Franziskaner Mission 3 | 2026

»Benedettos« Kilometerzähler ist exakt: 91.723 Kilometer werden angezeigt. »Benedetto« ist das Auto, mit dem ich in Bolivien zur Begegnung mit Menschen in Schulen, Familien, Bischofshäusern oder Konventen unterwegs war. Wir haben Wege zu verschiedenen Treffen in Internaten, Waisenhäusern, Gesundheitsstationen oder Zentren für Katechese zurückgelegt; wir suchten Wege zu Landuniversitäten, Exerzitienhäusern, Bibliotheken, Krankenhäusern und zu Initiativen des Fairen Handels. Mission er-fahren Allen ein Bruder sein in Bolivien TEXT UND FOTO: Michael Meyer Die vielen Wege mit »Benedetto« waren mehr als eine Einbahnstraße, sie gehen in viele Richtungen. In allem scheint für mich dabei die wichtigste Erfahrung der Mission durch: Mission lebt von der direkten Begegnung als »misión con rostro«, als einer Mission mit einem konkreten Menschengesicht. Die Begegnungen von Menschen lassen ein globales Beziehungsnetzwerk im Dienst des Evangeliums wachsen. Mit »Benedetto« haben sich mir die Augen geöffnet. Wie sonst hätte ich die landschaftliche Schönheit des südamerikanischen Landes entdecken können: die Weite des Altiplano, die kurvigen Strecken durch die Region der Täler, das satte Grün im Tiefland. Die Erkundung der so reizvollen Landschaften beschränkt sich aber nicht nur auf eine landschaftliche Idylle. Die Sorge um das Gemeinsame Haus der Erde für die vielfach bedrohte Erde ist leitend. Gerade der franziskanische Auftrag der Schöpfungsbewahrung setzt an vielen Stellen des Landes besondere Akzente, etwa mit den Franziskanerschulen »Escuela de Cristo«, die sich für ökologische Themen starkmachen und dabei Projekte wie Baumpflanzaktionen umsetzen. Aber auch der neue internationale Zusammenschluss von zivilen und kirchlichen Verantwortungsträgern in Amazonien im Netzwerk REPAM (»Red Eclesial Panamzónica«, Kirchliches Netzwerk Panamazonien) ist ein Ansatzpunkt, um die Kultur der Indigenen zu verteidigen und um die Artenvielfalt der Natur zu schützen. Um die Menschen und ihre Kultur besser zu verstehen und um sie tiefer kennenzulernen, muss Bolivien »er-fahren« werden. Das ist mehr als ein Wortspiel. Wege des Friedens Er-fahren heißt: die Unwegsamkeit vieler Straßen entdecken, mit Überraschungen rechnen. Da sind die »Bloqueos«, die Blockaden. Ohne Ankündigung liegen Steine auf der Straße und um die Blockaden herum gruppieren sich aufgebrachte Demonstranten. Zuletzt hat eine Straßenblockade im Mai 2026 das Alltagsleben der Millionenstädte La Paz und El Alto wochenlang lahmgelegt. Die Lebensmittel waren knapp und teuer – und wurden es durch die Blockaden noch mehr. Wenn die offizielle Politik nicht reagiert, nicht auf die Anliegen der Bevölkerung eingeht und an der Spirale der Korruption weiterdreht, dann ist Politik auf der Straße wiederzufinden. Ultima ratio? Straßenblockaden als Druckmittel, als letztes Mittel für die Mächtigen? In den vielen gesellschaftlichen Konflikten Boliviens zeigt sich die bolivianische Kirche als Vermittlerin, um Wege des Friedens zu suchen. Aurelio Pesoa ofm, Bischof aus Trinidad und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz, bringt mutig seine Stimme in der nicht einfachen politischen Situation ein. Er steht glaubwürdig an der Seite der Armen und wird nicht müde, Gerechtigkeit einzufordern. Auch die franziskanische Bewegung »Justicia y Paz« (Gerechtigkeit und Frieden), die in Cochabamba ihren Sitz hat, fordert in ihren nationalen Initiativen, die Würde des Menschen zu achten. Die Verteidigung der Menschenrechte und die Mission gehen hier Hand in Hand. 12

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