Franziskaner Mission 3 | 2026

habe, um für sieben Monate allein nach Bolivien zurückzugehen: für ein Praktikum im Projektbüro der Franziskanerprovinz und nebenbei weiter bei »meinem« Projekt Hilando Sueños. In diese zweite Zeit fiel dann auch noch die politische Krise Ende 2019 in Bolivien, mit Straßensperrungen, Protesten und einer Übergangsregierung. Mein Alltag dort wurde plötzlich unsicher. Und dann, im März 2020, kam Corona. Innerhalb weniger Tage musste ich Bolivien verlassen. Der Abschied von den Kindern war der schwerste Moment meiner ganzen Zeit dort. Ich hatte für jedes Kind einen Schmetterling aus Papier gebastelt, meine Kakteen an Kolleginnen vererbt, und als ich dann mit einer Torte zu den Kindern kam, wussten sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich wollte ihnen danken und Mut machen und stand letztlich dann einfach nur weinend vor ihnen, während sie mich von allen Seiten umarmten. Auch Doña Theresa, eine der Köchinnen, die sonst eher zurückhaltend mit ihren Gefühlen ist, brach in Tränen aus, als ich ihr eine meiner Pflanzen übergab. Aus tiefstem Herzen Mitgenommen habe ich einiges: Ich bin geduldiger geworden, gelassener mit Dingen, die nicht so laufen wie geplant. Denn in Bolivien funktioniert selten etwas nach Plan, und trotzdem geht es immer irgendwie weiter. Ich habe gelernt, wie viel Wärme und Zusammenhalt entstehen können, wenn Menschen wenig haben. Und ich trage die Beziehungen zu den Kindern und dem Team bis heute mit mir. Von den Menschen dort habe ich gelernt, dass das Leben schwer sein kann, dass man aber mehr aushält, als man denkt – oft auch mehr, als andere einem zumuten. Und dass es am Ende immer einen Weg weitergeht. Was ich nicht erwartet hatte, war, wie sehr mich das Projekt emotional binden würde – dass sich ein FSJ und Praktikum am Ende anfühlt wie der Abschied von einem Zuhause. Generell hat mir Bolivien als Mensch mit Migrationshintergrund, und damit auch manchmal mit Identitätskrisen, sehr geholfen zu verstehen, dass Zuhause überall dort sein kann, wo man geschützt wird, wo man sich auf Menschen verlassen und emotional fallen lassen kann. In dieser Zeit habe ich sehr zu meinen Wurzeln und meiner Identität gefunden und gelernt, dass ich mich nicht rechtfertigen oder überhaupt erklären muss. Ich bin Mensch, und die Welt ist mein Zuhause. Zurück in Deutschland erzähle ich bis heute viel von Bolivien – von der Cancha, dem größten Straßenmarkt Südamerikas, von den Truffis, den kleinen Sammeltaxis, bei denen man einfach winkt, um einzusteigen, von der Weihnachtsfeier mit Krippenspiel und selbstgebackenen Keksen. Über die jährliche Spendenaktion für das Projekt versuche ich außerdem, etwas von dem zurückzugeben, was ich dort bekommen habe – auch wenn ich weiß, dass ich das, was mir die Menschen in Bolivien gegeben haben, nie ganz aufwiegen kann. Meine Zeit dort war der Beginn der Person, zu der ich geworden bin, beruflich wie charakterlich, und dafür danke ich Bolivien und all den Menschen, die mich begleitet haben, aus tiefstem Herzen und mit tiefer Dankbarkeit. Die Autorin Carolina Graef Alarcón studierte nach ihrer Zeit in Bolivien, Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Sie arbeitete unter anderem bei DOMRADIO.DE, der »Zeit«, dem Kölner Stadt-Anzeiger und »Kurdistan24«. Für die »Schwäbische Zeitung« reist sie regelmäßig nach Kurdistan. Vor der Christusstatue im bolivianischen Cochabamba bedanken sich die Kinder aus dem Projekt für die finanzielle Hilfe aus Deutschland. 30 | 31

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