28 FRANZISKANER 3|2026 ein anderes Verkehrsflugzeug in den zweiten Turm flog und ihn ebenfalls in Brand setzte. Dann wurden Bilder gezeigt, wie Hunderte von Feuerwehrleute und Polizeikräfte in die brennenden Türme stiegen. Während wir gebannt auf den Bildschirm starrten, brachte ein Nachrichtensender plötzlich ein Foto von einer Gruppe von Helfern, die einen zusammengesackten Mann auf einem weißen Plastikstuhl wegtrugen. Wir waren uns sofort einig: Das konnte nur unser Father Mychal sein. Später erfuhren wir, dass er wohl, während er sich um die ersten Opfer unterhalb der brennenden Türme kümmerte, von einem herunterstürzenden Gebäudeteil erschlagen wurde. Die Helfer trugen den toten Feuerwehrkaplan in eine benachbarte griechisch-orthodoxe Kapelle und legten ihren Father Mychal, wie wir später erfuhren, vor dem Altar nieder. Der tote Franziskaner hat mit seinem Tod wohl das Leben der fünf Familienväter gerettet. Denn während sie dem Toten noch die letzte Ehre erwiesen, brach der erste Zwillingsturm in sich zusammen. Höchstwahrscheinlich wären die fünf Träger auch noch in eines der beiden Gebäude gestiegen und würden heute zu den vielen Opfern gezählt. Terror traumatisiert! Auf Bitten von Father Mychal sollte ich mich um seinen Besuch aus Texas kümmern. Am Tag des unvorstellbaren Terrors passten wir in besonderer Weise auf uns auf. Die laute Stadt mit dem lärmenden Verkehr stand von einem zum anderen Moment still. Staubschwaden lagen über Manhattan. Nur die Sirenen der Rettungswagen bestimmten jetzt das Leben. Auch die Klostergemeinschaft stand unter Schockstarre. Der Austausch unter den Brüdern war ein hilfreiches Ventil. Nach einer durchwachten Nacht gingen Marcelino und ich am 12. September Richtung Ground Zero – so weit es ging. Wir betrachteten das Ende der Zwillinge aus der Nähe, tauschten uns über erschreckende Eindrücke aus und beteten. Der junge Marcelino beschloss, so schnell wie möglich nach Texas zurückzukehren. Ich versuchte, ihm diesen Plan auszureden: »Wenn du jetzt vor dieser traumatisierenden Wirklichkeit flüchtest, wirst du es später vielleicht mal bereuen. Bleib wenigstens bis zur Beerdigung von unserem Father Mychal.« Damit hatte ich den jungen Mann schließlich überzeugt. Reaktionen auf den 11. September 2001 Immer mehr E-Mails und Telefongespräche erreichten mich, vor allem von Bekannten aus Lateinamerika. Mit einer gewissen Schadenfreude ordneten sie den Terror und seine vielen Opfer als verständlichen Schlag gegen die amerikanische Supermacht ein, als eine Rache für viele Menschenrechtsverletzungen. Diesen Zahn musste ich, der Wahrheit halber, meinen Bekannten ziehen: Ein Großteil der Tausenden von Opfern waren nicht etwa US-Amerikaner, sondern Gastarbeiter aus ganz Augustinus Diekmann OFM Lateinamerika (Latinos!), die unter anderem in den vielen Küchen oder in der Gebäude- und Toilettenreinigung tätig waren. In zahlreichen Fällen, so stellte sich später heraus, hatten die betroffenen Familien sogar Angst, ihre Verluste öffentlich zu machen, da ihre Toten und sie selbst illegal im Land waren. Vermutlich wäre so die Opferzahl noch viel höher als die offiziellen Zahlen. Unter dem 11. September litt auch unsere NGO Franciscans International. Es fehlte den franziskanischen Gruppen in den USA der nötige Abstand zum Terrorgeschehen. Außerdem schwächten nationalistische Tendenzen mehr und mehr die Internationalität unserer NGO. Auch das brachte mich Anfang 2002 zur Entscheidung, zurück nach Brasilien zu gehen. Beisetzung mit internationaler Tragweite Für Samstag, den 15. September 2001, war die Beerdigung unseres Father Mychal angesetzt. Zum Requiem für den Verstorbenen war die Unterkirche in der 31st Street in Manhattan überfüllt. Der Tote lag in einem offenen Sarg und wurde so zu einem Abschiedssymbol für die Angehörigen der vielen Opfer, die durch den Einsturz der Zwillingstürme praktisch pulverisiert wurden und höchstens als nicht identifizierte sterbliche Überreste in den Schuttbergen von Ground Zero gefunden wurden. Über nationale und internationale Fernsehkanäle verfolgten unzählige trauernde Angehörige der Tausenden von Opfern den Abschied eines Franziskaners, den seine frühere Heimat Irland auf der Titelseite einer großen Tageszeitung als »Our holy Mychal Judge« bezeichnete. Neben zahlreichen Feuerwehrleuten, Rettungskräften, Freunden und der Klostergemeinschaft war auch das Ehepaar Clinton gekommen. Hillary Clinton würdigte in einer kurzen Ansprache vor dem Schlusssegen Mychal Judge als großen Verfechter der Menschenrechte, vor allem durch seinen unermüdlichen Dienst an den Obdachlosen in Manhattan. Durch viele schriftliche Zeugnisse, die den damaligen Guardian erreichten, wurde allen klar, warum unser Mitbruder im Kloster und auch in seiner Feuerwache oft zu spät kam. Father Mychal wurde in der Franziskanergruft am Stadtrand beigesetzt. Marcelino und ich gingen am Sonntag, dem 16. September, nochmals zum Grab. Jeder von uns nahm einen Tannenzapfen von dort als Erinnerung mit. Marcelino war froh, doch noch bis zur Beerdigung des guten Freundes seiner Familie geblieben zu sein, und kehrte nach Texas zurück. Mein Tannenzapfen liegt noch heute als Erinnerung an das Ende der Zwillingstürme und den Abschied eines lieben Mitbruders in meinem Zimmer in Dortmund. Diese meine Erlebnisse aufs Papier gebracht zu haben, ist mir nicht leichtgefallen, da viele Gefühle von damals wieder hochgekommen sind. Aber als Zeitzeuge fühle ich mich mitverantwortlich, die Geschehnisse des 11. Septembers 25 Jahre danach, auf meine ganz persönliche Weise, zu teilen.
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