Ich nehme Sie mit in mein Arbeitszimmer in Dortmund Brackel. In meinem Arbeitszimmer hängen seit circa 40 Jahren dieselben Bilder. Beide sind Schwarzweiß-Bilder, einfache Drucke. Eine Illustration vom gekreuzigten Campesino – dem lateinamerikanischen Bauern – oder anders, von Jesus, der Campesino, am Kreuz. Es ist ein typisches Bild aus der Zeit der 60er und 70er Jahre. Und direkt daneben das Bild von den Kindern, den lateinamerikanischen Kindern – mit der Unterschrift: »Der Wohlstand der Reichen basiert auf dieser Situation. Diese Kinder werden wissen, wie man sie verändert.« Flüchtlingsarbeit 50 Jahre Engagement Warum hänge ich mir solche alten oder alt gewordenen Bilder in mein Zimmer? Sie sind einfach da. Ich sehe sie mir nicht ständig an. Sie sind da und begleiten mich. Sie sehen mich an. Sie erinnern mich. Sie sagen mir, dass ich nicht vergessen soll. Was? Das Jahr 1973, das für mein Leben prägend wurde. Wohnungen für Flüchtlinge Meine Freundin machte einen Studienaufenthalt im Tiefland in Bolivien und arbeitete in einem Umsiedlungsprojekt. Zur gleichen Zeit wurde der chilenische sozialistische Präsident Salvador Allende mit Hilfe der USA aus dem Amt geputscht. Viele Menschen starben, wurden gefoltert. Eine grausame Militärjunta unter General Pinochet nahm die Arbeit auf, und die Oppositionellen, die nicht umgebracht wurden, mussten fliehen – wurden zu TEXT UND FOTOS: Paul Gerhard Stamm Flüchtlingen. Ich war Student in Münster und half in meiner Heimatstadt Dortmund, Wohnungen für chilenische Flüchtlinge einzurichten. Flüchtlinge wurden seitdem zu einem wichtigen Thema in meinem Leben. In Münster lebte eine chilenische Flüchtlingsfamilie neben uns. In Berlin hatte ich Kontakt zur christlichen Linken – einer chilenischen Partei. Ein Mitglied der Partei musste Chile verlassen – wie viele andere auch. In Dortmund betreute ich mit meiner Frau eine Familie mit zwei Kindern – suchte eine Wohnung für die Familie, organisierte viele Jahre später die Rückkehr nach Chile. Chile und Lateinamerika sollten mich weiter begleiten – damals nach 1973. Ich interessierte mich als Theologiestudent für die katholische Kirche in Lateinamerika und war beeindruckt von der Haltung vieler Bischöfe. 10
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