Franziskaner Mission 3 | 2026

keiten hat, braucht Fürsorge; jemand, der alt wird, behält seine Würde. Wahre Geschwisterlichkeit zeigt sich, wenn wir lernen, einander zu vergeben, zu dienen, zuzuhören und füreinander Sorge zu tragen. Diese Erfahrung hat auch die untrennbare Verbindung zwischen Geschwisterlichkeit und Mission bekräftigt. Franziskus nahm Brüder auf und empfing gemeinsam mit ihnen einen Auftrag. Die franziskanische Evangelisierung entspringt nicht Macht oder Einfluss, sondern Präsenz, Einfachheit, Nähe und Dienst am Nächsten. Deshalb sind wir Franziskaner aufgerufen, unseren Blick auf die Benachteiligten unserer Gesellschaft zu richten: auf die Armen, die Einsamen, die Migranten, die Ausgegrenzten und all jene, die Unterstützung und Beistand brauchen. Die Barmherzigkeit nimmt auf diesem Weg einen zentralen Platz ein. Franziskus begegnete Gott, als er sich dem Aussätzigen näherte und zuließ, dass das, was ihm bitter vorkam, sich in Süßigkeit verwandelte. Auch heute geschieht Bekehrung durch die Verwandlung unseres Blickes und durch die Fähigkeit, Christus in den Menschen zu erkennen, denen wir begegnen. Die Eucharistie erinnert uns daran, dass Christus sich für uns hingibt. Ein wahrhaft eucharistisches Leben muss daher zu Hingabe, Dienst und Gemeinschaft führen. Es gibt keine wahre Geschwisterlichkeit ohne Barmherzigkeit und Vergebung. Bruder sein Assisi erinnert uns Franziskaner auch an die Verbindung zwischen Kontemplation und Mission. Franziskus war ein Mann des tiefen Gebets, doch sein Gebet hat ihn niemals von den Menschen entfernt. Im Gegenteil: Es führte ihn zur Begegnung mit seinen Brüdern. Das Gebet ist die Quelle der Mission und der Erneuerung des geschwisterlichen Lebens. Angesichts der Veränderungen in der heutigen Welt, unter anderem durch soziale Netzwerke, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Evangelisierung. Doch keine Technologie kann die menschliche Begegnung, das Zuhören, die Fürsorge und die persönliche Präsenz ersetzen. Die Welt wird weiterhin Zeugen des Evangeliums brauchen. Mir stellen sich heute Fragen, zum Beispiel: Wie kann man in der heutigen Welt, die sich immer schneller verändert, weiterhin Franziskaner sein? Vielleicht liegt die Antwort weniger darin, neue Dinge zu tun, als vielmehr darin, zum Wesentlichen zurückzukehren: zum Evangelium, zur Geschwisterlichkeit, zum Leben als Minderbruder in der Gemeinschaft, zur Barmherzigkeit, zum Gebet und zum Dienst. Zu den Quellen zurückzukehren bedeutet nicht, in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern erneut aus der lebensspendenden Quelle zu trinken. Deshalb bleibt die grundlegende Frage: Sind wir noch fähig, Geschwister zu sein? Wenn ja, gibt es eine Zukunft. Wenn wir fähig sind, füreinander Sorge zu tragen, gibt es eine Mission. Wenn wir demütig sind, gibt es ein Zeugnis. Wenn wir die Barmherzigkeit in den Mittelpunkt stellen, gibt es Hoffnung. »Ihr alle seid Brüder«, heißt es im Matthäusevangelium (Mt 23,8). Franziskaner zu sein bedeutet letztendlich zu lernen, ein Bruder zu sein. Der Autor Jardiel Sousa Silva ofm kommt aus der Franziskanerprovinz »Nossa Senhora da Assunção« (»Unsere Liebe Frau von der Himmelfahrt«) im Nordosten Brasiliens. Er ist Ansprechpartner für die wachsenden Unterstützerkreise der Provinz sowie Leiter des franziskanischen Bildungshauses (CEFRAM) in Bacabal. Übersetzung aus dem Portugiesischen: Márcia Santos Sant’Ana Franziskanerbruder Jardiel vor der PortiunculaKapelle in Assisi 20 | 21

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