Im Jahr 1219 berichten mehrere Chronisten des Kreuzzuges von zwei Klerikern, die aus dem Lager der Kreuzfahrer, die vor Damiette im heutigen Ägypten lagern, unbewaffnet ins Lager des Sultans gehen wollen, um mit diesem zu sprechen. Alle sind sich einig, dass sie nicht lebend zurückkehren werden. Der Heerführer des Kreuzfahrerheeres will die Verantwortung dafür nicht übernehmen und beschließt, es ihnen zu verbieten. Erst als sie versichern, auf eigene Verantwortung zu gehen, lässt er sie ziehen. Die beiden beschriebenen Kleriker waren Franziskus von Assisi und Bruder Illuminatus. Noch heute gültig Folgen der Begegnung zwischen Franziskus und dem Sultan TEXT: Sr. M. Elisabeth Bäbler osf | MALEREI: João Batista Bezerra da Cruz Die Begegnung des Mannes aus Assisi und dem Sultan Al-Malik al-Kamil Muhammad ist in verschiedenen, auch islamischen Quellen bezeugt. Die christlichen Quellen unterstreichen alle, Franziskus habe dies getan, um den Sultan zu missionieren. Dies sei ihm jedoch nicht gelungen. Er selbst scheint jedoch aus der Begegnung verändert hervorgegangen zu sein. Wir haben wenig Informationen darüber, was das Treffen in der islamischen Welt bewirkt hat. Was Franziskus aber aus dem Orient mitgebracht hat, wissen wir etwas genauer. Folgen der Begegnung Kurze Zeit nach seiner Rückkehr schreibt er einen Rundbrief mit dem Titel »An die Lenker der Völker«. Darin fordert er die Würdenträger der verschiedenen Städte und Fürstentümer auf, jeden Abend die Bevölkerung durch einen Herold zum Lobe Gottes aufzurufen. Eine Idee, die mit großer Wahrscheinlichkeit vom Ruf des Muezzins inspiriert wurde. Franziskus selber dringt mit dieser Forderung aber nicht durch. Etwa 100 Jahre nach seinem Tod greift einer seiner Mitbrüder im Orden die Idee auf und ersetzt den rufenden Herold durch Glockengeläut. Wenn die Glocken dreimal täglich läuten, fordern sie die Gläubigen auf, den Engel des Herrn zu beten. Ein Gebet, das an die Menschwerdung Christi erinnert. Das Läuten hat die Jahrhunderte überlebt und ist zum Kulturgut geworden. Wahrscheinlich ist nur wenigen Personen bewusst, warum die Glocken morgens, mittags und abends läuten. Von jenen, 8
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