31 FRANZISKANER 3|2026 Franz Josef Kröger OFM und Herz aufgehen und man auf einmal Klarheit darüber gewinnt, was zu tun ist. Wo Worte nicht mehr nur das Ohr erreichen, sondern das Herz. Danach weiß er: Das ist es, was ich will, das ist es, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun. So wird die Portiunkula-Kapelle für Franziskus zum Geburtsort eines neuen Lebens. Auf einmal scheint alles so klar. Seine Selbstzweifel lösen sich, seine Ungewissheit klärt sich. Seine Unruhe legt sich. In seinem Testament wird Franziskus es später so beschreiben: »Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte.« (Test 14) Das ist typisch Franziskus. Bei aller Demut, die er sonst an den Tag legt, seine Weisungen nimmt er nur vom »Herrn« entgegen. Für Franziskus ist die Portiunkula nicht nur der Geburtsort seines neuen Lebens mit und in Gott, sondern auch der Ort, an dem er sein Leben vollendet. Hinter der Portiunkula-Kapelle befindet sich an der rechten Seite die »Transituskapelle«. Der Ort, an dem Franziskus sein Leben in die Hände des lebendigen Gottes zurückgegeben hat. Nackt lässt er sich auf die Erde legen. »Auch in dieser letzten Stunde«, so schreibt sein Biograf Thomas von Celano, »wollte er frei von jeglichem Besitz« sein. Nackt, wie er geboren war, wollte er vor seinen Schöpfer treten. Auch im Sterben hat Franziskus an seiner »Herrin Armut« festgehalten. Eine alte Legende besagt, hier in der Transituskapelle liege das Herz des Heiligen begraben, während sein Leichnam in die Basilika San Francesco überführt worden ist. Rechter Hand der Transituskapelle gelangt man in die Sakristei mit ihren sehenswerten Holzschnitzwerken aus dem siebzehnten Jahrhundert. Daran schließt auch ein Museum mit interessanten Ausstellungsstücken an, und es führt ein Weg zu den Resten des alten Klosters aus dem 14. Jahrhundert. Pfeile an der Wand weisen den Weg zum Rosengarten. Eine Kirche mit zwei Gesichtern Die beiden Gesichter von Kirche, die sich hinter diesen Mauern verbergen, können verwirren. Man kann sie als Gegensatz deuten und sich daran reiben. Man kann sie aber auch als zwei Pole oder Brennpunkte der einen Kirche sehen, die sich ergänzen. Um ein Gleichgewicht zwischen einem einfachen Leben in der Nachfolge Christi und dem Wunsch, dass für Gott nichts gut genug sein kann, muss immer wieder gerungen werden. Eine Spannung, die Franziskus selbst auch gekannt hat: Für sich selbst wollte er nichts – für die Feier der Eucharistie sollte es immer nur das Beste sein. Wer die Möglichkeit dazu hat, der sollte die Portiunkula in den frühen Morgen- oder den späteren Abendstunden besuchen, wenn der Strom der Besucher noch nicht eingesetzt hat oder wieder abgeklungen ist. Dann kann man am besten »Frieden schließen« mit den zwei Gesichtern von Portiunkula. WANDGEMÄLDE © BARBARA BOENSCH – PICTURE-ALLIANCE.COM
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=