Ich konnte im Zusammenhang mit dieser Vertretungsstelle nämlich nicht nur erste intensive unterrichtliche Erfahrungen sammeln. Sondern ich lernte durch die Mitarbeit in der schulischen Arbeitsgemeinschaft »Glaube und Entwicklung« konkret, wie gerade im Schulsystem der Wert christlicher Nächstenliebe ganz praktisch jungen Menschen nähergebracht werden kann. Das lief zum Beispiel durch die Planung und Organisation von Informationsveranstaltungen zur Situation von Menschen in der Einen Welt, insbesondere von Jugendlichen. Oder durch die engagierte Arbeit zur Unterstützung der franziskanischen CONASA-Schule in der Stadt Bacabal im Bundesstaat Maranhão. Verantwortung »im Kleinen« Entwicklungspolitische Bildung ist für mich seitdem weit mehr als ein schulischer Bildungsauftrag geworden. Sie ist Ausdruck einer persönlichen Haltung, die vor allem durch prägende Erfahrungen bei mehrmaligen Besuchen mit Schülerinnen und Schülern in Brasilien gewachsen ist. Während mehrerer Aufenthalte in Brasilien hatte ich als Leiter der Schul-AG »Glaube und Ent- wicklung« des Gymnasiums Petrinum die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, deren Lebens- wirklichkeit sich grundlegend von unserem Alltag unterscheidet. Ich begegnete großer Gastfreundschaft und Lebensfreude, zugleich aber auch Armut, sozialer Ungleichheit und fehlenden Bildungschancen. Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf globale Zusammenhänge nachhaltig verändert. Sie sind bis heute eine große Motivation Vor fast 30 Jahren trat ich als katholischer Religions- und Geschichtslehrer meine erste Vertretungsstelle am Gymnasium Petrinum in Recklinghausen an. Damals war mir nicht bewusst, welchen wichtigen Stellenwert entwicklungspolitische Arbeit bis zum heutigen Tag in meinem Berufsleben einnehmen und meine Lehrerpersönlichkeit prägen würde. Glaube und Entwicklung Bewusstseinsbildung in der Schule geblieben. Mittlerweile bin ich – nach vier Jahren als stellvertretender Schulleiter des St. AntoniusGymnasiums in Lüdinghausen – seit 2019 Schulleiter des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Recklinghausen. Mir wurde im Laufe der Jahre bewusst, dass Wohlstand und Bildung keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Verantwortung für die Eine Welt mit sich bringen. Eine solche Verantwortung ist Schülerinnen und Schülern einerseits zu vermitteln. Andererseits müssen sie die Chance erhalten, diese selbst erfolgreich und nachhaltig »im Kleinen« in der Schule zu übernehmen. Angebote von entwicklungspolitischen Themen durch Gäste aus der Einen Welt trugen maßgeblich dazu bei, Wissen in besonderer Weise erfahrbar werden zu lassen. Dazu gehörten zum Beispiel der Auftritt einer Musikgruppe aus Nairobi am Theodor-HeussGymnasium zum Fairen Handel oder der Besuch des Franziskaners Hermann Borg, dem »Vater der Bäume«, aus Afrika zur Bedeutung des Klimawandels am St. Antonius-Gymnasium. Spendenläufe oder der Verkauf von Speisen und Getränken bei schulischen Veranstaltungen am Gymnasium Petrinum sind zwei praktische Beispiele, mit denen Spenden für die brasilianische CONASA-Schule in Bacabal zusammengetragen wurden. Teil einer Welt Besonders beeindruckt hat mich bei den Reisen und den vielen Begegnungen mit Menschen aus Süd- und Mittelamerika sowie aus Afrika, mit welcher Würde und Hoffnung sie ihren Alltag gestalten – obwohl sie unter schwierigen Bedingungen leben. Diese Begegnungen haben mich gelehrt, die Welt Graffiti-Projekt am Gymnasium Petrinum »Schein und Sein« TEXT: Jörg Schürmann | FOTOS: Jörg Schürmann; Franziskaner Mission 28
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