen auf den Tod eines lieben Menschen sind so vielfältig wie die Menschen. Aber es hat sich etwas verändert: In früheren Zeiten gab es – zumindest in unseren Regionen – bestimmte Rituale, Bräuche und Verhaltensregeln, wenn ein naher Angehöriger verstarb. Gemeinsame Gebete wie etwa das abendliche Rosenkranzgebet der Nachbarn am Totenbett gibt es nur noch sehr selten – damit fallen viele gemeinschaftlich praktizierte Trauerriten weg. Heute sind Tod und Trauer hoch individualisiert, und zu den traditionellen christlichen Deutungs- und Bewältigungsmustern sind viele verschiedene Orientierungspunkte hinzugekommen. Manche Menschen sind sehr auf ihre Partnerschaft, Familie oder einen engen Freundeskreis bezogen, der ihnen Halt gibt. Andere versuchen, ihr Leben nach verschiedenen Richtungen zu optimieren: Gesundheit, Sport, lange leistungsfähig sein. Wieder andere engagieren sich – auch ohne ausdrücklich christlichen Kontext – sehr für andere Menschen wie Geflüchtete oder Sterbende und finden darin auch für sich selbst Sinn im Hier und Jetzt. » Der Fröhliche Friedhof in Rumänien. Der Künstler Stan Ioan Pătraș hat über Jahrzehnte hinweg die traditionellen hölzernen Grabstelen mit handgemalten Bildern der Verstorbenen und mit Versen zu ihrem Leben verziert. fröhlicher friedhof © daniel mirlea – unsplash.com
13 FRANZISKANER 3|2026 Verena Maria Kitz ist Pastoralreferentin, Geistliche Begleiterin/Trauerbegleiterin sowie Leiterin des Fachzentrums Trauerseelsorge im Bistum Limburg. Das klingt nicht unbedingt nach dem, was man unter Trauer versteht. Viele Trauernde erzählen uns, dass ihr Umfeld sehr schnell nach der Beisetzung erwartet, dass sie wieder »funktionieren«, »nach vorne schauen«. So wird die Trauer sehr stark zur Privatsache, und das birgt die Gefahr der Überforderung. Nicht wenige kommen in die Trauerbegleitung mit der Frage: Wie geht denn eigentlich trauern? Trauer ist, so hat es eine Trauerforscherin formuliert, eine »natürliche Reaktion auf einen bedeutenden Verlust«. Darin steckt die Klarstellung: Trauer ist keine Krankheit, nicht grundsätzlich therapiebedürftig, sondern Menschen können trauern – und lernen so vom Anfang des Lebens an, mit Verlusten umzugehen. Denn die gehören zum Leben dazu. Trauer ist also eine Reaktion auf einen Verlust – und damit wichtig, um Wege zu finden, mit diesem Verlust leben zu lernen. Wie die Wege aussehen, ist höchst individuell, und eine Trauerbegleitung kann helfen, den eigenen Weg in der Trauer zu finden. Höchst individuell sind inzwischen ja auch die Wünsche zur Bestattung. Welche Veränderungen und Wünsche nehmen Sie hier wahr? Sehr klar ist der Trend zur Feuerbestattung, der meistgewählten Bestattungsform. Ein klassisches großes Familiengrab ist zur Ausnahme geworden. Das hat vielfältige Gründe: Viele leben längst nicht mehr dort, wo sie aufgewachsen sind, und können sich kaum um eine große Grabstätte kümmern – abgesehen von wenigen Besuchen im Jahr. Zugleich wünschen sich viele eine würdevolle, auch ästhetisch ansprechende Form. Dem kommen Begräbniskirchen sehr entgegen, die oft architektonisch sehr qualitativ gestaltet sind. Zudem halten sie in der Regel eine gewisse Form von Begleitangeboten für Trauernde vor und bieten damit neue gemeinschaftliche Wege der Trauer. Andere suchen die Nähe zur Natur in Friedwäldern oder Ruheforsten. Diese Bestattungsorte sind zwar sehr schön, für wenig mobile Menschen aber oft schwer erreichbar. Insgesamt zeigt sich auch hier der Wunsch nach einer möglichst individuell passenden Grabstätte und auch Trauerfeier, in der die Würdigung der Biografie der verstorbenen Person für die Angehörigen einen hohen Stellenwert hat. Das neue Bestattungsrecht von Rheinland-Pfalz hat diese Vielfalt von Bestattungsformen noch deutlich erweitert mit Flussbestattungen oder sogar der Möglichkeit, die Urne eines Angehörigen mit nach Hause zu nehmen. An diese sogenannten neuen Bestattungsformen gibt es eine Reihe von Fragen, auch aus christlicher Sicht, gerade was die anonymen Formen ohne persönliche Grabstätte angeht. Stoßen diese individuellen Wünsche nicht auch an Grenzen? In der Trauerbegleitung erzählen Menschen oft, dass sie für sich selbst erst nach dem Tod ihres geliebten Menschen entdeckt haben, wie wichtig eine Grabstätte für sie ist: als Ort für ihre Trauer oder auch der Kommunikation mit der verstorbenen Person. Das kann natürlich auch an anderen Orten geschehen, aber die Chance dieses besonderen Ortes würde ich allen wünschen. Von daher ist es wichtig, dass der Kostendruck nicht dazu führt, dass Menschen mit geringerem Einkommen sich keine Beisetzung mehr leisten können. Es darf nicht dazu kommen, dass sie allein aus finanziellen Gründen eine Bestattungsform wählen müssen, bei der es keinen persönlichen Ort gibt. Das gilt etwa für das Ausstreuen der Asche.
14 FRANZISKANER 3|2026 Sie hatten erwähnt, dass vor allem die gemeinschaftlichen Trauerriten verschwinden und hoch individualisierte Formen ihren Platz einnehmen. Es gibt vielfältige, persönlich gestaltete Rituale. Eine Mutter, deren Sohn als Jugendlicher an einer Krebserkrankung verstorben ist, hat erzählt, dass sie die Freunde ihres Sohnes an seinem Geburtstag eingeladen hat, es gab sein Lieblingsessen, und sie haben erzählt. Und in den Folgejahren haben die Freunde sich genau diese Treffen weiter gewünscht. Manche Trauernde schreiben ihre Erinnerungen auf, sammeln die digitalen Nachrichten, Lieblings-Playlists, Videos und Fotos mit und von den Verstorbenen oder lassen sich zum Gedenken ein Tattoo mit persönlichen Motiven stechen. Im digitalen Raum gibt es vielfältige Formen des Gedenkens und Erinnerns mit der Gestaltung von virtuellen Trauerräumen oder Begleitung durch Trauer- Apps. Und auch ganz traditionelle, »analoge« Formen sind wichtig: sich mit anderen Trauernden zu treffen, über ihre Erfahrungen in der Trauer zu sprechen und auch gemeinsame, schlichte Formen des Gedenkens und Betens oder Gestaltens für die Verstorbenen zu praktizieren. In der virtuellen Welt werden auch sogenannte Avatare, also digitale Verkörperungen der Verstorbenen, beliebter. Verhindert dies nicht, Verstorbene wirklich loszulassen? Aus der Trauerforschung wissen wir noch zu wenig, wie sich diese Avatare wirklich auf die Trauer um eine verstorbene Person auswirken. Ich habe von manchen gehört, die es vor allem für sich als wichtige Möglichkeit sahen, die Erinnerung an ihre Toten zu bewahren. Die Sorge, so vieles zu vergessen, treibt ja viele Trauernde um. Zugleich ist es sicher erschwerend für den Abschied, wenn mir die verstorbene Person scheinbar lebendig und interaktiv im digitalen Raum begegnet. Wie können wir im Alltag »abschiedlich leben« – also mit dem Bewusstsein, dass das Leben endlich ist – und uns auf unser Sterben und den Tod anderer vorbereiten? Es ist gut, sich mit dem eigenen Sterben und Tod zu befassen – denn dass er kommen wird, ist todsicher, nur der Zeitpunkt eben nicht. Aber man/frau sollte ein gesundes Maß finden und nicht pausenlos mit dem Tod beschäftigt sein. Einige wichtige Klärungen helfen natürlich allen Beteiligten, zum Beispiel eine Patientenverfügung oder Regelungen des eigenen digitalen Nachlasses. Auch ein Gespräch mit nahen Menschen über Wünsche zur eigenen Beisetzung können entlasten. Im Alltäglichen gefällt mir das »Gebet der liebenden Aufmerksamkeit« sehr gut als eine Form, abschiedlich zu leben. Ich schaue mir zum Beispiel am Abend noch einmal meinen Tag an, bringe alles vor Gott, dankend und bittend – entdecke, wenn ich etwas mit anderen oder Gott noch klären möchte, und vermeide damit eher, dass sich innere Lasten anhäufen. Die können am Ende des Lebens sehr belastend sein. Welche Angebote halten Sie für trauernde Menschen bereit? Und können Sie konkrete Tipps geben? In unserer Einrichtung gibt es ein breit gefächertes Programm für Menschen in Trauer, ganz unabhängig von Konfession oder Religion. Dazu zählt die Möglichkeit persönlicher Gespräche zur Trauerbegleitung oder psychologische Beratung. Wir bieten aber auch gemeinschaftliche Aktivitäten, wie zum Beispiel ein Trauercafé oder Möglichkeiten zu gemeinsamen Erfahrungen in der Natur beim Wandern. Und natürlich zählen auch gemeinsame Gottesdienste zu unseren Angeboten. Angesichts der vielfach benannten Individualität unserer Zeit bin ich aber vorsichtig mit allgemeinen Tipps. Mir persönlich hilft, wenn ich mit anderen darüber sprechen kann, wie sie mit diesen Fragen umgehen. Daraus können sich stärkende Ideen, durchaus unterschiedlich akzentuiert, entwickeln. Großmogul Shah Jahan ließ das Tadsch Mahal zum Gedenken für seine im Jahre 1631 verstorbene Frau Mumtaz Mahal errichten. Es verschmilzt persische Architektur mit indischen Elementen und zählt zu den herausragenden Werken der indo-islamischen Baukunst. Interview: Stefan Federbusch OFM, Bearbeitung: Maximilian Feigl tadsch mahal © hanan edwards – unsplash.com
15 FRANZISKANER 3|2026 Bestattungskultur im Wandel Friedhöfe als Spiegel der Zeit Die Gestaltung eines Friedhofs erzählt sehr viel über das Leben der Menschen und ihren Umgang mit Sterben und Tod. Der Friedhof mit seinen unterschiedlichen Grabanlagen zeigt die Veränderungen in der Bestattungspraxis der letzten Jahrzehnte und ist damit zugleich Spiegel des Wandels einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. In diesem Jahr war ich zur Urlauberseelsorge auf Borkum und bin dort unterschiedlichen Orten des Gedenkens begegnet. Am alten Leuchtturm gibt es den kleinen Walfängerfriedhof, dessen Name auf die Haupteinnahmequelle der ostfriesischen Insel in früheren Jahrhunderten verweist. Gegenüber dem Seezeichen »Großes Kaap« liegt der »Drinkeldodenkarkhoff«, was hochdeutsch »Friedhof für Ertrunkene« bedeutet. In den Dünen, in der »Dodemannsdelle« (= »Tal des toten Mannes«) wurden die angespülten Leichname der Schiffbrüchigen bestattet. Seit 2009 erinnert ein Denkmal an die einstige Ruhestätte. Ein ökumenischer Gedenkort dient »Zur Erinnerung an die auf See vor Borkum Bestatteten«. Auf zwei großen Steinplatten mit wellenförmigem Rand finden sich kleine Namenstäfelchen derer, die auf See bestattet werden wollten. Den Angehörigen ist so ein Ort der Trauer gegeben. Ein weiterer besonders gestalteter Ort ist ein Teil des evangelisch-lutherischen Friedhofs unter dem Motto »Ruhen inmitten der Wogen«. Es handelt sich um eine Urnengrabanlage, die mit Mitteln des von der EU geförderten Projektes »Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen« errichtet wurde. Die Christusgemeinde, zu der der Friedhof gehört, vermerkt dazu: »Der Wandel der Bestattungskultur bietet die Chance, Grabanlagen durch naturnahe Flächen reicher und attraktiver für Mensch und Natur zu gestalten.« Die Urnengrabstätten sind alle mit Namen, Sterbedatum und einem Spruch gekennzeichnet. Die Mitte der Anlage bildet ein Boot aus Holz mit Bänken darin, dessen Mast zugleich ein Kreuz darstellt. Die Art der Gestaltung »soll Hinterbliebenen das Gefühl geben, dass Menschen, die von ihnen gegangen sind, einen ›Ankerplatz der Ruhe‹ gefunden haben«. Der Friedhof ist »auch der Ort, an dem die Botschaft verkündet wird, dass Jesus Christus dem Tod die Macht genommen hat«. Ich habe selten einen Ort gefunden, der mich auch persönlich so angesprochen hat. Friedhöfe stellen Fragen: Wo möchte ich meine letzte Ruhestätte finden? Wie soll sie gestaltet sein? Was soll sie über mich erzählen? Wissen meine Angehörigen um meine Vorstellungen? Habe ich meine Wünsche schriftlich festgehalten? »Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.« Diesen Hinweis der Dichterin Mascha Kaleko gilt es, im Herzen zu erwägen, denn es sind die Angehörigen, die mit dem Tod eines lieben Menschen klarkommen und dafür ihre persönliche Form der Trauer finden müssen. Lange galten in unserer christlich geprägten Gesellschaft zwei miteinander verknüpfte »Normalitäten«: die Sargbestattung und die konfessionelle Beerdigung. Beerdigt wurde auf dem geweihten »Gottesacker«, je nach Konfession getrennt. Mittlerweile ist die Zahl der kirchlichen Bestattungen auf unter 40 Prozent gesunken. Heute lassen sich in Deutschland bereits gut 80 Prozent der jährlich rund eine Million Verstorbenen in einer Urne und nur noch knapp 20 Prozent in einem Sarg bestatten. Während die evangelische Kirche die Kremation bereits 1920 erlaubte, war dies für die katholische Kirche erst in den 1960er-Jahren gestattet. Bis dahin galt Kremation als »neuheidnisch«, und Katholiken, die sich einäschern ließen, durften nicht kirchlich beerdigt werden. Die katholische Kirche legt Stefan Federbusch OFM
16 FRANZISKANER 3|2026 aber bis heute Wert darauf, dass die Asche bestattet und nicht verstreut wird. Aufgrund des Glaubens an die leibliche Auferstehung hatten die christlichen Kirchen eine Kremierung lange abgelehnt. Mit einem Erlass im Jahr 786 verbot Kaiser Karl der Große die Verbrennung von Toten und führte die Erdbestattung verpflichtend ein. In der modernen Neuzeit fanden die ersten Feuerbestattungen in Deutschland im Jahr 1874 in Breslau und in Dresden statt. Am Krematorium in München findet sich eine Tafel, auf der die erste Feuerbestattung für den 28. November 1912 vermerkt ist. Mit der zunehmenden Urnenbestattung geht die Gestaltung eines Grabsteins verloren, der so etwas ist wie eine kleine Visitenkarte. Wurden früher als Ausdruck christlichen Glaubens Symbole gewählt wie Kreuze, Alpha und Omega, betende Hände, Christus- oder Marienfiguren, so zeugen heute die bildlichen Darstellungen nicht selten von den Hobbys der Verstorbenen: ein Fußball, ein Musikinstrument, ein Buch, ein Tier. Biblische Verse mit der Verheißung der Auferstehung sind weltlichen Sprüchen gewichen. In Deutschland sind die Bundesländer für das Friedhofswesen zuständig, sodass es aktuell unterschiedliche Regelungen gibt, was beispielsweise den Friedhofszwang angeht – also die Pflicht zur Beisetzung auf offiziellen Friedhöfen. Da für Protestanten das Grab den Ort heiligt und nicht umgekehrt, ist in protestantisch geprägten Gegenden ein schnellerer Wandel hin zur Auflösung des Friedhofszwangs zu beobachten. Als am 1. September 2003 Nordrhein-Westfalen in einem neuen Bestattungsgesetz diesen aufhob, war der Protest noch groß. Bei dem neuen Friedhofsgesetz von Rheinland-Pfalz (2025) fiel der Widerspruch dann schon deutlich geringer aus. Auch dieses ermöglicht neue Formen der Bestattung, wie das Ausbringen der Asche, die Flussbestattung, die Aufbewahrung zu Hause oder die würdevolle Weiterverarbeitung von Teilen der Asche. Von kirchlicher Seite wird hier vor allem die Herabsetzung der Mindestruhefrist für Urnenbeisetzungen kritisiert, sie wurde von 15 auf nur noch fünf Jahre verkürzt. Auch wird gewünscht, dass der Name als Zeichen für die Einmaligkeit und Würde der verstorbenen Person über den Tod hinaus an der Grabstelle erkennbar bleibt und eine gottesdienstliche Feier zum Begräbnis auch dann stattfinden kann, wenn eine neue Bestattungsform außerhalb des Friedhofs gewählt wird. Die neuen Bestattungsformen selbst sind hingegen nicht mehr Gegenstand der Kritik. Eine alternative Bestattungskultur wurde unter dem Begriff »Friedwald« bekannt. 1999 erhielt der Schweizer Ueli Sauter die Genehmigung zu einem Bestattungswald. Die Totenasche wird dabei unter Bäumen beigesetzt. Während sie in der Schweiz am Baum verstreut wird, muss sie in Deutschland und Österreich Die Urnengrabanlage »Ruhen inmitten der Wogen« auf Borkum steht für den Trend in der christlichen Bestattungskultur weg von der lange üblichen Erdbestattung im Sarg hin zu Urnenbeisetzungen in naturnahen Flächen Die Gitarre auf dem Grab des Musikers Peter Horton auf dem Münchner Ostfriedhof steht exemplarisch für eine individualisierte Grabgestaltung borkum und gitarrengrab © stefan federbusch ofm
17 FRANZISKANER 3|2026 überwiegend in einer Bestattungsurne in friedhofstypischer Tiefe beigesetzt werden. Allein in Deutschland betreiben die beiden größten Anbieter um die 150 Friedwälder. In der Entscheidung für einen Friedwald drückt sich oft ein »Zurück zur Natur« aus, der Wunsch, wieder in den Kreislauf der Natur zurückzukehren. Nicht selten wird bereits zu Lebzeiten der entsprechende Baum ausgesucht und besucht. Neben diesem ökologisch-spirituellen Grund gibt es aber auch einen ganz praktischen: Die Angehörigen sollen möglichst wenig Last mit der Grabpflege haben. Denn sie vermeiden so Kosten, Zeitaufwand, etwaige Sozialkontrolle und somit auch mögliche Schuldgefühle, sich nur unzureichend um die Grabstelle zu kümmern. Angesichts der Beliebtheit werden mittlerweile auch auf bereits bestehenden Friedhöfen pflegefreie Gräber und Baumbestattungen angeboten. Mittlerweile gibt es einen weiteren Ort des Gedenkens: die virtuelle Welt des Internets. Bereits um die Jahrtausendwende gab es unter ewigesleben.de die Möglichkeit, multimediale Gesamtkunstwerke zur Erinnerung an verstorbene Familienangehörige oder Freunde zu schaffen. Heute bieten dies Webseiten wie trauer.de oder gedenkseiten.de an. Zu diesen Angeboten werden durch künstliche Intelligenz in Zukunft neue Möglichkeiten der Erinnerung hinzukommen. Sie könnten sogar eine andere Art »ewiges Leben« der Verstorbenen ermöglichen, etwa durch deren digitale Verkörperung als Avatar. Kritisch ist hier zu fragen, ob damit nicht das endgültige Loslassen eher erschwert wird, das mit dem Prozess der Trauer angestrebt wird. Wie wir damit umgehen, wenn wir »das Zeitliche gesegnet« haben, erzählt viel über unser Selbstverständnis und unser Glaubensverständnis. Die Individualisierung der Bestattungsformen dürfte weiter anhalten. Neue Formen werden hinzukommen und Zeugnis geben von der Pluralisierung unserer Gesellschaft. Wer mehr darüber erfahren möchte, wie wir mit Sterben, Tod und Trauer umgehen, sollte das Museum für Sepulkralkultur in Kassel besuchen. Das 1992 eröffnete Museum thematisiert die Formen des Abschieds, der Bestattung und des Gedenkens, die unsere Kultur prägen. Zugleich zeigt es, wie sich Erinnerungskultur, Rituale und Vorstellungen vom Lebensende im Laufe der Zeit verändert haben. Weitere Informationen finden sich unter ▶▶ www.sepulkralmuseum.de Der 1715 angelegte Alte Friedhof in Bonn zählt mit den Grabstätten zeitgeschichtlich interessanter Persönlichkeiten zu den bedeutendsten Friedhöfen Deutschlands. Er ist Erinnerungs- wie naturnaher Erholungsort gleichermaßen. friedhof bonn © stefan federbusch ofm
18 FRANZISKANER 3|2026 Sterben lernen Andreas Brands OFM Kleine Anleitung zum »Sterben« S T E R B E N Schule des Loslassens Transitus Endlich leben Rückgabe Beziehungsklärung Einüben in Vertrauen Nicht ins Nichts fallen Kann man sterben lernen? Ein merkwürdiger Gedanke. Gehen wir einmal unserer Todesstunde entgegen, wird es ernst. Sie ist ein einmaliger Augenblick, von daher nicht einübbar. Also geht das überhaupt: sterben lernen? Die Worte oben geben einen Hinweis. Zeit unseres Lebens lernen wir in der Schule des Loslassens: Abschiede und kleine Tode bereiten uns vor. Wenn es im Herzen zieht und zwackt und wehtut. Denn Verluste begleiten unser Leben – ebenso wie Trennungen, Aufbrüche und Neuanfänge. Mit dem Moment unseres Lebensbeginns fängt es an. Der Start in die Welt beginnt mit dem Verlassen des Mutterschoßes. Menschen kommen zum Lebenskreis hinzu, andere gehen. Über Kindergarten, Schule und Ausbildung oder Studium lernen wir Übergänge kennen. Der erste Teddy geht verloren, eine erste Freundschaft zerbricht. Und peu à peu begreifen wir die Endlichkeit des Lebens, auch des eigenen. Ich erkenne: Mein Leben ist Gabe. Und eines Tages ist seine Rückgabe gefordert. Was in meinen Beziehungen noch offen ist, will jetzt geklärt werden. Jetzt ist die Zeit dafür. Das Einüben in Vertrauen fordert mich heraus, und eine letzte Frage tut sich auf: Glaube ich, dass ich ins Nichts falle – oder eben nicht? Mir fallen die Fragen ein von Max Frisch, die er in seinen Tagebüchern notiert hat: Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr? Was tun Sie dagegen? Haben Sie keine Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben? Möchten Sie wissen, wie sterben ist? Wissen Sie, wo Sie begraben sein möchten? Können Sie sich ein leichtes Sterben denken? In einem Seminar für Trauerbegleitung habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, • ein Testament zu schreiben, um die Hinterbliebenen wissen zu lassen, was ihnen im Leben wichtig war, • einen Koffer für die letzte Reise zu packen. Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Die Erfahrung ist: Das ist gar nicht so einfach, diesen Koffer zu füllen. Ein paar Gegenstände fallen mir sofort ein, aber bald schon wird der Platz knapp. Was würden Sie in Ihren letzten Koffer packen? Warum sollte ich sterben lernen? Das klingt fast so, als sollte ich einüben, wovor ich mich doch lieber schützen möchte. Ja, ich bin
19 FRANZISKANER 3|2026 ein lernender Mensch, es gehört zu meiner DNA: Ich lerne gehen und sprechen, lesen und rechnen, lieben und vergeben, arbeiten und Zeit gestalten. Ich lerne Sprachen sprechen und ein Handwerk. Aber sterben lernen? Und doch: Es gehört zu den großen geistlichen Aufgaben des Lebens, die eigene Endlichkeit nicht zu verdrängen. Dazu fällt mir ein Abschied ein, der mich sehr berührt hat. M. ist gestorben. 16 Jahre alt, ein junger Mann mit Träumen und Hoffnungen. Ein waschechter Bayer, Fußballspieler, voller Energie. Ein Jahr lang durfte ich ihn als Klinikseelsorger in München erleben, begleiten, mit ihm hoffen, mit ihm bangen. Irgendwann hatte er Schmerzen nach einem Spiel im Fuß, die Untersuchungen brachten das traurige Ergebnis: Non-Hodgkin-Syndrom, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Nach einer ersten Chemo sah alles gut aus, doch dann, nach einem halben Jahr, habe ich ihn wieder im Klinikum getroffen: rezidiv. Der Krebs war wieder da. »Weißt du, wenn der Scheiß hier vorbei ist, dann fahren wir zwei an die Ostsee«, hat er mir bei einem der letzten Telefonate gesagt. Wie gerne wäre ich mit dir an die Ostsee gefahren! Stattdessen habe ich dich zwei Wochen später beerdigt. Was mir geschenkt war? In deiner Todesstunde war ich bei dir. Wie viel Schmerz du durchlebt hast – ich kann es nur erahnen, denn dein Schreien ging ans Mark. Dann: ein letzter Atemzug. Und Stille. Und dann nur noch weinen über dein junges Leben, das so früh zu Ende gegangen ist. Heute halte ich den Fisch aus Speckstein in meinen Händen, den du mir im Krankenhaus geschenkt hast. Mich rührt dieser Moment immer noch an. Seine Oberfläche ist glatt, die Flosse auf dem Rücken gezackt. Ein Stein, der mehr ist als ein Stein. Für mich ist er das Sakrament, das mich an dich erinnert. Sterben lernen beginnt nicht erst am Krankenbett. Es beginnt viel früher: dort, wo ich akzeptiere, dass ich nicht unendlich Zeit habe. Dort, wo ich aufhöre, alles festhalten zu wollen. Dort, wo ich frage: Was ist wesentlich? Was bleibt? Was muss ich noch sagen? Wem schulde ich Dank? Wem ein Wort der Versöhnung? Sterben lernen heißt dann: leben lernen im Angesicht der Grenze. Wach sein. Dankbar bleiben: für einen Menschen, der für mich da ist; für einen neuen Morgen, der mir geschenkt wird; für ein Wort, das trägt; für einen Glauben, der auch dort noch eine Sprache findet, wo uns die Worte ausgehen. Ich habe das Leben nicht gemacht. Ich kann es nicht festhalten. Aber ich darf es zurückgeben. Sterben lernen wird zur Schule des Lebens: dass ich heute liebe, heute danke, heute vergebe, heute bete, heute das Wesentliche suche. Nicht erst irgendwann. Nicht erst, wenn alles geklärt ist. Heute. Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, damit ich klug werde. Lehre mich leben, solange ich Zeit habe. Lehre mich lieben, solange mir Menschen anvertraut sind. Lehre mich loslassen, was ich nicht halten kann. Und wenn meine Stunde kommt, dann lass mich nicht fallen — nimm mich auf in dein Licht kind und hund © fatcamera – istock.com
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