nes Gefäß, hat ein reichlich ramponiertes Image. Und auch jeder Missionar ist ein zerbrechliches, irdenes Gefäß, unvollkommen, unzulänglich, aber doch Träger eines Schatzes. Bei einer Reise mit dem Bus durch das karge Hochland Boliviens hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich sah Bauern, die Campesinos, vor ihren ärmlichen Hütten und die mühsam bestellten Felder. Mitten in dieser Landschaft stand ein gigantisches Werbeschild: »Diet Coke«. Wozu brauchen die ausgezehrten Bewohner des Altiplano eigentlich die neueste Diät-Cola? Bis heute stelle ich fest: Man kann stundenlang auf holprigen Wegen in ein entlegenes Dorf fahren – Coca-Cola war schon da! Wirtschaftskonzerne sind ausgesprochen »missionarisch«. Politische Ideologien sind es. Die sozialen Medien sowieso. Und evangelikale Sekten warten auch nicht bescheiden am Ortseingang und fragen, ob sie vielleicht stören. Warum sollte sich ausgerechnet der christliche Glaube, wie ihn die katholische Kirche heute verkündet, zurückhalten? Mission darf niemals bedeuten, einem Menschen etwas aufzudrängen. Glauben wir aber, einen Schatz zu haben, der Menschen beschenkt, und sie letztlich befreit und heilt, dann müssen wir ihn anbieten. Morgens im Urwald Von 2008 bis 2015 lebte und arbeitete ich in Concepción im bolivianischen Tiefland. Dort bedeutete Mission erst einmal: Hitze, Schweiß, Staub, Schlamm und Diesel. Um fünf Uhr früh ging es los, direkt in den Urwald. Der Jeep war überfüllt und überladen: Ordensschwestern, Katecheten, Musiker, manchmal ein Arzt oder eine Krankenschwester. Messkoffer, Medikamente und Lebensmittel. Axt und Spaten durften auch nicht fehlen. Wir fuhren in abgelegene Dörfer, in die Politiker nicht einmal vor den Wahlen kamen. Allein die Tatsache, dass wir ankamen, war bereits Botschaft: Ihr seid nicht vergessen! Ihr seid wichtig! Die Kirche kommt zu euch! Die Glocke läutete, die Menschen versammelten sich zur Messe. Danach reflektierten wir im Sinne von Sehen – Urteilen – Handeln: Was braucht das Dorf? Trinkwasser? Medikamente? Menschenwürdige Häuser? Dort habe ich gelernt: Leib- und Seelsorge lassen sich nicht trennen. Was nützt eine fromme Predigt über die Liebe Gottes, wenn neben mir eine alte Frau mit offenen Wunden an den Füßen sitzt? Die Franziskaner haben diese Art von Mission über Jahrzehnte gelebt. Namen wie Bischof Antonio Eduardo Bösl und Pater Reinaldo Brumberger stehen für eine Generation von Missionaren, die nicht nur predigten, sondern anpackten. Sie bauten nicht nur Kirchen, sondern auch Schulen und Internate, bohrten Brunnen, förderten Landwirtschaft und Viehzucht und kümmerten sich um Kranke. Papst Franziskus forderte von den Hirten, den »Geruch der Herde« anzunehmen. Die Priester und Ordensschwestern in Concepción brauchten dafür keine päpstliche Erklärung. Wenn sie nach einem Einsatz vom Campo, einem Besuch in den Dörfern, zurückkamen, nachdem sie Wunden versorgt, Kinder von Parasiten befreit, Kranke umgebettet und vielleicht eine Runde Fußball gespielt hatten, trugen sie den Geruch ihrer Herde im wörtlichen Sinne an sich. Verschwitzt, voller Staub, aber glücklich, kehrten sie in den Konvent zurück. Mission ganz anders Seit 2021 bin ich wieder in Bolivien, diesmal in San Julián. Und wieder muss ich Mission neu denken. San Julián ist eine schnell gewachsene, staubige und laute Provinzstadt. Die Menschen kommen aus allen Ecken Boliviens. Auf den vier Türen unserer Pfarrkirche steht deshalb das Vaterunser in vier bolivianischen Sprachen: Quechua, Aymara, Guaraní und Chiquitano. Alle sollen sich beheimatet fühlen! Mission bedeutet hier für mich: Heimat schaffen. Und Bildung! Hunderte Kinder und Jugendliche begleiten wir auf dem Weg zu den Sakramenten. Wir haben eine Musikschule aufgebaut. Musik ist beste Jugendarbeit. Das Erlernen eines Instruments oder das Singen im Chor, soll Kinder und Jugendliche zum Schönen und Guten führen. Junge Menschen werden heute vor allem von sozialen Medien wie TikTok, Facebook & Co. beeinflusst. Influencer vermitteln Werte und Ideen, verkaufen Produkte, aus eigenem Interesse. Die Welt ist ein Wettbewerb. Mission bedeutet in San Julián aber auch, Strukturen zu schaffen. Eine Gemeinde braucht nicht nur schöne Gedanken, sondern Räume und ein Dach. Unter politisch nicht immer einfachen Bedingungen bauen wir ein neues Gemeindezentrum auf. Vielleicht ist das sehr franziskanisch: klein anfangen. Mit dem arbeiten, was da ist. Und Gott den Rest zutrauen! Wer missioniert wen? Nach all den Jahren in Bolivien hat sich mein Missionsverständnis weiterentwickelt. 1992 wollte ich »wie das Volk« leben. Später verwirklichte ich Projekte, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Heute versuche ich, Menschen zusammenzuführen und ihnen in Kirche Heimat zu geben. Dabei missionieren die Menschen auch mich! Die Chiquitanos in Concepción mit ihrer Herzlichkeit und Gelassenheit haben mich geprägt. Die Menschen in San Julián lehren mich, nicht lange über schlechte Bedingungen zu jammern, sondern anzupacken. Das Evangelium wird mir hier oft von den Menschen selbst ausgelegt – ganz ohne viele Worte. Mission bedeutet, den Schatz des Evangeliums anzubieten, den Armen nahe zu sein, Bildung zu ermöglichen, Gemeinschaft und Heimat zu schaffen und den Menschen in Wort und Tat die Liebe Gottes zu verkünden. In diesem Sinne braucht die Welt Mission, in Bolivien wie in Deutschland. Der Autor Robert Hof ist seit 2021 als Missionar in der Stadt San Julián (circa 180 Kilometer östlich von Santa Cruz, Bolivien) tätig. Zuvor war er bereits von 2008 bis 2015 als Missionar in Bolivien im Einsatz, bevor er zwischenzeitlich als Pfarrer in der Münchner Herz-JesuKirche arbeitete. 15
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