Franziskaner Mission 3 | 2026

die den Grund für das Läuten kennen, wissen die wenigsten, dass es die christliche Antwort auf den Ruf des Muezzins und damit eine der Folgen der Begegnung des Franz von Assisi mit der islamischen Welt ist. Eine weitere, laut einigen Forschern direkte Folge des Zusammentreffens mit dem Sultan ist ein Gebet, das Franziskus auf dem Berg von La Verna verfasst hat. Es ist eines der wenigen handschriftlichen Dokumente des Heiligen und besteht ausschließlich aus Du-Anrufungen. Das Gebet beginnt mit »Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, ›der du Wunderwerke vollbringst‹. Du bist der Starke. Du bist der Große. Du bist der Höchste. Du bist allmächtig, du ›heiliger Vater, König des Himmels und der Erde‹.« All diese Anrufungen sind auch in den 99 Namen Gottes enthalten, die in der mystischen Tradition des Islam häufig rezitiert werden. Auch in der sogenannten nicht bullierten Regel, die Franziskus nach seiner Rückkehr verfasste, findet sich ein Echo der Begegnung. Er legt darin die Art fest, wie Mission gelebt werden soll: »Die Brüder, die hinausgehen, können auf zweifache Weise unter ihnen (den Sarazenen) geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden.« Gelingen der Begegnung Was genau bei dem Treffen zwischen Franziskus und dem Sultan geschehen ist, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Alles, was darüber in den Chroniken der Kreuzfahrer und in den Biografien des Heiligen berichtet wird, ist reine Spekulation. Was man aus meiner Sicht aber beurteilen kann, sind die Voraussetzungen, die es Franziskus ermöglicht haben, mitten in einer Kriegssituation unbewaffnet ins feindliche Lager zu gehen und unbeschadet zurückzukehren. Franziskus hat in den ersten Jahren seiner Bekehrung die einschneidende Erfahrung gemacht, dass die Begegnung mit dem fremden, vielleicht sogar abschreckenden Menschen, eine ungeahnte Qualität entwickeln kann. Er selbst sagt, dass Gott ihn unter die Aussätzigen geführt hat. Diese »wundervolle« Begegnung mit dem Aussätzigen hat bei Franziskus eine Verwandlung bewirkt: »Da wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit verwandelt.« Franziskus hatte schon vorher Kontakt mit Aussätzigen. Der Weg nach Foligno, einem der größeren Handelszentren der Gegend, führte mitten durch ihr Aufenthaltsgebiet unterhalb Assisis. Auf einmal scheint sich etwas verändert zu haben. Franziskus nennt es: »Ich habe ihnen Barmherzigkeit getan.« Auch hier wissen wir nicht genau, was »Barmherzigkeit tun« konkret bedeutet. Es meint sicherlich, den anderen in seinem Menschsein und seiner Not wahrzunehmen und der Not Abhilfe zu schaffen. Das erste ist Voraussetzung für das zweite, und dies hat Franziskus nachhaltig geprägt. Aus meiner Sicht war es diese Erfahrung, auch in einer entstellten Person vorrangig den Mitmenschen als Schwester und Bruder zu sehen. Dies ermöglicht ihm, jedem Menschen vorurteilslos zu begegnen. Auch dem Sultan, dessen Bild in den Chroniken der Kreuzfahrer völlig verzerrt wird. Das ist die erste Voraussetzung für das Gelingen dieser Begegnung. Sultan Al-Malik al-Kamil Muhammad war ein weltoffener und sehr gebildeter Mann, der der Sufibewegung nahestand, die inhaltlich viele Berührungspunkte mit der christlichen Mystik hatte. Es gibt Gedichte aus dieser Strömung des Islam, die auch einem christlichen Mystiker zugeordnet werden könnten. Zudem war es an den mittelalterlichen Höfen des Vorderen Orients üblich, Vertreter verschiedener Religionen einzuladen, um über den Glauben zu diskutieren. Al-Malik al-Kamil Muhammad scheint diese Praxis auch während der Kreuzzüge weitergeführt zu haben. Das ist die zweite Voraussetzung des Gelingens dieser Begegnung. Ich meine, diese Grundprämisse ist auch heute noch gültig. Ob ich von der Begegnung mit anderen Kulturen oder Denkweisen berührt und gewandelt werde, hängt wesentlich von meiner inneren Offenheit und meiner Bereitschaft ab, mich darauf einzulassen. Nicht nur Mission braucht heute diese Voraussetzung, auch jeder von uns ist in seinem Alltag gefordert, über seine Blase hinaus anders Denkenden und Handelnden als Menschen zu begegnen – selbst wenn deren Denken und Handeln meinem widerstrebt. Die Autorin Elisabeth Bäbler gehört seit 1999 der Kongregation der Franziskanerinnen von Sießen an. Sie leitet das »Geistliche Zentrum Eremitage Franziskus«. Zudem ist sie in der geistlichen Begleitung, Exerzitienarbeit und als Referentin für franziskanische Themen aktiv. 9

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