Seit Jahrzehnten vollzieht sich die Binnenmigration in Brasilien vor allem von Nordosten nach Südosten, insbesondere nach São Paulo und Rio de Janeiro. Sie ist angetrieben durch die Industrialisierung und die Suche nach Arbeit. Obwohl die Mehrheit der Binnenmigranten nach wie vor aus dem Nordosten stammt und im Südosten bleibt, verändert sich dieses Muster zunehmend: Andere Bundesstaaten ziehen die Bevölkerung an, traditionelle Regionen verlieren Einwohner, und die Rückwanderung nimmt zu – geprägt durch den Wiederaufbau von Bindungen an die Herkunftsorte. Diese Binnenmigrationsbewegungen nehmen unterschiedliche Formen an: Landflucht, Pendlerverkehr zwischen Städten und saisonale Wanderungen im Zusammenhang mit Arbeit in der Landwirtschaft. In den letzten Jahren hat auch der Klimawandel Migrationsbewegungen verstärkt, da Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse die Bevölkerung zur Flucht zwingen und Migration so zunehmend zu einer Reaktion auf die Umweltkrise wird. »Heilige Rechte« Trotz aller Unterschiede laufen die Wege all dieser Menschen auf das Streben nach einem besseren Leben hinaus. Doch sie stoßen auf Hindernisse, vor allem beim Zugang zu Wohnraum. In den brasilianischen Städten sehen sich Binnenmigranten mit hohen Brasilien ist ein Land in Bewegung. Die Wege, die seine Bevölkerung geht, beschränken sich nicht auf die geografischen Grenzen. Sie sind vor allem innerhalb des Landes selbst. Millionen von Menschen durchqueren das eigene Land auf der Suche nach einem würdigen Leben. Laut der Volkszählung von 2022 leben etwa 19,2 Millionen Menschen (von insgesamt 215,3 Millionen Einwohnern) außerhalb ihrer Geburtsregion. Darüber hinaus wohnen etwa 29 Millionen in anderen Bundesstaaten als denen, in denen sie geboren wurden. Diese Zahlen zeigen mehr als nur Wanderungsbewegungen. Sie zeigen Lebenswege, die von Hoffnung geprägt sind. Quer durchs Land Migration und Wohnrecht in Brasilien TEXT: Rodrigo de Castro Amédée Péret ofm | FOTOS: Franziskaner Mission Mieten und unzureichenden staatlichen Hilfen konfrontiert. Dies führt zu einer Zunahme von prekären Wohnverhältnissen in Slums oder Vororten von Großstädten ohne ein Minimum an Infrastruktur: Es gibt weder Abwassersysteme noch eine Stromversorgung oder asphaltierte Straßen, geschweige denn Zugang zu Schulbildung oder Gesundheitsvorsorge. Die Stadt, die eigentlich Aufnahme bieten sollte, grenzt aus. Gleichzeitig wird Land zur Ware, und Spekulationen verschärfen die Ungleichheiten. Angesichts dieser Realität ist es von entscheidender Bedeutung anzuerkennen, dass Migranten Opfer eines ungerechten Systems sind. Aber sie sind auch Akteure ihrer eigenen Geschichte. Migration erfordert Mut, Entschlossenheit und die Fähigkeit, sich neu zu orientieren. Bei ihrer Ankunft in den Städten organisieren sich viele Binnenmigranten zu einer Gemeinschaft. Sie bauen Unterstützungsnetzwerke auf, entwickeln Alternativen zur vorhandenen Situation und kämpfen für ihre Rechte. In verschiedenen Regionen Brasiliens entstehen Initiativen direkt durch die Betroffenen. Hervorzuheben sind Wohnungsbewegungen wie die »Bewegung der obdachlosen Arbeiter« (MTST – Movimento dos Trabalhadores sem Teto), die Familien ohne Zugang zu angemessenem Wohnraum helfen. Sie besetzen brachliegende Grundstücke, üben Druck auf die Behörden aus und kämpfen für eine andere Wohnungspolitik. Und sie tun mehr als nur zu protestieren: Sie bauen Räume auf mit Gemeinschaftsküchen, Bildungsräumen und mit Platz für gegenseitige Fürsorge in den von ihnen besetzten Gebieten. Ein zentraler Bestandteil dieser Initiativen ist die »Mutirão«. Dabei handelt es sich um Arbeiten, die gemeinsam geleistet werden. Familien schließen sich zusammen, um ihre eigenen Häuser zu bauen. Gleichzeitig knüpfen sie Bande der Solidarität. Die »Mutirão« ist nicht nur eine praktische Lösung. Sie verkörpert eine Vision von Gesellschaft, die auf Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe basiert. In diesem Prozess bleiben Binnenmigranten nicht länger unsichtbar. Sie werden zu Protagonisten ihres Kampfes um Land, Obdach und Arbeit. Dieses Streben nach Würde wird aktiv und bewusst vollzogen: Migranten und Binnenmigranten verstehen sich als Menschen mit Rechten, organisieren sich, erheben Forderungen und ebnen neue Wege. Diese Sichtweise findet ihren Widerhall in den Lehren von Papst Franziskus, der Land, Obdach und Arbeit als »heilige Rechte« definiert und zudem das Recht verteidigt, nicht migrieren zu müssen, also in Würde im eigenen Land bleiben zu können. Kampf um Würde In diesem Umfeld ist die katholische Kirche in Brasilien präsent. Eines ihrer zentralen Instrumente ist der 1985 gegründete Seelsorgedienst für Migranten und 14
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