Im Land des Herrn | 80. Jahrgang | 2026-2

12 2/2026 IM LAND DES HERRN Abschließende Beurteilung Simson ist (wir haben es schon angedeutet) weniger eine geschichtliche als eine symbolische Figur. In ihm verdichten sich Wünsche und Erwartungen, die oft in der Realität nicht erfüllt werden, obwohl es viele Menschen gibt, die solche Wünsche im Herzen tragen. Simson tut das, von dem viele denken: Genau das müsste ein starker Mann in unseren Tagen tun! – Unser Simson verkörpert allerdings auch die Schwierigkeiten, die einem idealen Helden nicht erspart bleiben. Simson ist verwundbar, man kann ihn bändigen mit „Weiberlist“. Denn er verlässt sich (einseitig!) auf seine körperliche Stärke. Aber diese Stärke ist nicht das Entscheidende beim Menschen (viele Tiere sind körperlich stärker als der Mensch!). Simson, der einen Löwen zerreißt, kapituliert vor den zärtlich ge- äußerten und hartnäckig wiederholten Wünschen einer hübschen Frau. – Was jedoch den Simson unserer Erzählungen schließlich groß erscheinen lässt, ist nicht seine Rolle als „Kraftprotz“, sondern seine Bereitschaft, in der Stunde seiner Beschämung bewusst ein „Opfer“ zu werden, das sich für das Wohl seines Volkes und die Ehre seines Gottes hingibt. Der geblendete Simson, der nicht mehr sieht, aber immer noch glaubt, mag historisch eine uralte Figur sein (mehr als 3000 Jahre alt). Symbolisch ist er unser Zeitgenosse. Und wer von uns in ihm seinen Bruder erkennt, ist gewiss nicht der schlechteste Christ unserer Tage. Simson als Kanzelträger in der ehem. Abteikirche Ebersmunster, Elsass: dargestellt ist seine enorme Kraft; der besiegte Löwe gleicht eher einem Hündchen Der geblendete Simson, Lovis Corinth 1912, Nationalgalerie Berlin © wikimedia commons

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