33 FRANZISKANER 3|2026 Mercedes Nuñez Roldan leise. Absichtlich. »Es gibt Samen, die fast verschwunden sind«, sagt Leiria. »Verloren durch all diese veränderten Samen, die an unsere Gemeinschaften verkauft wurden.« Wenn das Saatgut verschwindet, verschwindet alles, was es in sich trug, mit ihm: das Wissen, die Geschichten, das Gespräch zwischen einer Ältesten und einem Kind, die gemeinsam auf einem Feld knien. Es gibt kein Archiv für das, was eine Großmutter wusste. Es gibt nur den Akt des Weitergebens und die Stille, die folgt, wenn dies unmöglich wird. Leiria kennt diese Stille, seit sie zwölf Jahre alt ist. Guatemala hatte Jahrzehnte des bewaffneten Konflikts durchlebt. In ihrer Region verfügten die Gemeinden über Wissen, das in keinen offiziellen Aufzeichnungen festgehalten war. Sie wussten, wohin Menschen verschleppt und wo Leichen begraben worden waren – denn Erinnerungen bleiben bestehen, auch wenn Dokumente verloren gehen. Als Kind schrieb sie Briefe im Namen von Nachbarn, die selbst nicht schreiben konnten. Geduldige, sorgfältige Briefe an Ermittler und Menschenrechtsorganisationen, die das, woran sich die Gemeinden erinnerten, dorthin trugen, wo die Macht lag, darauf zu reagieren. Es kam zu Exhumierungen. Zwei versteckte Friedhöfe. Leichen, deren Hände noch immer mit Stacheldraht gefesselt waren. Und in einer Region, in der Armut und Angst bereits viele Familien dazu gebracht hatten, ihre traditionelle Kleidung aufzugeben, wurden einige der Toten anhand dessen identifiziert, was übrig geblieben war: Fragmente gewebter Maya-Frauenkleidung, die noch immer an den Knochen hingen. Der Stoff hatte alles andere überdauert. Er wurde zum einzigen Beweis dafür, wer sie waren. Das Wissen eines Volkes, das in Fäden weiterlebt. Lange genug, um zu sprechen. Lange genug, um gehört zu werden. Die Briefe, die Leiria mit zwölf Jahren zu schreiben begann, schrieb sie ihr Leben lang weiter. Sie fanden neue Bestimmungsorte. Durch ihre Zusammenarbeit mit Franciscans International gelangen die Geschichten, die sie einst zwischen einem Gemeindetreffen und einem Kriminaltechniker hin- und hertrug, nun viel weiter. Sie bringen die Stimmen indigener Gemeinschaften in internationale Foren, in denen über Fragen der Gerechtigkeit, der Erinnerung und der Würde entschieden wird. Die Mittel haben sich geändert. Die Verantwortung ist dieselbe geblieben. Heute sammeln die Gemeinschaften still und leise einheimisches Saatgut, gewinnen Sorten zurück, die fast verschwunden waren, tauschen sie untereinander aus und pflanzen sie in Erde, die sie kennt. Manche Samen sind bereits verloren. Manches Wissen ist mit den Ältesten verschwunden, die es bewahrten und nicht zurückkehrten. Nicht jeder Verlust lässt sich rückgängig machen. Doch wie sich herausstellt, ist ein Verlust nicht immer das Ende einer Geschichte. Manchmal wird er zu einer Entscheidung – einer Entscheidung darüber, woran man sich erinnern wird, was geschützt wird und was weitergegeben wird. In einer Ecke eines Gemeindebüros liegt ein kleiner Umschlag. Darin befinden sich Samen. Gesammelt von Menschen, die verstanden haben, dass ein in die Erde gelegter Same eine Entscheidung ist: die Entscheidung zu glauben, dass das, was verloren gegangen ist, in neuem Boden wieder zu etwas Lebendigem werden kann. »Wenn wir kämpfen«, sagt Leiria, »und wenn wir vorankommen, hoffe ich, dass dies mit größerer Würde geschieht.« Der Fluss wird vielleicht nicht mehr so sein wie früher. Aber der Same weiß etwas, was Flüsse nicht wissen. Er weiß, wie man von vorne beginnt. PROZESSION © RICHARD ELLIS – PICTURE-ALLIANCE.COM
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