Franziskaner - Herbst 2026

7 FRANZISKANER 3|2026 Es gibt Sätze, die haben es in sich. »Herr, sei gelobt für unsere Schwester Tod« ist so ein Satz. Er klingt verstörend. Wollte ich den Tod etwa loben? Wollte ich ihn gar zum Teil der Familie machen? Dabei habe ich doch gute Gründe, mich gegen ihn zu wehren, vor ihm zurückzuschrecken oder ihn anzuklagen. Meine Erfahrung ist: Der Tod nimmt. Er unterbricht. Er reißt Lücken, die niemand schließen kann. Er beendet Gespräche, bevor alles gesagt ist. Er kommt plötzlich oder erwartet, friedlich oder unter Schmerzen. Er trifft alte Menschen, die lebenssatt sterben dürfen, und junge Menschen, deren Geschichte kaum begonnen hat. Er macht keinen Bogen um Häuser, in denen gebetet wird, und keinen um Häuser, in denen niemand mehr betet. Ihm kann, wie Franziskus formuliert, kein Mensch lebend entrinnen. Und doch steht am Ende des Sonnengesangs – im Italienischen ist der Tod weiblich – diese Anrede: Schwester Tod, »sora nostra morte corporale«. Überraschend ist die Nähe, die dadurch zum Ausdruck kommt. Denn Franziskus spricht den Tod nicht als Gegner an oder als biologisches Ende. Er stellt ihn hinein in die große Geschwisterlichkeit der Schöpfung, in der Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde ihren Platz haben. Alles Geschaffene wird durchsichtig auf Gott hin. Und selbst der Tod, dieser dunkle Gast, wird nicht aus der Welt Gottes ausgeschlossen. Das ist keine Naturromantik. Der Sonnengesang ist mehr als nur das Liebeslied eines barfuß umhergehenden Troubadours. Franziskus dichtet ihn nicht in den Glanzjahren seiner Jugend, voller Andreas Brands OFM Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod. Ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe denen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun. Kraft und Enthusiasmus. Eher Patchwork als ein Gesamtentwurf wird der Sonnengesang additiv zusammengesetzt. Erste Strophen komponiert er um das Jahr 1224. Die unversöhnlichen Auseinandersetzungen zwischen Bischof und Bürgermeister von Assisi motivieren ihn später, die Strophe über die Vergebung und das Leid hinzuzufügen. Die Strophe über Schwester Tod entsteht am Ende seines Lebens. Franziskus ist schwer krank, fast blind, sein Körper ist aufgebraucht, seine Beine tragen ihn nicht mehr, die Wundmale schwären. Zu den physischen Leiden kam der Schmerz über die Zerrissenheit seiner Gemeinschaft. Je schneller die Schar der Brüder gewachsen war, desto größer wurden die inneren Auseinandersetzungen über das rechte Leben nach dem Evangelium. Die Strophe vom Tod dichtet Franziskus, als er spürt, dass die Stunde seines Sterbens nahe ist. Er schreibt nicht über den Tod der anderen. Er spricht vom eigenen Tod, der auf ihn zukommt. Das macht die Strophe glaubwürdig – und ebenso schwer. Hier redet keiner, der den Tod aus sicherer Entfernung betrachtet. Hier redet einer, der ihm entgegengeht. Am Abend des 3. Oktober 1226 stirbt Franziskus vor dem Kirchlein Portiunkula, das für seinen Weg so bedeutsam war: Denn dieser Ort unterhalb von Assisi war ihm vor allen anderen auf der Welt ans Herz gewachsen.

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