Franziskaner - Herbst 2026

8 FRANZISKANER 3|2026 In dieser kleinen Kirche hatte er beim Hören des Evangeliums seine Berufung erkannt, wie die Apostel Jesu auszuziehen, um in aller Welt die Frohe Botschaft zu verkünden. Hier wurde Klara eingekleidet, hier versammelten sich die Brüder jedes Jahr zum Pfingstkapitel. Hier wollte er seinen irdischen Weg beenden. Seine Biografen erzählen, er habe sich hierhin bringen und nackt auf die Erde legen lassen, um auch noch in dieser Stunde nichts für sich sein Eigen zu nennen oder gar für sich zurückzubehalten. Vielleicht lässt sich aus dieser Perspektive die Strophe von Schwester Tod am besten verstehen: Sie beschönigt den Tod nicht. Sie nimmt ihn ernst als Grenze, als Macht, als Wirklichkeit – und sie stellt ihn zugleich in den Horizont Gottes. Der Tod bleibt Tod. Aber er ist nicht der Ort, an dem Gott aufhört. Er ist nicht die letzte Instanz. Auch dort nicht, wo wir Menschen uns mit dem Theologen und Dichter Huub Oosterhuis fragen: »Mein Los ist Tod, hast du nicht andere Segen?« In unserer Zeit ist das eine Herausforderung. Wir leben in einer Kultur, die den Tod einerseits täglich zeigt und andererseits aus dem eigenen Leben verdrängt. In den Nachrichten ist der Tod allgegenwärtig, im persönlichen Alltag wird er oft ausgelagert: in Kliniken, Pflegeheime, Hospize und Bestattungsunternehmen. Aber der Tod ist nicht abstrakt, es stirbt nicht einfach »jemand«. Es stirbt ein Mensch, der geliebt hat und geliebt wurde, der gehofft hat und gestritten, gearbeitet und versäumt, gelacht und geweint. Der russische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko schrieb einmal: »Wenn ein Mensch stirbt, dann stirbt mit ihm sein erster Schnee, sein erster Kuss, sein erster Kampf.« Eine einmalige Geschichte wird nicht weitergeschrieben. Viele Menschen sehen aber kaum noch einen Toten. Sie wissen nicht, was zu tun ist, wenn jemand stirbt. Viele haben Angst, die falschen Worte zu sagen. Schweigen stellt sich ein. Deshalb wundert es nicht, dass Menschen Sterbe- oder Trauerbegleitung anbieten und versuchen, Wege aus dem Schweigen aufzuzeigen und Gefühle, Fragen, Ängste und Hoffnungen ins Wort zu bringen. Es braucht den Raum für die Trauer, wenn nach dem letzten Atemzug eine Stille entsteht, die lauter ist als jedes Wort. Es braucht Raum für die Würde des sterbenden Menschen und für die Hilflosigkeit derer, die danebenstehen. Es braucht Raum für Rituale, Gebete, Gesten und letzte Wünsche, für Kinderfragen, für die Einsamkeit der Hinterbliebenen und für die Dankbarkeit, die manchmal mitten im Schmerz aufscheint. Um diesen Raum zu geben, darf die christliche Rede vom Tod nicht zu schnell trösten. Sie wird nicht über die Tränen hinweggehen, sie wird nicht so tun, als sei der Tod eigentlich nur halb so schlimm. Auch Franziskus sagt nicht: Der Tod tut nicht weh. Er sagt: »Ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.« Das ist nüchtern, aber Franziskus bleibt hier nicht stehen. In der Strophe von Schwester Tod spricht er vom »zweiten Tod«, der denen kein Leid antun wird, die im Tod in Gottes Willen geborgen sind. Das ist eine Glaubensaussage. Sie gehört in eine Zeit, in der das Heil des Menschen, Sünde, Gericht und ewiges Leben anders gedacht wurden als heute. Und doch berührt sie eine Frage, die bis heute geblieben ist: Ist der Tod das Ende? Die christliche Hoffnung antwortet darauf mit Vertrauen. Sie sagt nicht: Sterben ist leicht. Sie sagt: Du fällst nicht ins Nichts. Sie sagt nicht: Trauer ist überflüssig. Sie sagt: Deine Toten sind nicht verloren. Sie sagt nicht: Der Tod ist gut. Sie sagt: Gottes Liebe ist stärker. In dieser Aussage steckt die eigentliche Provokation der Strophe von Schwester Tod. Den Tod so zu nennen, heißt nicht, ihn zu lieben wie einen vertrauten Menschen. Es heißt auch nicht, ihn herbeizuwünschen. Es heißt, ihn nicht aus der Wirklichkeit Gottes herausfallen zu lassen. Wir werden der Strophe von Schwester Tod nicht sofort zustimmen können. Vielleicht müssen wir ihr widersprechen. Vielleicht müssen wir sie eine Weile mit uns tragen, bis sie wie eine Einladung klingt. Eine Einladung, über das Sterben zu sprechen, bevor es sprachlos macht. Eine Einladung, letzte Dinge nicht erst dann zu ordnen, wenn keine Zeit mehr bleibt. Eine Einladung, Menschen beim Sterben nicht alleinzulassen. Eine Einladung, die Toten zu ehren und die Trauernden nicht zu übersehen. Eine Einladung, das Leben nicht aufzuschieben. Der Alte Jüdische Friedhof in Prag entstand im 15. Jahrhundert und zählt zu den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas. Auf engem Raum stehen hier Tausende historische Grabsteine – ein eindrucksvolles Zeugnis jüdischer Geschichte. friedhof © krzystof plocha – unsplash.com

RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=