Franziskaner Mission 3 | 2026

Hoffnung als Motor Am 6. September 1968 kamen sie, die Bischöfe Lateinamerikas, im Priesterseminar von Medellín in Kolumbien zusammen. Am Ende der Beratungen stand eine flammende Anklage gegen die Armut: Ganze Gesellschaftsteile auf dem Kontinent würden sozial an den Rand gedrängt – ein Ergebnis von Strukturen der Abhängigkeit und Unterdrückung. »Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit«, heißt es im Abschlussdokument der 2. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats (CELAM). Bei ihrem Treffen in Medellín verpflichteten sich die Bischöfe Lateinamerikas im Sommer 1968, künftig Anwälte der Armen und Entrechteten zu sein. Sie waren von einer unglaublichen Hoffnung angetrieben. Sie glaubten fest an eine grundlegende Veränderung in der Kirche und der Gesellschaft. Es sollte zu Ende sein, die Entrechtung, die Unterdrückung, die Ausbeutung – endlich – endlich sollten die Menschen frei sein und nicht in Armut leben müssen. Medellín 1968 war die Geburtsstunde der Theologie der Befreiung, die Geburtsstunde der Kirche an der Seite der Armen. Und diejenigen, die diese Tage geprägt sowie die Theologie verändert haben, die die Bibel neu gelesen haben, ja, welche die Option an der Seite der Armen gelebt haben – sind sehr alt geworden. Da ist der Priester und Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua, der mit seinen Bauern, den Campesinos in Solentiname, die Bibel gelesen hat – neu gelesen hat, aus der Sicht der Bauern. Da sind ferner der Peruaner Gustavo Gutiérrez und der Brasilianer Leonardo Boff, beide Theologen der Befreiung, und auch Dom Hélder Câmara, brasilianischer Bischof aus Recife. Câmara gründete die ersten kirchlichen Basisgemeinden in Brasilien und gehörte zu den profiliertesten Vertretern der Befreiungstheologie. Und schließlich ist da Óscar Romero, Märtyrer-Bischof in El Salvador. In dieser Zeit entstand das neue Christusbild: Christus, an der Seite der Armen, Jesus, einer von uns. Und wenn er gestorben ist, dann sind wir mit ihm gestorben. Darum der Campesino am Kreuz. Jesus an unserer Seite, an der Seite der Armen – das Plakat in meinem Arbeitszimmer. Als Gemeindepfarrer in Dortmund Asseln hat mich die Befreiungstheologie und das Thema Flüchtlinge weiter begleitet. Vielseitige Hilfe 1991 eröffneten wir in der Gemeinde das Café International mit einem Beratungsangebot in Asseln – 320 bis 500 Geflüchtete lebten damals in Dortmund Asseln in Containern. 1999 haben wir eine kurdische Familie ins Kirchenasyl aufgenommen und vor der Abschiebung geschützt. 2014 habe ich mich beim Diakonischen Werk Dortmund zum Vormund ausbilden lassen und dann die Vormundschaft für zwei syrische Jugendliche übernommen. Ende 2014 habe ich auf der Welle der Zuwanderung von Geflüchteten mit anderen zusammen die Koordinierungsgruppe für die Flüchtlingsarbeit in Dortmund gegründet – das Netzwerk der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit. Wir haben Sprachkurse in der Sammelunterkunft Morgenstraße in Wickede organisiert – später das Café International in Wickede –, dazu Fortbildungen für Ehrenamtliche bei der Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche Dortmund durchgeführt. Schließlich habe ich den Vorsitz im Verein Flüchtlingshilfe Aplerbeck übernommen. Im Juni gestalteten wir aktuell den Weltflüchtlingstag 2026 in Dortmund – mit dem Mahnmal der Erinnerung an die über 72.000 Geflüchteten, die an den europäischen Außengrenzen – überwiegend im Mittelmeer – gestorben sind. Warum machen wir das alles, warum engagiere ich mich? Die Bilder in meinem Arbeitszimmer erinnern mich. Ich zitiere dazu den Soziologen Professor Ludger Pries aus Bochum: »Sei ein Mensch! Achte die Würde aller Menschen! Es gibt weder ›Rassen‹ noch rassistisch definierte ›Völker‹. Migration ist Teil unserer Evolution. Sie hat seit Jahrmillionen zur Vermischung und Vielfalt des Homo Sapiens geführt. Was wir sind, sind wir durch Migration. Wir können Migration ebenso wenig exakt steuern, wie die menschliche Evolution selbst. Wir können aber versuchen, unser Zusammenleben unter Beachtung der Gleichwertigkeit und Würde aller Menschen gerecht und nachhaltig zu gestalten.« Genau das versuchen wir. Der Autor Paul Gerhard Stamm ist Superintendent i. R. in Dortmund sowie Gründer und Vorsitzender der Flüchtlingshilfe im Stadtbezirk Aplerbeck e. V. 11

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