»Machtlos und hilflos« – so fühlte sich Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, als er im Sommer den Gazastreifen besuchte, nachdem die dortige katholische Kirche »Heilige Familie« angegriffen worden war. Wir sprachen mit ihm über die Lage – nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland, wo die Menschen Angriffen extremistischer Siedler ausgesetzt sind. Im Interview spricht er über den täglichen Kampf ums Überleben, die Bedeutung von Einheit und Hoffnung sowie den schweren Prozess der Heilung, der noch bevorsteht. Trotz der tiefen Gräben betont er, dass Glaube und Mitgefühl die Antwort auf das Leid bestimmen müssen – und dass echte Versöhnung Zeit, Führungsstärke und Mut erfordert.

Kardinal Pizzaballa, im Juli 2025 konnten Sie Gaza und die dortige christliche Gemeinde besuchen und sich selbst ein Bild vom Ausmaß von Armut, Hunger und der medizinischen Notlage machen. Wie hat sich die Lage in der Gemeinde nach Ihrem Besuch entwickelt?
Wir konnten die Lieferung von Lebensmitteln und humanitärer Hilfe wieder aufnehmen, die für einige Monate ausgesetzt worden war. Das hilft den Menschen natürlich – sie haben jetzt mehr zu essen und nicht nur Notvorräte. Zum Beispiel bekommen sie zum ersten Mal seit etwa acht Monaten wieder etwas Gemüse. Aber trotzdem ist die Lage mehr oder weniger gleich geblieben. In Gaza-Stadt sind etwa 85 Prozent der Häuser zerstört. Knapp 500 Menschen leben immer noch in der alten Pfarrschule auf unserem Kirchengelände. Das Einzige, was ihnen etwas zu tun gibt – oder, sagen wir, einen Sinn –, ist, die Verteilung der von uns gelieferten humanitären Hilfe zu organisieren. Was der Waffenstillstand ebenfalls verändert hat, ist, dass sich die Soldaten hinter die gelbe Linie zurückgezogen haben. Dadurch gibt es jetzt mehr Bewegungsfreiheit: Die Menschen können hinausgehen und Aktivitäten wie den Marktbetrieb wieder aufnehmen. Und es fallen jetzt weniger Bomben.
Wie laufen die Hilfsmaßnahmen? Und was sind Ihre Prioritäten?
In den letzten zwei Jahren waren Lebensmittel und Medikamente immer unsere oberste Priorität, da wir zu den wenigen gehören, die diese Güter ins Land bringen konnten. Das ist trotz der Waffenruhe immer noch problematisch, aber wir gehen nun davon aus, dass Lebensmittel geliefert werden. So können wir uns auf andere Aufgaben und Probleme konzentrieren. Im Winter werden Zelte, Decken und Medikamente benötigt, es sind ja alle Häuser zerstört. Und natürlich sind auch Hygieneartikel ein Problem, da es keine sanitären Einrichtungen gibt. Das Hygieneproblem ist sehr gravierend, insbesondere für Frauen. Aber Zelte sind natürlich nur eine kurzfristige Lösung. Wir können nicht erwarten, dass die Menschen jahrelang in Zelten oder Klassenzimmern leben – zusammen mit anderen Familien, ohne Badezimmer und unter sehr prekären Bedingungen. Die zerstörten Häuser wiederaufzubauen, erfordert aber die Abstimmung mit den lokalen Behörden, denn man braucht ja einen Bebauungsplan und Zugang zu Wasser, Strom und anderen Versorgungsleistungen. Aber wir wissen noch nicht, wer die lokalen Behörden sein werden. Deshalb ziehen wir auch provisorische Lösungen wie Wohnwagen in Betracht. In einem Komitee mit anderen christlichen und nichtchristlichen Organisationen diskutieren wir, wie wir hier vorgehen sollen. Außerdem besprechen wir, was bei der Verteilung Vorrang haben soll und wie wir uns untereinander besser koordinieren können.
Zudem gibt es noch ein weiteres Problem, über das nur sehr wenige sprechen: Das ist jetzt das dritte Jahr ohne Schule. Es ist wichtig, alles zu tun, um zumindest einen Teil des Schulunterrichts wieder aufzunehmen. Vor dem Krieg haben wir vier Schulen betrieben. Eine davon ist teilweise beschädigt – die Menschen auf unserem Kirchgelände leben jetzt dort. Die anderen Schulen wurden zerstört. Unser Ziel ist es, mindestens eine davon so schnell wie möglich wieder zu eröffnen. Das ist absolut notwendig. Wenn man eine Zukunft haben will, muss man an die Kinder denken.

Wird die christliche Gemeinschaft in Gaza bleiben?
Ich denke, einige werden bleiben, und andere werden gehen – das ist schwer vorherzusagen. Ob man geht, hängt davon ab, ob man im Ausland eine Chance bekommt. Aktuell wollen einige von denen, die zu Beginn des Krieges, als die Grenze noch offen war, gegangen sind, zurückkommen. Das zeigt, dass auch sie mit ernsthaften Problemen konfrontiert sind. Sie haben keine Visa und keinen rechtlichen Status, daher kehren sie lieber nach Hause zurück.
Wie war es eigentlich vor dem Krieg, als Christ im von der Hamas kontrollierten Gazastreifen zu leben?
Wie gesagt, wir hatten vier Schulen, die wir frei und problemlos betreiben konnten. Wir konnten auch innerhalb unseres Geländes unseren Glauben frei ausüben. Natürlich konnten wir keine Fronleichnamsprozession auf den Straßen veranstalten, aber das haben wir auch vor der Hamas nicht getan. Zeitweise hatte die Hamas-Regierung auch eine spezielle Abteilung, die für Nichtmuslime zuständig war – also nur für uns, da wir die einzigen Nichtmuslime dort sind. Gelegentlich kam es zu Konflikten oder Missverständnissen mit einigen muslimischen Familien, aber das gehört zum Leben dazu. Insgesamt waren die Beziehungen immer recht respektvoll.
Letzten Sommer haben Sie Taybeh im Westjordanland besucht, kurz nachdem das Dorf von extremistischen Siedlern angegriffen worden war. Sie und andere Kirchenführer sind dorthin gereist, um auf diese Angriffe aufmerksam zu machen. Was genau ist passiert?
Taybeh ist das einzige christliche Dorf im Westjordanland und daher für uns neben Bethlehem natürlich eine Art Symbol. Aber das Problem der Siedler im Westjordanland betrifft alle Dörfer. Was passiert ist: Die Siedler haben versucht, sich Teile des Landes anzueignen und die Bewohner auf dem Weg zu ihren eigenen Feldern zu behindern. Viele von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft. In der Erntezeit für Oliven wollen die Siedler das verhindern, um der Bevölkerung dort Probleme zu bereiten.
Wir mussten dorthin fahren und eine Messe feiern, auch mit der Presse, um der Gemeinde unsere Unterstützung zu zeigen und auf das Problem aufmerksam zu machen. Wir haben auch ein Ende der Angriffe und die strafrechtliche Verfolgung der Täter gefordert. Aber da ist nichts passiert. Deshalb haben wir uns mit mehreren Generalkonsulaten in Jerusalem abgestimmt, um während der Olivenernte jeden Tag vor Ort zu sein. Denn wenn die Siedler Ausländer und Diplomaten sehen, halten sie sich zurück. So weit müssen wir gehen, um das Recht der Menschen zu sichern, auf ihrem eigenen Land zu arbeiten.
Sollten sich nicht die Sicherheitskräfte darum kümmern? Wie ist das in Taybeh organisiert?
Ich muss daran erinnern, dass das Westjordanland in drei Gebiete unterteilt ist. Gebiet A steht vollständig unter der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde. In Gebiet B wird die Verwaltung von der Palästinensischen Autonomiebehörde geführt, aber die Sicherheitskräfte werden von Israel organisiert. In Gebiet C ist Israel für beides verantwortlich. Gebiet A ist fast ausschließlich städtisch, während Landwirtschaft und Dörfer wie Taybeh in den Gebieten B und C liegen. Die Palästinensische Autonomiebehörde hat keinen Zugang zu diesen Gebieten. Israelische Sicherheitskräfte sollten eigentlich präsent sein, sind es aber nicht. Warum das so ist, können wir nur vermuten, da wir keine verlässlichen Informationen haben.

Mit welchen weiteren Problemen sind die Menschen im Westjordanland derzeit konfrontiert?
Neben den Problemen mit den Siedlern stehen die Menschen vor einer großen wirtschaftlichen Herausforderung. Das Leben im Westjordanland hängt von zwei Haupteinnahmequellen ab: Pilgerreisen und das Pendeln zur Arbeit nach Israel. Nach dem 7. Oktober wurden die Pilgerreisen ausgesetzt, aber ich hoffe, dass sie schon bald wieder aufgenommen werden können. Die Arbeitsgenehmigungen für Israel wurden fast vollständig gestrichen, und ich glaube nicht, dass sie wieder eingeführt werden. Nach den schrecklichen Anschlägen vom 7. Oktober haben die Israelis verständlicherweise Angst, Palästinenser unter sich zu haben. Man könnte also zusammenfassen, dass sich die Menschen im Westjordanland Lebensmittel nicht leisten können, während es für die Menschen in Gaza gar nicht genug Lebensmittel gibt.
Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, damit endlich Frieden im Heiligen Land einkehrt?
Frieden ist ein sehr anspruchsvolles Wort – wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen. Frieden erfordert Vorbereitungen und Bedingungen, die wir nicht haben. Derzeit ist der Hass zwischen Israelis und Palästinensern zu tief und zu stark. Zunächst müssen die Wunden heilen, und das wird sehr lange dauern. Damit Vertrauen wachsen kann, brauchen wir glaubwürdige Zeugnisse, Vorbilder und neue Führungspersönlichkeiten – die wir derzeit nicht haben. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage in einigen Jahren ändern wird. Und ich glaube, dass die nächste Generation die emotionale Freiheit hierfür haben wird.
Jetzt müssen wir aber erst mal auf das Ende des Krieges hinarbeiten und auf politischer und sozialer Ebene Gesten machen, die langsam wieder Vertrauen aufbauen. Es herrscht tiefes Misstrauen innerhalb der Bevölkerung, nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern. Die Palästinenser selbst sind gespalten, ebenso wie die Israelis. Über Frieden zu reden, ohne die Voraussetzungen zu schaffen, die den Palästinensern eine klare nationale Perspektive bieten, ist nichts anderes als Gerede. Slogans.

Sie sagten, Palästinenser und Israelis seien untereinander gespalten. Wie sieht es mit den Christen aus?
Es war schwierig, den Zusammenhalt zu bewahren, als der Krieg uns so stark in Richtung Polarisierung und Spaltung drängte. Wir Christen sind nicht neutral: Christliche Israelis sind Israelis, und palästinensische Christen sind Palästinenser. Aber wir sind keine politische Partei – wir dürfen unterschiedliche Ansichten haben. Israelische Katholiken denken nicht genau so wie palästinensische Katholiken, dennoch gehören sie derselben Kirche, demselben Bischof an. Trotz einiger Wunden, Schmerz und Missverständnissen ist uns aber gelungen, vereint zu bleiben. Und ich denke, das ist unsere Stärke als Christen. Im Krieg geht es um Spaltung, ich oder du, wir oder die. Unser Ringen ist das Gegenteil davon: Es geht darum, die Einheit in unserer Gemeinschaft zu bewahren.
Und auch aus spiritueller Sicht hat uns dieser Krieg tief getroffen. Wir haben uns gegen eine so starke Kraft des Bösen, des Todes und des Hasses gewehrt, aber wie geht man damit um? Wie lebt man damit, und wie bringt man seinen Glauben mit dem in Einklang, was man im Alltag sieht? Diese Frage hat uns die ganze Zeit über beschäftigt. Und die einzige Antwort ist, auf Gott und natürlich auf Jesus zu blicken. Denn aus menschlicher Sicht haben wir keine Antworten darauf.
Und was ist für Sie selbst als Bischof von Jerusalem in dieser Hinsicht am wichtigsten?
Ich habe es satt, über Politik und Politiker zu sprechen. Meine Aufgabe (als Bischof) ist es, über Hoffnung zu sprechen. Dieses Wort ist derzeit in aller Munde. Aber wie kann man über Hoffnung sprechen, wenn man Menschen sieht, die hungern und alles verloren haben? Wie lässt sich diesem Wort konkret Ausdruck verleihen? Wir wissen, dass das Ende des Krieges nicht das Ende des Konflikts bedeutet. Denn er ist nicht nur eine Phase unseres Lebens, er ist Teil unserer Identität. Daher müssen wir uns fragen, wie der Konflikt zu einem Raum werden kann, in dem wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen. Und wir müssen entscheiden, wie wir mit diesem Konflikt umgehen, wenn wir zulassen, dass er unser Leben prägt. Dies ist unser Ringen – und ich glaube, für uns ist es weit bedeutender als all die politischen Fragen, die ohnehin ständig wechseln.

Kardinal Pierbattista Pizzaballa OFM ist Franziskaner und lebt seit 1990 in Jerusalem. Von 2004 bis 2016 war er Kustos des Heiligen Landes. Seit 2020 ist er Lateinischer Patriarch in Jerusalem, nachdem er vier Jahre lang das Amt des Apostolischen Administrators sede vacante des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem ausgeübt hatte.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift Franziskaner 4|2025
Veranstaltungstipp: „Christen in der Region Gaza“
Eine Veranstaltung im Erzbistum Köln.
Dienstag, 10. Februar 2026 um 19:00 Uhr in Düsseldorf
Der Referent des Vortrags ist Dr. Georg Röwekamp, Theologe, Historiker und Buchautor.
Ort: Mariensaal, Hohenzollernstraße 22, 40211 Düsseldorf
Eine Anmeldung bis 8. Februar wird erbeten: per eMail an johannes.roth@franziskaner.de oder unter Telefon 0211/69 60 61 205.