tung für die Fortführung der Projekte zu übernehmen. Die Auszubildenden im Schneiderprogramm sind immer sehr dankbar. Sie lernen nicht nur neue Fähigkeiten, sondern auch Teamarbeit, Pünktlichkeit, das Übernehmen von Verantwortung und die Gemeinschaftsbildung von Gleichgesinnten. Mit meinen 76 Jahren liebe ich, was ich tue. Gern gebe ich anderen etwas weiter, was ich zum Glück erfahren durfte – dank meiner Geburt in einem Land, in dem es Demokratie, guten Willen und viele Möglichkeiten gibt. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, wie mein Leben verlaufen ist. Als Mensch wachsen Wer aus einer Welt mit Wohlstand kommt und die Armut erlebt, dem brennt sich das Erlebte tief ins Gedächtnis ein. Sobald man die Menschen in Uganda, Ruanda oder Sambia, die ums Überleben kämpfen, getroffen hat und mit ihnen verbunden ist, kann man nicht wegsehen und so tun, als gäbe es diese existierende Ungleichheit nicht. Als ich zum ersten Mal nach Afrika ging, gab mir jemand ein weises Wort mit auf den Weg: »Versuch nicht, Afrika zu ändern; Afrika wird wahrscheinlich dich verändern!« – Wie wahr das ist! Ich kann mich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem ich nicht als Mensch gewachsen bin. In ein anderes Land zu reisen und dort akzeptiert zu werden – und ich wage zu sagen, geliebt zu werden –, ist wirklich ein Segen. Zu entdecken, dass wir alle auf diesem Planeten Erde leben und dass der einzige Unterschied zwischen uns die Sprache ist, ist etwas, das ich für mich entdeckt habe. Familienbande sind stark, und Mütter wollen das Beste für ihre Kinder und ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Trotz Armut und Not siegt die Liebe. Ich bin demütig, wenn ich echte Zuneigung und Respekt von denen erlebe, mit denen ich gearbeitet habe. Jeden Morgen wache ich mit einem Ziel auf, und jeden Abend gehe ich ein wenig unzufrieden zu Bett, denn es gibt so viel zu tun und so wenig Zeit! Aber ich habe Geduld gelernt: Das Lebenstempo in Afrika ist nicht überstürzt und hält sich nicht an einen strikten Zeitplan. Es gibt immer Situationen, die gut gemeinte Pläne verändern. Mangelnde gute Grundausbildung und ein fragiles Gesundheitssystem führen dazu, dass so viele Menschen unschuldig leiden. Denn sie haben einfach ein schwieriges Leben mit wenigen Hilfsmitteln und Angeboten, um voranzukommen. Aber mit den Möglichkeiten, die von denen angeboten werden, die sich kümmern, gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sie selbst und ihre Familien. Ich habe das Glück, Teil dieses Vorhabens zu sein. Wenn meine Zeit näher rückt, werde ich mein Leben als ein gut gelebtes Leben betrachten, wegen all der Freude und Liebe, die ich erhalten durfte. Und ich werde dankbar sein, dass ich mein Leben und Wissen teilen konnte. Die Autorin Valerie Kae Ken kommt aus Kanada und arbeitet ehrenamtlich seit vielen Jahren in Uganda, Ruanda und Sambia in der Ausbildung junger Schneiderinnen und Schneider. Übersetzung aus dem Englischen: Heinrich Gockel ofm Die Autorin (rechts) beim Anlernen einer Schneiderin 23
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=