32 FRANZISKANER 3|2026 Was stirbt, wenn ein Erbe nicht weitergegeben wird Der langsame Tod und das Wissen, das sich weigert zu verschwinden Der Fluss war verschwunden. Jedes Jahr zu Ostern unternahm Leiria Vays Familie dieselbe Reise zum Wasser an der Südküste Guatemalas. Ihr Vater fischte. Die Frauen machten am Ufer ein Feuer. Die Kinder wuchsen mit dem Wissen auf, an welcher Stelle man den besten Fang machte, wo sich die Garnelen im seichten Wasser versammelten und wie der Fluss vor dem Regen klang. Sie waren nicht reich. Aber der Fluss versorgte sie, und so mussten sie auf nichts verzichten. Doch als sie in jenem Jahr ankamen, war das Wasser nicht mehr da. Stromaufwärts hatte ein Zuckerunternehmen den Fluss zur Bewässerung umgeleitet. Was übrig blieb, war ein schmaler Bach, zu seicht zum Angeln. »Wir waren überrascht«, erinnert sich Leiria. »Der Fluss war nicht da, und er war einer der größten Flüsse.« Leiria hat einen Namen für das, was sie beobachtet hat – nicht nur bei Flüssen, sondern bei allem, was eine Gemeinschaft über Generationen hinweg in sich trägt. Sie nennt es: una muerte lenta. Ein langsamer Tod. Nicht plötzlich. Keine einzelne Katastrophe. Es ist die Art von Tod, die sich still über Jahre und Generationen hinweg ausbreitet und nicht nur das mit sich nimmt, was die Menschen besitzen, sondern auch das, was sie wissen. Ein umgeleiteter Fluss. Eine Sprache, die nicht mehr gesprochen wird. Eine Heilpflanze, die nicht mehr erkannt wird. Ein traditionelles Kleidungsstück, das nicht mehr getragen wird. Ein Samenkorn, das nicht mehr aufbewahrt wird. Jeder Verlust mag klein erscheinen. Zusammen ergeben sie eine Stille, die nicht gefüllt werden kann. Man stelle sich einen Samen vor. Nicht im landwirtschaftlichen Sinne. Sondern als etwas, das von Hand zu Hand weitergegeben wird. Jahrhundertelang bewahrten Maya-Familien Samen aus jeder Ernte auf, um sie im folgenden Jahr auszusäen. Eine Großmutter, die Samen von ihrem Mais beiseitelegte, gab mit ihnen aber noch etwas anderes weiter: das Wissen, welche Sorte ein trockenes Jahr überstanden hatte, welche auf diesem Boden am besten wuchs, welcher Teil der Pflanze Fieber oder Magenbeschwerden lindern konnte. Der Same war eine Erinnerung, die man in der Hand halten konnte. Dann kamen neue Sorten auf, die höhere Erträge und schnelleres Wachstum versprachen. Doch diese Samen konnten sich nicht selbst vermehren. Für jede Aussaat mussten die Familien neue kaufen. Die Kette, die ununterbrochen über Generationen hinweg von der Großmutter zur Enkelin geführt hatte, wurde durchtrennt. Still und Leiria Vay ist eine Maya-K’iche’-Aktivistin für indigene Rechte und politische Leiterin von CODECA, dem Komitee für bäuerliche Entwicklung. Die Bewegung mit mehr als 100.000 Mitgliedern setzt sich seit über 30 Jahren für Landrechte und die Würde der indigenen Bevölkerung in einem der Länder Lateinamerikas mit der größten Ungleichheit ein. Sie arbeitet mit Franciscans International zusammen, einer Nichtregierungsorganisation mit besonderem Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen.
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