Franziskaner Mission 2 | 2026

Kolonialherren, Missionare, Siedler, verschleppte Sklaven, Abenteurer, Soldaten, osteuropäische Erntehelfer, Arbeitsmigranten: Ihre Geschichte, Sprachen und Kulturen, Religionen und Weltanschauungen prägen – nicht immer konfliktfrei – die Welt. Aus christlicher Perspektive bemerkenswert: Ohne die christlichen Missionare – allesamt Migranten aus Irland oder Schottland – gäbe es in Deutschland und den Nachbarländern kein Christentum. Migration und Mission gehören zusammen. Im Sprachgebrauch der Vereinten Nationen gilt als »Migrant«, wer länger als ein Jahr seinen gewöhnlichen Wohnsitz verlässt. Dabei müssen sprachliche, kulturelle und soziale Grenzen überschritten werden. Das müssen nicht unbedingt Staatsgrenzen sein. Auch eine indische Familie, die von ihrer im Norden gelegenen Heimatstadt Delhi 2.500 Kilometer Wegstrecke zu ihrem neuen Lebensort Kerala im Süden Indiens auf sich nimmt, gilt als migrierend. Doch meist wird »Migration« mit der Überschreitung von Landesgrenzen verbunden. Und in dieser Umschreibung haben die meisten Menschen Migrationshintergrund – Der Autor Frank Hartmann ist Guardian im Franziskanerkloster in Dortmund und Seelsorger im Pastoralen Raum Dortmund-Mitte. Von 2022 bis 2025 arbeitete er in der Herberge »Santo Hermano Pedro« für Migrierende in Mezquital, Guatemala. von Papst Leo XIV. bis zu der aus dem Kongo geflüchteten Familie. Derzeit befinden sich nach Schätzungen rund 300 Millionen Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder außerhalb ihres Heimatlandes auf der Suche nach einem neuen Zuhause – einem sicheren Ort, an dem sie bleiben dürfen. Das entspricht den durch die Geschichte hindurch konstanten drei bis vier Prozent der Weltbevölkerung. Die Gründe für eine Aus- und Einwanderung sind vielfältig. Es gibt nicht den einen Grund, der Einzelne, Familien und oft auch ganze Volksgruppen in Migration bringt. Wenn Menschen ihr Zuhause verlassen, liegt es meist an nicht mehr auszuhaltenden Lebensbedingungen. In der Heimat gibt es keine oder nur unzureichende Arbeit, um eine Familie zu ernähren. Gleichzeitig locken höhere Löhne, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen Menschen in andere Weltgegenden. In vielen Ländern droht Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen. In den zentralamerikanischen Ländern El Salvador, Nicaragua und Guatemala flohen zwischen 1960 und 1990 Hunderttausende vor Bürgerkrieg und Revolutionen. Heute suchen sie weiterhin Schutz vor Gewalt – ausgeübt durch kriminelle Banden und/oder diktatorische Regime. Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, vertreiben viele Großprojekte Menschen aus ihren Lebensorten. Für den Bau des 2025 eingeweihten Nil-Staudamms in Äthiopien mussten 16.000 Menschen ihre Dörfer verlassen. Der neue Flughafen in Peking kostete 20.000 Menschen ihre angestammte Umgebung. Jahr für Jahr werden Millionen Menschen für solche und andere Projekte aus ihren Dörfern und Städten, aus ihren Hütten und Behausungen vertrieben. Umgang mit Migranten Fast klischeehaft werden »Migranten« als Arme geschildert, ohne Ausbildung. Doch die Ärmsten der Armen können nur von einem Weggang aus ihrem albtraumhaften Leben träumen. Ihnen fehlen sämtlich notwendige Mittel. Sie haben kein Haus, das sie verkaufen und damit die Reise finanzieren könnten. Sie sind nicht in der Lage, einen bis zu 20.000 Euro teuren Platz im Schlauchboot zu kaufen. Sie können sich keinen Schlepper leisten, der sie durch den gefährlichen Darien-Dschungel von Kolumbien nach Panama bringt. Sie stehen ohnmächtig vor Polizisten, die ihnen drohen, ihre Papiere zu zerreißen, wenn sie kein Schutzgeld zahlen. »Migration« ist nicht unbedingt identisch mit moderner »Mobilität«. Migration ist lebensgefährlich und sehr kostspielig. In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings 2018 benannte der damalige Papst Franziskus klar seine Haltung: »Jeder Fremde, der an unsere Tür klopft, gibt uns eine Gelegenheit zur Begegnung mit Jesus Christus, der sich mit dem aufgenommenen oder abgelehnten Gast jeder Zeitepoche identifiziert (vgl. Mt 25,35.43). […] Diesbezüglich möchte ich erneut bekräftigen, dass man unsere gemeinsame Antwort in vier Verben gemäß den Grundsätzen der Lehre der Kirche aufgliedern könnte: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren.« (dbk.de) Konkret geschieht dies auf vielfältige Weise: Das Engagement reicht von solidarischer Gastfreundschaft in Herbergen und Unterkünften über psychologische und medizinische Betreuung bis hin zur Interessenvertretung von Migrierenden bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen sowie zu lokalem kirchlichen und politischen Engagement. Dabei müssen wir genau hinschauen und fragen, wer aus welchen Gründen ein Migrant ist und wer tatsächlich unsere Hilfe braucht. So wird Unterstützung nicht nur praktisch geleistet, sondern auch gesellschaftlich und politisch sichtbar gemacht. 12 | 13

RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=