2017 habe ich in Bonn mein Abitur gemacht und wusste, wie wohl die meisten in dem Alter, nicht so recht, was danach kommen sollte. Also habe ich mich entschieden, über die Missionszentrale der Franziskaner, Bonn, einen Freiwilligendienst zu machen: ein Jahr nach Bolivien. »Träume spinnen« Meine Zeit in der Zona Sur in Bolivien TEXT UND FOTOS: Carolina Graef Alarcón Das war damals ein großer Schritt für mich. Raus aus dem Elternhaus, rein in mehr Unabhängigkeit, aber eben auch in mehr Selbstständigkeit und Verantwortung. Lateinamerika kannte ich bis dahin nur über Mexiko, wo ich geboren bin und einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Bolivien war für mich völliges Neuland. Nur sprachlich war ich wenigstens wieder zuhause. Mein Projekt war die Fundación Hilando Sueños (Stiftung »Träume spinnen«), eine Hausaufgabenbetreuung mit angeschlossener Kita in der »Zona Sur« von Cochabamba – einem Stadtteil, der für Armut und Kriminalität bekannt ist. Die Kinder, die dort betreut werden, gehören zu den Ärmsten der Armen; manche arbeiten beispielsweise nebenbei an Autowaschanlagen mit, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Meine Aufgaben im Projekt waren bunt gemischt: Hausaufgaben betreuen, Mithilfe beim Kochen, die Kleinen für die Schule fertig machen, Freizeitaktivitäten planen und für die Kinder da sein. Die kleinen Momente Eine große Mission hatte ich ehrlich gesagt nicht, jedenfalls keine, die ich hätte in Worte fassen können. Ich wollte lernen – über die Menschen und die Kultur dort, aber vor allem auch über mich selbst. Ich glaube, ich kam mit der typischen Mischung aus Abenteuerlust und dem leisen Anspruch an: »etwas Gutes tun«. Wie viel man davon tatsächlich geben kann und wie viel man selbst bekommt, das habe ich erst vor Ort wirklich begriffen beziehungsweise bei meiner Rückkehr und in den Jahren danach. Es sind vor allem die kleinen, sehr konkreten Momente, die mir geblieben sind. Ein Beispiel: Im Dezember, kurz vor Weihnachten, sind wir mit allen Kindern zum Cristo de la Concordia gefahren, der riesigen Christusfigur über Cochabamba. Obwohl die Kinder ihr ganzes Leben in dieser Stadt wohnen, hatten die wenigsten die Statue je aus der Nähe gesehen. Schon die Fahrt dorthin, mit Blick auf die vielen Häuser und die Lagune, war für sie ein besonderes Ereignis. Solche Momente haben mir gezeigt, wie unterschiedlich unsere Ausgangspunkte sind und wie viel Freude in eigentlich kleinen Dingen steckt. Aber auch, wie privilegiert ich bin, dort geboren zu sein, wo ich bessere Chancen habe, und wie unfair vieles ist. Beeindruckt hat mich auch, wie viel Herzblut das ganze Team – die Köchinnen, die »Profes«, so nennen die Kinder ihre Erzieherinnen, und vor allem die Leiterin Delina Calani Velásquez ofs – in dieses kleine Projekt steckt, obwohl es kaum staatliche Unterstützung gibt und sich alles über Spenden aus Deutschland finanziert. Die zweite Reise Verändert hat mich diese Zeit auf jeden Fall – und zwar deutlich. Nach dem ersten Jahr habe ich in Köln »Regionalstudien Lateinamerika« studiert, um überhaupt erst mal ins Uni-Leben zu finden. Aber irgendetwas hat mir gefehlt. Dieses Gefühl ließ mich nicht los, bis ich mein Studium abgebrochen
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