Die Deutsche Ordensoberenkonferenz (DOK) und der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) haben im Mai 2021 eine „Gemeinsame Erklärung zur verbindlichen Regelung für eine unabhängige Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Ordensgemeinschaften“ vereinbart.
Auf dieser Grundlage hat sich die Deutsche Franziskanerprovinz ihrer Verantwortung gestellt und das IPP München mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in den Verantwortungsbereichen der Deutschen Franziskanerprovinz und den Altprovinzen betraut. Das IPP begann im Oktober 2023 mit den Arbeiten. Der Abschlussbericht wurde am 25. Februar 2026 veröffentlicht.
Stellungnahme von Provinzialminister Bruder Markus Fuhrmann OFM
Ich danke dem Institut für Praxisforschung und Projektberatung aufrichtig für die unabhängige, gründliche und verantwortungsvolle Arbeit an dieser Aufarbeitungsstudie.
Der Abschlussbericht hält uns Franziskanern einen Spiegel vor. In diesen Spiegel zu schauen, tut weh. Aber dieser Blick ist notwendig.
Mein erster und wichtigster Gedanke gilt den Betroffenen sexualisierter Gewalt durch Mitglieder unseres Ordens. Brüder unserer Ordensgemeinschaft haben Ihnen schweres Leid zugefügt – körperlich, seelisch und oft auch in Ihrem Glauben. Dieses Leid geschah an Orten, die Schutz, Vertrauen und Orientierung hätten geben müssen: in Schulen und Internaten, in Pfarreien, in unseren Klöstern. Gerade das macht das Geschehene so furchtbar und beschämend.
Im Namen der Deutschen Franziskanerprovinz möchte ich alle Betroffenen um Vergebung bitten für das, was ihnen an sexualisierter Gewalt, aber ebenso an spirituellem Missbrauch angetan wurde. Ich möchte Sie um Vergebung bitten für die entsetzlichen Taten. Und ich möchte Sie um Vergebung bitten für das Versagen von Verantwortlichen – die nicht hingesehen, nicht zugehört oder nicht ausreichend gehandelt haben. Ich weiß, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann Sie nur darum bitten.
Mir ist bewusst: Worte können Leid nicht ungeschehen machen. Aber Schweigen wäre ein erneutes Versagen. Deshalb ist es mir wichtig, heute klar Verantwortung zu übernehmen und Schuld innerhalb unserer Ordensgemeinschaft zu bekennen.
Als Franziskaner orientieren wir uns am Evangelium Jesu Christi und am Leben des heiligen Franziskus. Das Unrecht, das diese Studie sichtbar macht, widerspricht zutiefst unserem Anspruch und unserem Selbstverständnis. Gerade deshalb verpflichtet es uns, Verantwortung zu übernehmen – transparent und glaubwürdig.
Die Studie zeigt sehr deutlich: Sexualisierte Gewalt ist Teil unserer Ordensgeschichte gewesen. Sie dokumentiert Taten. Sie macht strukturelle Probleme sichtbar. Und sie zeigt, wie tief und wie lang die Folgen für Betroffene sein können – oft ein Leben lang.
Für mich persönlich war die Auseinandersetzung mit dieser Studie erschütternd. Beim Lesen der Berichte, Zitate und Analysen ist mir das Leid vieler Betroffener sehr nahegegangen. Manche Schilderungen lassen mich nicht mehr los.
Die Erfahrung, dass manche Mitbrüder, die wichtig für meinen eigenen Weg in der Ordensgemeinschaft waren, im Rückblick in einem anderen, dunkleren Licht erscheinen, ist enttäuschend und schmerzhaft. Ebenso schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass es in unserer Gemeinschaft Dynamiken gegeben hat, die Unrecht ermöglicht oder dessen Aufdeckung erschwert haben. Das beschämt mich zutiefst.
Ein Interview-Zitat bezieht sich auf die sexuellen Übergriffe eines Mitbruders und das Schweigen in seinem Umfeld: „Das war einfach ein Nicht-Thema. Obwohl es alle wussten.“ – Ein solches Schweigen angesichts von Verbrechen darf es nie wieder geben.
Sich diesen dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu stellen, ist schwer. Aber es ist notwendig. Wahrheit ist Voraussetzung für Gerechtigkeit. Und Wahrheit ist Voraussetzung dafür, dass Vertrauen neu wachsen kann.

Diese Studie ist deshalb kein Abschluss. Sie ist ein entscheidender Schritt im Prozess der Aufarbeitung. Wir werden auf Grundlage der Ergebnisse weitere Maßnahmen entwickeln und umsetzen. Dabei ist uns besonders wichtig, Betroffene – soweit sie es wünschen – in diesen Prozess einzubeziehen.
Zentrale Schwerpunkte bleiben die Präventionsarbeit und Interventionsabläufe, die jeder kennt. Wir müssen Strukturen weiterentwickeln, die Machtmissbrauch verhindern. Wir müssen sensibel bleiben für Grenzverletzungen – auch dort, wo sie zunächst unscheinbar erscheinen. Und wir müssen eine Kultur fördern, in der Betroffene gehört, geschützt und ernst genommen werden.
Ich danke ausdrücklich allen Betroffenen, die an dieser Studie mitgewirkt haben. Viele von Ihnen haben mit großem Mut ihre Erfahrungen geteilt – oft nach Jahrzehnten des Schweigens. Ich kann nur erahnen, wie viel Kraft das kostet. Ohne Ihren Mut wäre diese Aufarbeitung nicht möglich gewesen. Und ich möchte Ihnen, den Betroffenen, am Ende noch einmal persönlich sagen: Wir sehen Ihr Leid. Wir stehen zu unserer Schuld in der Vergangenheit und übernehmen Verantwortung. Und wir wissen, dass wir Ihnen gegenüber verpflichtet bleiben.
Vielen Dank!
Stellungnahme von Provinzialvikar Bruder Stefan Federbusch OFM
Die Studie lenkt unseren Blick in die Vergangenheit, in die Geschichte unserer Franziskanerprovinzen in Deutschland. Sie zeigt die dunklen Seiten auf, die es seit 1945 im Leben und Wirken der etwa 2500 Franziskaner in Deutschland gegeben hat.
Zugleich lenkt die Studie mit ihren Ergebnissen und Empfehlungen unseren Blick in die Gegenwart. Aufarbeitung bedeutet für uns, den seit 2011 eingeschlagenen Paradigmenwechsel in unserer Deutschen Franziskanerprovinz in Bezug auf die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und den Umgang mit Betroffenen konsequent und transparent fortzusetzen.
Konkret heißt das für uns:
- Eine Aufarbeitungsgruppe zu installieren, die die Empfehlungen der Studie umsetzt. Zu dieser Gruppe sollten möglichst Vertreter aus dem Kreis der Betroffenen gehören sowie Expertinnen, die uns bereits im Bereich der Prävention unterstützt haben.
- Geeignete Formen einer Erinnerungskultur zu entwickeln, sowohl auf zentraler Ebene der Ordensprovinz als auch auf regionaler Ebene der Konvente und betroffenen Orte.
- Die Selbstverpflichtung, nach einem Jahr einen Bericht vorzulegen, der die getroffenen Maßnahmen und Umsetzungen aufzeigt.
In der Studie wird auf die sehr unterschiedlichen Bedarfe der Betroffenen verwiesen. Mit ihnen möchten wir im Kontakt bleiben, um auf diese Bedarfe eingehen zu können.
Als Provinzleitung haben wir im Rahmen unseres Aufarbeitungsprozesses (PDF) bereits einige Schritte eingeleitet, auf die ich mit einigen Stichworten aus dem Abschlussbericht eingehen möchte:
- Institutionsbezogene Aufarbeitungskonzepte: Hier gab es Gespräche mit der Franziskus-Stiftung in Vossenack, die der derzeitige Träger von Gymnasium und Internat ist, um gemeinsame Aufarbeitungsformate zu entwickeln. Alle pädagogischen Einrichtungen verfügen über entsprechende Schutzkonzepte, die es noch einmal zu überprüfen gilt.
- Institutionelle Schutzkonzepte: Über institutionelle Schutzkonzepte verfügen auch alle Konvente der Deutschen Franziskanerprovinz. Diese gilt es ebenfalls im Licht der Erkenntnisse der Studie zu überarbeiten.
- Kommunikation nach innen: Einen Raum zur Auseinandersetzung mit den Ergebnissen bieten die Brüderlichen Treffen, die wir im Anschluss an die Veröffentlichung an drei Orten angesetzt haben. Für die Mitglieder unserer Ordensprovinz geht es darum, uns selbstkritisch zu hinterfragen, warum in keinem Fall die sexualisierte Gewalt durch die Intervention eines Mitbruders aufgedeckt und nachhaltig beendet wurde. Oder wie die Studie es formuliert, wie es zu einer Atmosphäre der Nicht-Thematisierung sexualisierter Gewalt kam, der Delegation entsprechender Verbrechen in den Bereich des Denkunmöglichen und zu einer Selbst-idealisierung als offenem und progressiven Orden.
- Prävention: In punkto Prävention weist die Studie angesichts der Altersstruktur und der Überalterung der Provinz mit aktuell noch 180 Mitgliedern in Deutschland auf die gezielte Platzierung passgenauer Maßnahmen hin. Hier geht es um Themen wie Sexualität und Zölibat, um geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch. Entsprechende Fortbildungsangebote zum Thema „Ordensleben und Sexualität“ hat es bereits gegeben. Im Herbst wird ein Schwerpunkt auf dem Thema „Geistlicher Missbrauch“ liegen.
In der Studie wird den damals Verantwortlichen Dilettantismus bescheinigt. Seit dem Paradigmenwechsel 2011 haben wir einen Lernprozess durchlaufen, der es uns hoffentlich ermöglicht, sachgerechter auf den Umgang mit sexualisierter Gewalt und spirituellem Missbrauch zu reagieren. Wir haben jeweils einen Provinzbeauftragten für Prävention sowie für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ernannt und eine entsprechende Arbeitsgruppe installiert. Als Deutsche Franziskanerprovinz haben wir uns allen Verfahrenswegen angeschlossen, die als Rahmen von der Deutschen Bischofskonferenz und der Deutschen Ordensobernkonferenz vorgegeben wurden. Als gesamte Ordensprovinz haben wir uns für den Prozess der unabhängigen Aufarbeitung entschieden. Die Veröffentlichung der IPP-Studie ist für uns ein wichtiger Meilenstein und zugleich Anstoß, den Aufarbeitungsprozess konsequent fortzusetzen.
Letztendlich ist und bleibt es Ziel – wie Bruder Markus es als derzeitiger Leiter unserer Ordensprovinz benannt hat – eine Kultur zu fördern, in der Betroffene gehört, geschützt und ernst genommen werden. Diesen Kultur- und Mentalitätswandel in unserer Ordensprovinz zu fördern, machen wir uns mit den Studienergebnissen erneut auf den Weg. Mit dem, was uns innerlich insbesondere durch die Berichte der Betroffenen bewegt hat, brechen wir auf in einen weiteren Lernprozess.
Vielen Dank!
Kontaktadressen
Deutsche Franziskanerprovinz
St.-Anna-Str. 19
80538 München
Provinzialminister Br. Markus Fuhrmann OFM
Mail: provinzial@franziskaner.de
Tel.: 089 211 26-166
Provinzialvikar Br. Stefan Federbusch OFM
Provinzbeauftragter für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt
Mail: provinzialvikar@franziskaner.de
Tel.: 089 21 26 -162
