Franziskaner - Herbst 2026

42 FRANZISKANER 3|2026 Glaubwürdigkeit ufer elbe © chris emil janssen – picture-alliance.com Stefan Federbusch OFM Unser menschliches Miteinander und das Funktionieren der Gesellschaft beruhen auf Verlässlichkeit und Vertrauen. Diese wiederum hängen stark von der Glaubwürdigkeit ab. Sowohl auf der persönlichen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene wird es problematisch, wenn das Reden und das Handeln allzu oft auseinanderklaffen. Dazu je ein Beispiel. Wenn ich auf das schaue, was diesen Sommer und die letzten Wochen und Monate geprägt hat, dann ist es vorrangig die Hitze, die nicht weichen wollte und das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigt hat. Die medialen Stichworte lauteten Waldbrände, wasserlose Flüsse, unterbrochene Lieferketten, abgeschaltete AKWs, fehlende Stromproduktion, stillgelegte Industriebetriebe, verdorrte Felder, fehlendes Tierfutter – die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Die Problematik des Klimawandels ist seit Jahren bekannt. Nun fordert die SPD, Klimaanpassung und Naturschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Das ist grundsätzlich begrüßenswert, nur bleibt die Frage, warum die aktuelle Regierung eine Reihe von Maßnahmen der Vorgängerregierung zur Begrenzung des Klimawandels rückgängig gemacht hat. Das ist alles andere als glaubwürdig. Das Argument der zu hohen Kosten überzeugt insofern nicht, als die Folgekosten des Klimawandels weitaus höher sind. Es ist schlicht günstiger, die Ursachen zu bekämpfen als die Auswirkungen. Mittlerweile sind wir allerdings an dem Punkt, wo Ersteres kaum noch gelingen und Letzteres uns immer härter treffen wird. Im Juli 2026 ist Jens Spahn, der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, zurückgetreten, als herauskam, dass er sich zusammen mit seinem Mann den Kinderwunsch durch eine Leihmutter in den USA erfüllt hat. Nun ist der Kinderwunsch ein höchst sensibles Thema und Kinderlosigkeit für die Betroffenen eine große Belastung. Dennoch gilt es, in ethischen Fragen abzuwägen, was das geringere Übel ist. Bei der Leihmutterschaft wird der Körper einer Frau für reproduktive Zwecke instrumentalisiert, damit andere Eltern werden können. Zudem wird unter Umständen eine wirtschaftliche Notlage der Frauen ausgenutzt und das Trennungstrauma des Neugeborenen von der austragenden Mutter in Kauf genommen. In Deutschland ist Leihmutterschaft daher verboten. Als CDU-Politiker hatte Jens Spahn sich gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen. Da ist der Vorwurf der Doppelmoral nicht fern. Was sich auf der persönlichen Ebene in puncto Leihmutterschaft abspielt, findet sich ebenso auf der gesellschaftlich-politischen Ebene in Bezug auf den Klimawandel. Auf der einen Seite grundsätzliche ethische Positionierungen, auf der anderen Seite ein gegenteiliges Handeln, wenn es um persönliche Vorteile geht. Einerseits der Hinweis auf die zwingend notwendigen Maßnahmen, andererseits deren Verwässerung oder gar Aufhebung, wenn sie den eigenen wirtschaftlichen Interessen schaden. Aus christlicher Perspektive scheint es mir Teil meiner Glaubwürdigkeit zu sein, wenn ich um eines höheren Zieles willen Nachteile in Kauf nehme, meinen eigenen Egoismus zurückstelle, um anderen Lebensmöglichkeiten zu gewähren. Christlich-­ franziskanisch ist es, stets bei sich selbst zu beginnen. Gewiss fällt ein Verzicht auf der persönlichen Ebene leichter als auf der gesellschaftlichen, wo es der Aushandlungsprozesse bedarf. Wir kommen jedoch nicht umhin, angesichts der Klimakrise unsere »ökologische Schuld« (Papst Franziskus) anzuerkennen und entsprechend auch gesamtgesellschaftlich zu handeln. Das wäre wahre Glaubwürdigkeit. Eine konsequente Klimaschutzpolitik würde wieder zu mehr Verlässlichkeit führen und damit das Vertrauen in eine verantwortungsvolle Politik stärken.

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