Franziskaner Mission 3 | 2026

Mission ist Sendung Er-fahren heißt aber auch: Gastfreundschaft spüren. Das gehört zu den schönsten »Erfahrungen«. An wie vielen Stellen habe ich echte Gastfreundschaft erlebt? Das Zeugnis der Gastfreundschaft ist für mich ein wichtiger Impuls der Kirche Boliviens für uns in Europa. Die Offenheit für Fremde, die Einladung zu teilen – sei es auch nur wenig – und das Interesse am anderen und seiner Lebensgeschichte stehen im Vordergrund. »Unser tägliches Brot gib uns heute!« ist keine Floskel. Dazu fallen mir die vielen großen Kochtöpfe aus einfachem Metall ein, in denen allerorts das Essen zubereitet wird. In aller Einfachheit oder auch im Kontext der Armut reicht es für alle, weil Menschen teilen. Der aus Italien stammende Fray Marcos ofm ist Tag für Tag unterwegs, um mit Bedürftigen eine einfache Mahlzeit zu teilen und sagt ein wenig verschmitzt: »Unsere Mission ist wie bei Franziskus: Ich möchte Bruder aller sein.« Das ist eine Mission unter dem Vorzeichen der Geschwisterlichkeit. Fratelli tutti. Er-fahren heißt dann auch: Nicht nur auf dem Stuhl hocken zu bleiben. Mission ist Sendung. »Mission heißt, aufhören sich um sich selbst zu drehen, als wären wir allein der Mittelpunkt der Welt und des Lebens. Die Menschheit ist viel größer.« Der Text von Hélder Câmara ist für mich ein Schlüsseltext. In Bolivien bezeichnen sich viele Menschen in den Gemeinden als »Misioneros«, als Missionare. Sie gestalten als Getaufte das Leben der Kirche vor Ort mit und organisieren sich eigenverantwortlich. Mich haben die Beispiele der vor Ort engagierten Menschen stets ermutigt. Und dann aber auch der Austausch mit den »Missionaren« aus allen Teilen dieser Welt. Welch ein großer Schatz an internationaler Verbundenheit in großem und kleinem Format, mit Asiaten, Afrikanern und Europäern. Ich habe Missionare in ihrem Einsatz bis hinein in die letzten Gemeinden des Landes angetroffen, wo es an Luxus, Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten wie Strom oder fließendem Wasser fehlt. Von Internetzugang erst gar nicht zu sprechen. Sollte ich diese Erfahrungen, diesen Einsatz vergessen? Ich sehe Gesichter von Menschen vor mir, mit denen ich arbeiten, leben, nachdenken, diskutieren, beten und feiern konnte. Ich denke an Manuel Eguiguren ofm in Trinidad. Die Teilnehmer einer Begegnungsreise verwechselten ihn und dachten, er sei lediglich der Chauffeur für die Gäste. Sie staunten nicht schlecht, als sie allmählich merkten, dass der aus dem Baskenland stammende Franziskaner nicht nur Chauffeur, sondern Weihbischof des Vikariates El Beni ist. Seine Schlichtheit, seine Option für die Armen, aber auch sein Humor waren einzigartig. Ich sehe Don Marcelino vor mir, ein Katechet, der im Dienst der Prälatur Coro-Coro steht. Er kennt die Prälatur wie seine Westentasche, hat in den vergangenen Jahrzehnten die Landgemeinden zu Fuß besucht. Kälte und Unwegsamkeit des Altiplano waren ihm kein Hindernis. Oder Doña Pascuala in einem Andenort im Grenzland zu Peru. Sie ist ehrenamtliche Gemeindeleiterin mit einem rührenden Engagement für die Jugendlichen. Hat sie je die Stunden ihres Einsatzes aufgelistet? Leere in der Fülle? Ich höre aber nicht auf zu fragen: Was bedeuten die existenziellen Erfahrungen für meinen Alltag in Europa, wo ich mit einem Dach über dem Kopf gut abgesichert leben kann? Wie lebe ich in einer gesättigten Gesellschaft, die materiell kaum Not leidet, wo sich aber die Fragen jenseits der Oberfläche nach einem erfüllten Leben neu auftun? Während eines Abschlusstreffens am Ende einer internationalen Begegnungsreise hat eine Teilnehmerin der bolivianischen Delegation angemerkt: »Wir haben bei euch in Deutschland die Leere in der materiellen Fülle gespürt.« Das mag vielleicht holzschnitzartig klingen, trifft aber den Kern. Die Mission stellt die Frage nach dem Wesentlichen. Wofür lässt du dich in den Dienst nehmen? Was motiviert dich? Ein Liedvers aus »Pintame Bolivia« des bolivianischen Liedermachers Christian Benítez klingt in mir nach. »Es braucht ein Motiv«, wiederholt der Sänger mehrfach. Im Evangelium nennt Jesus das Motiv seiner Mission (Lk 4,18-21): Er ist dazu gesandt, den Armen eine Frohbotschaft, den Trauernden Freude und den Gefangenen Freiheit zu bringen. Dieses Lebensmotiv nehmen Missionare als Weltgeschwister auf. In Bolivien, in Deutschland und bis an die Grenzen der Erde. Der Autor Michael Meyer ist Priester der Diözese Trier (Fidei Donum) und war zuvor Geschäftsführer in der Partnerschaftskommission der Bolivianischen Bischofskonferenz und Grundlagenreferent bei missio, Aachen. 13

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