Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 80. Jahrgang 2026 / Heft 2
„Jiftach und Simson“ ist der erste Artikel unserer neuen Zeitschrift. Es geht um biblische Gestalten, die uns fast unbekannt sind – dabei haben sie auch in der bildenden Kunst ihren vielfältigen Niederschlag gefunden. Ich muss auch selbst bekennen: bei der Vorbereitung der Zeitschrift ist es jedes Mal eine sehr bereichernde Begegnung für mich mit biblischen Texten, die Wünsche und Erwartungen ausdrücken, die wir alle haben und die sich scheinbar oft nicht erfüllen. Ein großer Teil unserer Beiträge handelt von Orten um den See Gennesaret und ich hoffe damit, bei vielen Lesern schöne, bleibende Erinnerungen an eine vergangene Pilgerfahrt zu wecken. Der momentane Krieg macht Reisen in das Heilige Land unmöglich, trotzdem wollen wir wenigstens so in Gedanken am See stehen und die Evangelien vor uns sehen. Es gibt wieder eine Menge von Neuigkeiten aus dem Heiligen Land, von Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! denen wir am Ende der Zeitschrift berichten. Es ist mir ein großes Bedürfnis, einmal mehr herzlich zu danken für alle Spenden und Unterstützung, die Sie, die Freunde des Heiligen Landes, uns zukommen lassen! In den Jahren von Corona und Krieg konnten die Franziskaner ihre Arbeit fortsetzen, weil Menschen in aller Welt an ihrer Seite stehen, in Gebet und Hilfe. Das ist nicht selbstverständlich – vergelt’s Gott! Vom „Vater der Geschichtsschreibung“ genannte Herodot († um 430–420 v. Chr.) stammt das Zitat: „Niemand, der bei Verstand ist, zieht den Krieg dem Frieden vor.“ Diesem Zitat möchte ich nichts hinzufügen. Ich grüße Sie herzlich im Namen der deutschsprachigen Kommissare des Heiligen Landes, Ihr
Inhalt Biblische Gestalten Jiftach und Simson Sigfried Grän OFM Zora und Eschtaol Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Der Kibbuz Ein Gev Petrus Schüler OFM Kursi Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Die Holzschuherkapelle und der Kreuzweg Adam Krafts in Nürnberg Petrus Schüler OFM Jitro und Schuʿaib, zwei Namen aber ein Grab Laure Jubran Das wieder geöffnete Armenische Museum in Jerusalem Petrus Schüler OFM Nachrichten aus dem Heiligen Land Buchempfehlungen Titelbild: Ansicht Jerusalem vom Ölberg her © Nadim Asfour CTS Rückseite: Ein Gev, altes Boot Alle Fotos in der Zeitschrift (wenn nicht anders angegeben) © Petrus Schüler Seite 4 Seite 13 Seite 22 Seite 15 Seite 30 Seite 25 Seite 33 Seite 34 2/2026 3 Seite 37
4 2/2026 m vorigen Kapitel haben wir über die „großen Richter“ gesagt: Sie sind Kriegshelden, die mit übermenschlicher Kraft begabt scheinen. Diese Kraft befähigt sie, ihrem Volk als „Retter in der Not“ beizustehen. Dabei ist die „Not“ fast immer gleich begründet: Die Israeliten haben sich von Jahwe abgewandt und sind anderen Göttern nachgelaufen. Zur Strafe lässt Gott sie in die Gewalt fremder Völker geraten, die Israel unterdrücken und ausbeuten. Auf den Notschrei seiner Kinder hin lässt Gott sich erweichen und schickt einen Retter in der Person eines „großen Richters“. Erneute Unterdrückung Israels Im Falle des Richters, den wir als nächsten vorstellen wollen, trifft das eben skizzierte Schema vollständig zu, ist aber um ein beherzigenswertes Detail reicher: Gott scheint diesmal die Geduld mit seinen unzuverlässigen Kindern endgültig verloren zu haben. Er sagt, als die von den Philistern und Ammonitern bedrohten Israeliten zu ihm schreien: „Ich habe euch schon oft aus der Gewalt eurer Feinde befreit. Ihr aber habt mich verlassen und anderen Göttern gedient. Darum werde ich euch nicht mehr retten. Geht und schreit doch zu den Göttern, die ihr statt meiner verehrt habt. Die sollen zeigen, was sie können und euch Hilfe bringen!“ – Die Israeliten reagieren demütig und klug. Sie entgegnen (sinngemäß): „Wir wissen, dass wir uns deine Sympathie verscherzt haben und dass wir keine Ansprüche bei dir anmelden können, denn wir sind alle Sünder vor dir. Du kannst mit uns machen, was du willst! Aber bitte, rette uns noch Tell Ekron, nördlichste der Philisterstädte, ca. 13 km nördlich von Bet Shemesh – ein fast „unsichtbarer“ Tell, weil er sich kaum aus dem Gelände hervorhebt Biblische Gestalten Jiftach und Simson Sigfried Grän OFM I Orientierungsschild von Ekron mit dem „Erkennungszeichen“ der PhilisterKeramik, dem stilisierten Vogel
2/2026 5 dieses eine Mal!“ (vgl. Ri 10,12 ff.). – Und zum Zeichen ihrer Buße und Besserung entfernen die Juden alle fremden Götterbilder aus ihrer Mitte und verehren mit Eifer ihren eigenen Gott. – Das geht dem gekränkten Jahwe so zu Herzen, dass er nicht anders kann: Er beschließt, in den Gang der Geschichte einzugreifen und die Not seiner Kinder zu wenden. – Wir aber richten nun unseren Blick auf die realen Ereignisse, wie sie im Richterbuch geschildert werden. Die Wahl Jiftachs Um gegen ihre Unterdrücker in Kampf zu ziehen, sammelten die Israeliten eines Tages ihre wehrfähigen Männer und bezogen ein Lager in Mizpa, einen Ort im Stammesgebiet Benjamin. Dabei stellte sich heraus, dass man keinen erfahrenen Führer hatte, dem man die geplanten Aktionen anvertrauen konnte. – Da erinnerte man sich eines gewissen Jiftach, der im benachbarten Land Tob als Freischärler lebte und mit einer Gruppe von „Männern, die nichts zu verlieren hatten“ erfolgreiche Streifzüge unternahm. – Jiftach stammte aus Gilead, einer Landschaft westlich des Jordan. Sein Vater hieß übrigens auch Gilead und war eine Zeit lang mit einer Dirne liiert. Aus dieser Verbindung ging der kleine Jiftach hervor, der im Haus seines Vaters lebte, unter Brüdern, die von der Ehefrau Gileads geboren worden waren. Als diese heranwuchsen, wurde ihnen bewusst, das Jiftach nur bedingt zu ihnen gehörte, und sie trieben ihn fort mit den Worten: „Du sollst im Haus unseres Vaters nichts erben, denn du bist der Sohn einer anderen Frau!“ – Jiftach, der sehr geschickt und tapfer war, lernte bald für sich selber zu sorgen. Er wurde (wie schon angedeutet) eine Art „Räuberhauptmann“, der seinen eigenen kleinen Krieg führte. – Einen Mann wie ihn konnte Israel in der Stunde seiner gegenwärtigen Not dringend gebrauchen. So machten sich die Ältesten auf den Weg, um den verjagten Jiftach nach Hause zu bitten und ihm die Position eines Heerführers und des Oberhauptes von Israel anzubieten. Jiftach, der als „gebranntes Kind“ gegen seine Volksgenossen misstrauisch war, ließ sich mit einem feierlichen Eid zusichern, dass alles so durchgeführt werden würde, wie man es heute vereinbart hatte. Dann folgte er der Abordnung aus der Heimat und wurde bald darauf zum „Oberhaupt und Anführer Israels“ (Ri 11,11) eingesetzt. Jiftachs Erfolg Zunächst schickte Jiftach Boten an König der Ammoniter und ließ ihn fragen: „Was haben wir gegeneinander, dass du herangerückt bist, um in meinem Land Krieg zu führen?“ – Es stellte sich aber bald heraus, dass auf diplomatischem Weg keine Verständigung zu erreichen war. Nachdem beide Seiten ihre Ansprüche auf bestimmte Gebiete geltend gemacht hatten, mussten die Waffen entscheiden. „Der Geist des Herrn kam über Jiftach“ (heißt es Ri 11,29) und Jiftach und Simson Jiftach und Simson Das Entsetzen Jiftachs beim Anblick seiner Tochter. Holzschnitt von Carolsfeld um 1860, Klosterbibliothek München St. Anna
6 2/2026 er zog mit seinen Truppen gegen die Ammoniter in den Kampf „und der Herr gab sie in seine Gewalt“. – Natürlich haben wir (als moderne Bibel-Leser) erwartet, dass Jiftach seine Gegner besiegen würde, denn die göttliche Vorsehung hatte ja alles entsprechend vorbereitet. Jiftach selber freilich wusste von solchen himmlischen Garantien nichts. Er fühlte sich wohl einen Moment lang unsicher, überfordert von den hohen Erwartungen, die seine Landsleute in ihn setzten. Und in dieser Situation tat er etwas, was ihn berühmt gemacht hat, was ihn aber auch zu einer tragischen Figur hat werden lassen: Er machte Gott für den Fall seines Sieges ein Versprechen. Ein verhängnisvolles Gelübde Er sagte: „O Gott, wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten heimkehre, dann soll, was immer mir als erstes aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dir gehören, und ich will es dir als Opfer darbringen!“ – Tatsächlich lieferte Gott die Ammoniter den Truppen Jiftachs aus. Jiftach schlug die Feinde Israels auf allen Kampfplätzen vernichtend, und nahm von ihnen „zwanzig Städte ein“ (Ri 11,33). – Als der siegreiche Feldherr aber zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine einzige Tochter entgegen und tanzte zur Pauke, um ihren geliebten Vater zu ehren. Als Jiftach sein Kind sah, zerriss er seine Kleider und rief aus: Weh mir, meine Tochter, du stürzt mich ins Unglück! Ich habe dem Herrn etwas versprochen und kann nicht mehr zurück. – Das Mädchen reagierte überraschend sachlich und tapfer; es sagte: Wenn dir Gott den Triumph über deine Feinde verschafft hat, dann tue ruhig mit mir, was du versprochen hast. Nur ein Wunsch möge mir gewährt werden: „Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich mich in die Berge zurückziehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jugend beweine!“ – Jiftach ging natürlich gerne auf diesen Wunsch ein. – Die Bibel aber fügt hinzu: „Als die zwei Monate zu Ende waren, kehrte das Mädchen zu ihrem Vater zurück. Und er tat was er gelobt hatte. Sie aber hatte noch mit keinem Mann Verkehr gehabt“ (Ri 11,39). Deutungsversuche Jeder Leser wird von dem Schicksal des jungen Mädchens angerührt sein und unwillkürlich fragen: Was ist der Sinn einer solchen Erzählung? Haben wir geschichtliche Tatsachen, die uns die Hintergründe dieser Episode verständlich machen? – Auf diese Fragen gibt es keine befriedigende Antwort. Wohl wissen wir von Menschenopfern, die in der alten Welt im Zusammenhang mit riskanten Schlachten den Göttern dargebracht wurden. Allerdings wurden sie in der Regel nicht nach, sondern vor der Schlacht dargebracht. – Manche Bibel-Ausleger wollen unsere Geschichte abmildern, indem sie sagen: Das Lebensopfer des jungen Mädchens IM LAND DES HERRN Jiftach bringt seine Tochter dem Herrn als Opfer dar, Richter 11,30 Pfarrkirche Altenerding Oberbayern
2/2026 7 muss symbolisch verstanden werden. Jiftach hat seine Tochter nicht dem Tod, sondern einem Heiligtum geweiht, er hat sie (gewissermaßen) zur „Nonne“ bestimmt. – Gegen diese Deutung wendet man ein: Das Mädchen hätte in diesem Fall ein ganzes Leben lang Zeit gehabt, „ihre Jungfräulichkeit zu beweinen“, und sie hätte nicht eigens zwei Monate Frist dafür erbitten müssen. – Unser Text spricht von einem „Brauch in Israel“, dass regelmäßig junge Frauen in die Berge gehen, „und die Töchter Jiftachs beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr“ (Ri 11,40). – Wenn ein solcher Brauch hinter unserer Erzählung steckt, müssen wir leider sagen: Wir haben keine Belege für einen solchen Brauch und wir wissen nicht, welchen Sinn er gehabt haben könnte. – Vielleicht soll in unserer Geschichte vor allem die „Treuehaltung eines frommen Menschen Gott gegenüber“ betont werden. Jiftach steht mit allen Konsequenzen zu dem Versprechen, das er seinem Gott gegenüber abgelegt hat. Nicht also das Menschenopfer bildet in diesem Fall den Mittelpunkt unserer Darstellung, sondern die konsequente Bindung Jiftachs an seinen Gott. – Wie immer sich die Sache verhalten mag: Das Gelöbnis Jiftachs hat die Menschen zu allen Zeiten beeindruckt und sie angeregt, in ihrer Phantasie die Gefühle des unglücklichen Vaters und seiner heroischen Tochter nachzuempfinden. Nachklang bei Mozart Als Mozart im Jahre 1780 vom Kurfürsten Karl Theodor von Bayern den Auftrag erhielt, zum Karneval 1781 eine neue Oper mit dem Titel „Idomeneo“ zu schreiben, legte man ihm einen Stoff vor, der zwar im antiken Griechenland spielte, in seinem Zentrum aber das biblische JiftachMotiv enthielt. Ähnlich wie Jiftach hat der kretische Feldherr und König Idomeneo in der Stunde der Gefahr den Schwur getan, im Fall seiner Rettung dem Meeresgott Poseidon das erste Wesen zu opfern, das ihm am Strand begegnen werde. Und wer trifft als erster den geretteten Helden? Es ist das einzige Kind des Königs, der Kronprinz Idamante. – Nach vielen Spannungen und Konflikten, die Mozart meisterhaft in Musik umgesetzt hat, kommt es in der Oper (anders als in der Bibel) in letzter Minute zu einem Happy End. Ein himmlisches Orakel verkündet: Die Götter sind bereit, auf das versprochene Opfer zu verzichten, wenn der alte König die Regierung niederlegt und seinen Sohn als Nachfolger einsetzt. – Verabschieden wir uns von Jiftach mit der kurzen und sachlichen Notiz, die das Richterbuch als eine Art Nachruf auf diesen Mann bringt: „Jiftach war sechs Jahre lang Richter in Israel. Dann starb Jiftach, der Gileaditer, und wurde in seiner Stadt Gilead begraben“ (Ri 12,7). Mozarts Büste auf der Gedenktafel von H. Wimmer an dem Haus in der Burgstraße in München, in dem er seinen „Idomeneo“ komponierte Jiftach und Simson Jiftach und Simson
IM LAND DES HERRN 8 2/2026 Simson, der letzte große Richter Wie es sich für eine wirkungsvolle Darstellung gehört, ist der letzte Richter unserer Serie auch der größte, oder sagen wir besser: der am meisten phantastische, der immer wieder alle Grenzen sprengt und ohne fremde Hilfe (Simson agiert fast immer allein, er braucht keine Kameraden und keine jüdischen Soldaten!) staunenswerte Taten vollbringt. – Entsprechend skeptisch sind die Fachleute, was die Geschichtlichkeit der erzählten „Meisterstücke“ betrifft. Hinter den überlieferten Simson-Geschichten ist viel VolksPhantasie am Werk. – In einem modernen Kommentar lesen wir: „Streng genommen ist Simson weder ein Richter noch ein Freiheitskämpfer. Es handelt sich bei ihm vielmehr um einen Helden der Volkssage, dessen physische Kraft gegen die Philister seine (psychische) Schwäche gegenüber den Frauen aufwiegt. Er tritt immer allein auf, und seine Handstreiche bezwecken eher, den Feind lächerlich zu machen als sein Land vom Joch des Besetzers zu befreien“ (Lexikon der bibl. Eigennamen, Patmos-Düsseldorf 1981, S. 337). – Von seinem Namen her und auch von der Rolle her, die Simson spielt, hat unser Held ziemlich viel mit der Sonne zu tun: „Simson“ heißt: „kleiner Sonnen-Mann“ und wie die Sonne gegen das Dunkel so kämpft unser Simson bei verschiedenen Gelegenheiten gegen die Mächte der Finsternis (die in wilden Tieren oder in politischen Feinden, nämlich den Philistern, verkörpert sind). Die Berufung des Helden Simson wird in einer Familie aus dem Stamm Dan geboren, seine Heimat ist die Stadt Zora. Zur Zeit seiner Geburt ist wieder einmal die übliche „Not-Situation“ getreten: Gott hat das Volk seiner Sünden wegen in die Hände der feindlichen Philister gegeben. – Simson tritt wie ein „klassischer Gottesmann“ in die Welt (was von ihm erzählt wird, hören wir später wieder von Johannes dem Täufer und in abgewandelter Form von Jesus Christus). Simsons Mutter ist unfruchtbar. Ein „Engel Gottes“ erscheint ihr eines Tages auf dem Feld, um ihr die bevorstehende Geburt eines auserwählten Gotteskindes anzukündigen. Gott hat längst die Hand auf dieses Kind gelegt. Es soll ein „Nasiräer“ sein, d. h. ein ausgesondertes und geweihtes Kind, das sich von verschiedenen Dingen freihält (Genuss von Wein und Bier, und in unserem Fall wird ganz besonders hervorgehoben: „es darf kein Schermesser an seine Haare kommen“). – Im Detail ist es nicht ganz leicht verständlich zu machen, was die zitierten Vorschriften bedeuten. Sie unterstreichen auf jeden Fall die Ausnahmeposition des Helden. Besonders die „Kraft seiner Haare“ wird uns im Folgenden noch beschäftigen. – Die Eltern Simsons sind einfache, fromme Leute. Sie sind beeindruckt von der Tatsache, dass sie einer Simson, einen Philister erschlagend, Süddeutschland, Mitte 17. Jahrhundert © Bayer. Nationalmuseum München Walter Haberland
2/2026 9 Gottesoffenbarung gewürdigt wurden (sie ahnen, dass der „Engel des Herrn“ mit Gott selbst identisch ist). So sind sie verstört und zugleich stolz und zuversichtlich. Sie erziehen ihr Kind in der Furcht Gottes und warten darauf, was Gott durch dieses Kind wirken wird. Heirat einer Philisterin Zunächst macht der heranwachsende Simson seinen Eltern Kummer. Bei einem Besuch in der Philisterstadt Timna verliebt er sich heftig in eine junge Frau aus dem feindlichen Volk (deren Namen wir nicht erfahren). Von seiner Familie erbittet er energisch die Erlaubnis, diese attraktive „Heidin“ heiraten zu dürfen. Die Eltern sind bestürzt und machen Einwände: „Gibt es denn unter den Töchtern deiner Stammesbrüder keine schönen Frauen? Musst du unbedingt eine Frau von diesen unbeschnittenen Philistern heiraten?“ – Aber Simson ist hartnäckig und bleibt dabei: „Gebt mir diese, denn sie gefällt mir!“ – Die Eltern begleiten ihren Sohn zum Wohnort der Braut und bei diesem Ausflug wird Simson von einem brüllenden, jungen Löwen angefallen. Da kommt der „Geist des Herrn“ über ihn und Simson gibt die erste Probe seiner übermenschlichen Kraft. Er zerreißt den Löwen mit bloßen Händen „als würde er ein Böckchen zerreißen“ (Ri 14,6). – Im Haus seines künftigen Schwiegervaters veranstaltet Simson dann ein Trinkgelage, bei dem 30 Philister anwesend sind, die ein kritisches Auge auf den starken Fremden haben, dem keiner so recht trauen mag. Es kommt zu einer Wette und zu einem Streit, den Simson für sich entscheidet, in dem er in der nahegelegenen Stadt Aschkelon 30 Männer erschlägt, um deren Kleider als Preis für die Wette zu zahlen, die er durch die List seiner Frau verloren hat (diesem Motiv der Frauenlist werden wir bald noch einmal begegnen). Vernichtung der Ernte Die Beziehung zu den Philistern, in die Simson durch seine Heirat getreten ist, trägt nicht (wie das ein moderner Leser vielleicht erwartet) zur Verständigung oder Verbrüderung zwischen Juden und „Heiden“ bei, sondern gibt dem jüdischen Helden Gelegenheit, immer wieder Streit mit den Philistern anzufangen und ihnen dabei böse Streiche zu spielen. – Eines Tages, zur Zeit der Weizenernte, suchte Simson das Haus seines Schwiegervaters auf und bat ihn: Lass mich zu meiner Frau in die Kammer! – Da stellte sich heraus, dass der Vater die Frau einem anderen Mann gegeben hatte, weil er glaubte, Simson habe das Interesse an ihr verloren. Als Ersatz bot er Simson eine jüngere Tochter an mit den Worten: „Nimm sie! Sie ist schöner als die andere!“ – Simson war darüber so erbost, dass er einen Jiftach und Simson Jiftach und Simson Simson im Kampf mit dem Löwen, Chorwange im Dom Hl. Kreuz, Nordhausen
10 2/2026 IM LAND DES HERRN üblen Racheplan ausheckte. – Er fing 300 Füchse (von der Wortbedeutung her können es auch Schakale gewesen sein), band je zwei an den Schwänzen zusammen und befestigte eine Fackel in der Mitte zwischen den Schwänzen. Er zündete die Fackeln an und ließ die verschreckten Tiere in die Getreidefelder der Philister laufen. Die Bibel sagt: „So verbrannte er die Garben und das noch stehende Korn, ebenso die Weingärten und die Ölbäume“ (Ri 15,5). – Im Blick auf heutige Leser sei, mit den Worten eines modernen Kommentators, hinzugefügt: „Für den biblischen Erzähler steht nicht das grausame Geschick des Tieres im Mittelpunkt, sondern die Anstiftung eines chaotischen Desasters, das die Versorgung der Philister torpediert“ (M. Görg). – Als die Philister erfuhren, dass Simsons Schwiegervater den Anlass zu dieser Tat gegeben hatte, zündeten sie ihm das Haus an, wobei Simsons Frau in den Flammen umkam. – Simson geriet darüber in solche Wut, dass er allen Philistern, deren er habhaft werde konnte, „mit gewaltigen Schlägen die Knochen entzwei schlug“ (Ri 15,8). Simson in Gaza Eines Tages besuchte Simson die Philisterstadt Gaza, er sah dort eine Dirne, die ihm gefiel, und er verbrachte die Nacht bei ihr. Als die Einwohner von Gaza hörten, dass Simson sich in ihren Mauern aufhalte, lauerten sie ihm am Stadttor auf, um ihn zu fangen und zu töten. Aber Simson achtete nicht auf seine Häscher. Er schlief ruhig bis gegen Mitternacht. Dann stand er auf, packte die Flügel des Stadttores mit den beiden Pfosten und riss sie zusammen mit dem Riegel heraus. Er lud sich die ganze Last auf die Schultern und trug sie auf den Gipfel des Berges, der Hebron gegenüber liegt (Ri 16,1–3). Mit dieser Tat tritt Simson in die Nähe des klassischen Heldentypen (wie wir ihn aus der griechischen Sage kennen, verkörpert z. B. in der Gestalt des Herakles). Simson, der die Tore sprengt, ist aber nicht nur mit ägyptischen und griechischen Gottheiten verwandt, er wird in der christlichen Kunst auch zum Vorbild Christi, der an Ostern die Tore der Unterwelt durchbricht. Simson und Delila Mit dieser Überschrift nähern wir uns dem End- und Höhepunkt der Simson-Geschichten. Der Held, der so stark ist, dass man ihm körperlich nicht beikommen kann, ist „seelisch verwundbar“, d. h. auf dem Gebiet von Liebe und Zärtlichkeit sind ihm andere, vor allem Frauen, überlegen. Nicht also mit den Waffen der „Männer und Krieger“, sondern mit den „Waffen einer Frau“ ist er zu schlagen. Das muss unser Simson eines Tages schmerzlich erfahren. Aber folgen wir der biblischen Erzählung: Wieder einmal verliebte sich Simson in eine attraktive Frau. Sie lebte im Tal Sorek und hieß Delila. Als bekannt wurde, was Delila für den jüdischen Helden bedeutete, kamen führende Philister zu ihr und sagten: Betöre ihn und suche herauszufinden, wodurch er so stark ist, damit wir ihn überwältigen können. Jeder von uns wird dir dann elfhundert Silberstücke geben. – Es liest sich recht amüsant, wie Delila nun mit Simson spielt und wie er seinerseits seine Freundin (und ihre Verbündeten) mehrmals hinters Licht führt. Aber das tragische Ende kündet sich schließlich Simson mit den Stadttoren von Gaza, Mosaik 12. Jahrhundert, St. Gereon Köln
2/2026 11 immer deutlicher an: Simson kann das Gerede und Betteln Delilas eines Tages nicht mehr ertragen und verrät ihr sein Geheimnis: „Meine Kraft beruht darauf, dass mir noch nie ein Schermesser an die Haare gekommen ist, denn ich bin von Geburt an meinem Gott geweiht!“ – Delila erkennt instinktiv, dass dies der springende Punkt ist. Sie schneidet dem schlafenden Simson sieben Locken ab, ruft die Philister herbei, und Simson, der noch immer an seine angeborene Kraft glaubt, muss feststellen, heute sind meine Feinde stärker als ich. Er wird überwältigt, man sticht ihm beide Augen aus, führt ihn nach Gaza hinab, fesselt ihn mit Bronzeketten und zwingt ihn, wie ein Sklave die Mühle zu drehen. – Ein Ende mit Schrecken (möchte man denken). Ein Absturz in körperliche und seelische Dunkelheit und Schwäche! Aber der biblische Erzähler (der ein Meistererzähler ist!) fügt dem Ende der Episode einen Nebensatz hinzu, der wie beiläufig klingt, aber Hoffnung weckt. Er sagt: „Das Haar des gedemütigten Simson, das man ihm abgeschnitten hatte, fing wieder an zu wachsen“ (vgl. Ri 16,22). Tod und Triumph Simsons Es ist zu erwarten, dass in unserer Erzählung zunächst der Sieger dargestellt wird. Tatsächlich feiern die erfolgreichen Philister ein Siegesfest, und sie sind fromm genug, ihren Erfolg dem Walten des Himmels zuzuschreiben. Sie preisen ihren Gott Dagon als den eigentlichen Überwinder Simsons. – Es geht ihnen allerdings nicht nur um die „Ehre Gottes“, sie wollen sich auch selber feiern, anders gesagt: sie wollen für ihre Tüchtigkeit und Tapferkeit ein bisschen Spaß mit dem einst gefürchteten Gegner haben. So lassen sie auf dem Höhepunkt ihres Festes den gefangenen Simson herbeibringen, um ihn zu necken und auszulachen. – Aber Gott stand schon vor rd. 3000 Jahren nicht auf Seiten der Sieger, die foltern und beschämen (denken wir an Vorkommnisse aus unseren Tragen im Nahen Osten!). Und so verzieh Gott seinem Diener Simson, dass er seine „Weihe“ verraten und sein Haar hatte schneiden lassen. Simson, der noch immer gläubig war, hatte nämlich im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung gebetet: „O Gott, ich bin hier und heute für diese Menschen eine Spottfigur. Aber ich hoffe noch immer auf dich. Bitte, gib mir noch dieses eine Mal die Kraft, das zu tun, wonach es mich drängt. Lass mich wenigsten für eines meiner Augen an meinem Feinde Rache nehmen!“ – Und der biblische Text sagt: „Simson packte in diesem Augenblick die beiden Mittelsäulen, von denen das Haus getragen wurde, in dem die Philister feierten. Er stemmte sich gegen sie, gegen die eine mit der rechten Hand, gegen die andere mit der linken. Dabei sagte er sich: So mag ich denn zusammen mit den Philistern sterben. Er streckte sich mit aller Kraft, und das Haus stürzte über den Fürsten und über allen Leuten, die darin waren, zusammen. So war die Zahl derer, die Simson bei seinem Tod tötete, größer als die, die er während seines Lebens getötet hatte“ (Ri 16,30). Delila schneidet Simson die Haare ab, Richter 16,19 Pfarrkirche Altenerding Oberbayern Jiftach und Simson Jiftach und Simson
12 2/2026 IM LAND DES HERRN Abschließende Beurteilung Simson ist (wir haben es schon angedeutet) weniger eine geschichtliche als eine symbolische Figur. In ihm verdichten sich Wünsche und Erwartungen, die oft in der Realität nicht erfüllt werden, obwohl es viele Menschen gibt, die solche Wünsche im Herzen tragen. Simson tut das, von dem viele denken: Genau das müsste ein starker Mann in unseren Tagen tun! – Unser Simson verkörpert allerdings auch die Schwierigkeiten, die einem idealen Helden nicht erspart bleiben. Simson ist verwundbar, man kann ihn bändigen mit „Weiberlist“. Denn er verlässt sich (einseitig!) auf seine körperliche Stärke. Aber diese Stärke ist nicht das Entscheidende beim Menschen (viele Tiere sind körperlich stärker als der Mensch!). Simson, der einen Löwen zerreißt, kapituliert vor den zärtlich ge- äußerten und hartnäckig wiederholten Wünschen einer hübschen Frau. – Was jedoch den Simson unserer Erzählungen schließlich groß erscheinen lässt, ist nicht seine Rolle als „Kraftprotz“, sondern seine Bereitschaft, in der Stunde seiner Beschämung bewusst ein „Opfer“ zu werden, das sich für das Wohl seines Volkes und die Ehre seines Gottes hingibt. Der geblendete Simson, der nicht mehr sieht, aber immer noch glaubt, mag historisch eine uralte Figur sein (mehr als 3000 Jahre alt). Symbolisch ist er unser Zeitgenosse. Und wer von uns in ihm seinen Bruder erkennt, ist gewiss nicht der schlechteste Christ unserer Tage. Simson als Kanzelträger in der ehem. Abteikirche Ebersmunster, Elsass: dargestellt ist seine enorme Kraft; der besiegte Löwe gleicht eher einem Hündchen Der geblendete Simson, Lovis Corinth 1912, Nationalgalerie Berlin © wikimedia commons
2/2026 13 Zora und Eschtaol Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM ach dem Buch der Richter wurde Simson in Zora geboren und vom Geist des HERRN zwischen Zora und Eschtaol umhergetrieben (Ri 13,2.24–25). Die genaue Lage des alten Eschtaol ist unbekannt. Der Name ist in dem des arabischen Dorfes Ischwa (in älteren Quellen auch Aschtwail) erhalten. An dessen Stelle wurde 1949 der Moschaw Eschtaol gegründet und mit dem biblischen Namen benannt. Man hat zwar hier menschliche Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit entdeckt, aber keine aus biblischen Epochen. Wahrscheinlich ist die biblische Ortslage auf einem der umgebenden Hügel zu suchen. Zora dürfte auf dem Tel Zora (der Name ist modern) gelegen haben, 3 km westlich vom Moschaw Eschtaol. Hier befand sich bis 1948 das arabische Dorf Sara, das den biblischen Namen bewahrte. Ausgrabungen, die die Geschichte des Ortes klären könnten, hat es bisher nicht gegeben. Im arabischen Dorf wurde in der Moschee das Grab eines Nabi Samat verehrt, daneben zwei Gräber weiterer lokaler Heiliger. Seit dem 14. Jahrhundert ist jüdischerseits eine Identifizierung des Nabi Samat mit Simson zu belegen. Die Moschee steht heute nicht mehr, manche sehen in den beiden anderen, noch erhaltenen Gräbern die von Simson und seinem Vater Manoach, freilich entgegen dem biblischen Zeugnis, wonach beide zwischen Zora und Eschtaol begraben seien (Ri 16,31). Der Kibbuz Zora, der den biblischen Namen trägt, liegt 2 km südwestlich von Tel Zora. N Das traditionelle Grab des Simson, im Hintergrund gut sichtbar die Hügellandschaft der Schefela (hebräisch „Niederung“)
IM LAND DES HERRN 14 2/2026 Zora und Eschtaol waren ursprünglich dem Stamm Dan zugewiesen worden (Jos 19,41), der aber von hier nach Dan im äußersten Norden des Landes abwanderte (Ri 18). Daher bezeichnete man im 19. Jahrhundert das fruchtbare Gebiet zwischen beiden Orten als „Feld Dans“. Aufgrund dieser Tradition versuchte man, eine antike Grabanlage in diesem Gebiet als das Grab von Dan zu identifizieren, allerdings entgegen der biblischen Überlieferung: Dan und seine Brüder, die Söhne Jakobs, sind in Ägypten gestorben (Ex 1,1–6). Über dem Grab wurde eine moderne Synagoge errichtet, die heute arg verwahrlost ist. Das traditionelle Grab des Manoach, Vater Simsons. Im Hintergrund die moderne Stadt Bet Schemesch Das traditionelle Grab des Dan
2/2026 15 Der Kibbuz Ein Gev Petrus Schüler OFM on Kursi südlich am See entlang sind es nur 5 km, bis man zum Kibbuz Ein Gev gelangt. Zwar ist Ein Gev kein biblischer Ort, aber viele Pilger machen dort Rast und es lohnt sich, etwas von der Geschichte dieses Ortes am See Gennesaret zu erfahren. Auf alten Landkarten ist der Ort – wie auch Kursi – nicht eingezeichnet. Bis in die jüngste Zeit war das Ostufer des Sees nur dünn besiedelt; der Küstenstreifen am Fuß der Golanhöhen ist nur schmal und zusätzlich von Flussläufen durchzogen, die teilweise zu Wadis werden. „Woerls Reisehandbücher-Jerusalem und Das heilige Land“ schreibt noch 1890: Beim Besuche… hat man sich vor Beduinen in Acht zu nehmen. Der Autor – es ist Johannes Fahrngruber, viele Jahre Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem – wird aber schwärmerisch, wenn er an der Westseite des Sees steht und sagt: Der Osterwallfahrer wird die besten Eindrücke mitnehmen; denn er wird eine üppige Vegetation antreffen, die Abhänge mit saftigem Grün bekleidet, und überraschend mildes Klima; das prächtige Seebecken liegt nämlich schon 190 Meter eingesenkt unter der Mittelmeerfläche. Wonnig sind die Abendlüfte, und äusserst zart das abendliche Farbenkleid der mässig hohen, aber im Osten steil abfallenden Berge, die dem See zur Einfassung dienen. Das Westufer bot sich also immer schon viel mehr für eine ständige Besiedlung an. Zu Recht wird der nordwestliche Bereich des Sees auch als „evangelisches Dreieck“ bezeichnet, haben doch die meisten Evangelien dort ihren Platz. V Karte aus „Durchs Heilige Land“ 1913, einige biblische Orte (rot) sind noch anders als heute lokalisiert. Chirbet Kersa bezeichnet Kursi, Ein Gev fehlt noch, ist aber wenig links von Hippus-Susije gelegen
16 2/2026 IM LAND DES HERRN Die bekannteste Ortslage am Ostufer ist Hippos, eine der zehn Städte der Dekapolis ein lockerer Zehnstädtebund, der griechisch-römisch geprägt war. Der markante Tell (Ruinenhügel) erhebt sich direkt östlich von Ein Gev. Geschichtliche Entwicklung Als Gründungsjahr des Kibbuz gilt das Jahr 1937, doch gibt es eine Vorgeschichte: die Gründer – es waren europäische Juden, die mit einem bewundernswerten Idealismus ins Land gekommen waren, wohnten zunächst auf der anderen Seite des Sees an der Stelle des heutigen Moshav Kinneret, den man streift, wenn man auf der Straße nach dem wenig nördlich gelegenem Tiberias fährt. Die britische Mandatsregierung schlug den neu eingewanderten Juden durch eine eigens eingerichtete Kommission Orte vor, darunter war eben auch das Ostufer des Sees Gennesaret. Am Ostufer des Sees gab es bis zum Jahre 1970 keine Straße, die das ganze Jahr über benutzt werden konnte. Esra Klopfer, einer aus der Gründergruppe, erzählt selbst, wie dann der Ort ausgewählt wurde: „Einige Kameraden wurden beauftragt, einen geeigneten Ort für die Ansiedlung ausfindig zu machen. Sie stiegen in ein Auto und fuhren schnurstracks nach Ein Gev. Unterwegs, bei der Überquerung eines Wadis blieb das Auto in sandigem Boden stecken. Die jungen Leute beschlossen:….Bleiben wir also hier“! Dabei blieb es aber nicht, denn schon bald stellte sich heraus, dass sich dieser Platz, auf dem man zunächst in Zelten und Hütten wohnte, nicht für einen Kibbuz eignete. Das war 2 km südlich des heutigen Kibbuz und ist heute ein schönes, gepflegtes Feriendorf. Man zog also mit Zelten und Hüttenwänden um und am 11. Dezember 1938 wurde der eigentliche Kibbuz am heutigen Standort errichtet. Zu diesem Zeitpunkt befand sich nur eine Vorhut (ca. 30 Männer) am Ort, der zunächst mit hölzernen Palisadenwänden und einem Wachturm gegen Angriffe verDer aufgewühlte See an einem Nachmittag
2/2026 17 sehen wurde. Der größere Teil der Gruppe blieb am Westufer; in der Folgezeit wurde mit einem kleinen Motorboot das Transportproblem gelöst. Daraus entwickelte sich nach und nach eine kleine „Flotte“. Es war ein hartes, entbehrungsreiches Leben, was die zum großen Teil männlichen Bewohner auf sich nahmen: Ostwinde tragen trockenen Staub ans Ufer, es gab noch keine nennenswerte Vegetation und natürlich keinen elektrischen Strom: ein lärmender Generator lief Tag und Nacht und die Bewohner wachten erschreckt auf, wenn dieses Geräusch einmal verstummte. Man begann mit dem mühsamen Roden des Landes und dem Wegräumen der verstreuten Basaltblöcke. Um wenigstens eine kleine Einnahmequelle zu haben, lud man den Ufersand in Säcke und brachte ihn mit Booten hinüber nach Tiberias, um ihn als Bausand zu verkaufen. Auch das war nur stundenweise und meist am Vormittag möglich, denn am ansonsten ruhigen See gibt es am Nachmittag oft Fallwinde aus dem Golan herab – erinnern wir uns an die Evangelien vom Sturm auf dem See – und diese brachten die unzulänglichen Boote zum Kentern. Auch das Roden der Gegend war eine mühsame Arbeit, die dazu noch bewacht werden musste: Arabische Banden griffen die Arbeiter an, die beiden ersten Opfer waren zwei junge Männer aus Österreich, die an Ort und Stelle begraben wurden – daraus entstand der heutige Kibbuzfriedhof. Einer der Gründer des Kibbuz soll namentlich genannt werden: Teddy Kollek, später viele Jahre Bürgermeister von Jerusalem. Kollek zeichnete sich aus durch gute Englisch-Kenntnisse sowie ein gutes Verhandlungsgeschick mit den damaligen britischen Behörden. Das Verhältnis zu den arabischen Nachbarn besserte sich mit der Zeit und die meist armen Fellachen (Bauern) der Gegend zogen zu Fuß oder auf Eseln zum Kibbuz, um sich behandeln zu lassen. Bezahlt wurde mit Lebensmitteln – eine willkommene Hilfe für die damaligen Bewohner. 1940 war es dann endlich soweit, dass alle Kibbuzmitglieder in Ein Gev einziehen konnten und so kamen dann Frauen und Kinder in die Siedlung, die zuvor eher ein Stützpunkt war. Die Landwirtschaft entwickelte sich nur langsam und war vor allem geprägt vom BananenAnbau. Dazu eignet sich die Lage am See, denn der Anbau ist sehr wasserintensiv. Die meisten Heilig-Land-Pilger erinnern sich sicher an die riesigen Zelte auf beiden Seiten des Sees, in denen die Bananenstauden vor der hohen Verdunstung geschützt werden. 1940 waren es erst drei Tonnen Bananen, die geerntet werden konnten – heute sind es tausende Tonnen. Die lokalen Bananen sind wesentlich kleiner, als Kibbuz Ein Gev Kibbuz Ein Gev Junge Bananenstauden und Dattelpalme mit reifen Früchten
18 2/2026 die bei uns angebotenen, aber auch wesentlich aromatischer! Nicht nur in Ein Gev, auch in den anderen Restaurants um den See herum, werden den Besuchern fast immer auch Datteln als Nachspeise angeboten. Im Kibbuz wurde schon bald mit dem Anbau von Dattelpalmen begonnen, aber es dauerte sieben lange Jahre, bis die erste bescheidene Ernte eingebracht werden konnte. Im Fischrestaurant von Ein Gev werden Datteln frisch, oder wie wir es kennen, getrocknet gereicht. Man kann Datteln auch einfrieren – in den Klöstern der Kustodie ist das üblich, wenn die Mitbrüder große Mengen vom See oder aus Jericho schicken; sie verlieren dann ihre frische rote Farbe, aber nichts von ihrer Süße. In Ein Gev wurde mir einmal bei einem Besuch mit einer Pilgergruppe Dattelkuchen angeboten – durch die orientalischen Gewürze schmeckte er etwas weihnachtlich und einen Diabetiker hätte man damit umbringen können. Dass die Bedingungen für den Anbau von Datteln hier am See geradezu ideal sind, verrät das arabische Sprichwort: Die Palme will ihre Füße im Wasser, ihr Haupt jedoch im Feuer des Himmels baden. Auch in den folgenden Jahren gab es für den jungen Kibbuz verschiedenste Schwierigkeiten zu überwinden: erst langsam lösten feste Häuser die Zelte und Holzhütten ab und eine ernste Typhusseuche erreichte den Kibbuz im Jahre 1942. Auch in den Jahren bis zur israelischen Staatsgründung musste der Kibbuz sich ständig gegen syrische Angriffe wehren. Mit den sich langsam verbessernden Lebensverhältnissen entstand im Kibbuz ein Kulturleben, beginnend mit Erholungsaufenthalten von Mitgliedern des Israelischen Philharmonischen Orchesters. Bis an das andere Ufer wurden die abendlichen Spieleabende bekannt und so bekam das kleine Motorboot, welches die täglichen Transporte nach Ein Gev besorgte, am Abend eine zweite Funktion: Musikfreunde aus Tiberias ließen sich am Abend zu den Darbietungen über den See bringen. Daraus entstand in den nächsten Jahren dann ein bekanntes MusikSommer-Festival. Tourismus in Ein Gev Für die musikalischen Veranstaltungen wurde bald ein Konzertsaal gebaut und so manche der im Anfang spärlichen Gäste wollten dann auch am Tage Ein Gev besuchen und wurden zunächst im Speisesaal des Kibbuz gratis versorgt. Später errichtete man einen kleinen Kiosk bei der Anlagestation und konnte so die ersten Gäste versorgen. So entstand nach und nach der heute wichtigste Wirtschaftszweig: der Tourismus. Bei der Zufahrt zum Kibbuz fallen dem Besucher natürlich noch die großen Offenställe zur Rinderzucht auf, doch viel bedeutender sind das täglich gut besuchte Fischrestaurant, das südliche große Feriendorf, die Konzerthalle, die Fischverarbeitung und nicht zuletzt die Bootsfahrt. Eine Straußenfarm und – wie so oft in Kubuzzen üblich – eine Hühnerzucht gehören zu En Gev. Wenden wir uns dem Fisch am See Gennesaret zu und wir wollen wieder Johannes Fahrngruber zu Wort kommen lassen, wenn er in Woehrls Darstellung einer Dattelpalme an der Front der Synagoge von Kaparnaum IM LAND DES HERRN
2/2026 19 Kibbuz Ein Gev Kibbuz Ein Gev Eingang zum Fisch-Restaurant Reisehandbücher vor 135 Jahren zu den Fischvorkommen sagt: Interessant ist es, in Tiberias den Fischmarkt zu besuchen in den Vormittagsstunden. Es sollen neun Gattungen essbarer Fisch im süssen und trinkbaren Wasser des Sees Gennesareth vorkommen, wovon die sogenannten Petersfische… von bedeutender Grösse erscheinen. Dieser erwähnte Peters-Fisch begegnet uns groß über dem bekannten Gershon Fish Restaurant in der ungefähren Mitte des Kibbuz. Man soll sich als Besucher indes nichts vormachen: der Petersfisch kommt nicht nur aus dem See: bei Hammat Gader wenige Kilometer südlich gibt es große Fischweiher und ebenso im wenig entfernten Gilboa-Tal. Aber für die Pilger ist es schon etwas Besonderes, einen Petersfisch hier am See Gennesaret zu essen. Noch mehr Bedeutung hat hier allerdings die Sardine, die sogenannte Kinneret-Sardine (Acanthobrama terrae sanctae), wohl die Art Fische, die bei den Brot- und Fischvermehrungen des Neuen Testamentes eine Rolle spielen. Diese Seesardinen werden im ganzen Land in Büchsen angeboten, ganz Werbung für die Kinneret-Sardinen
20 2/2026 Blick auf den Kibbuz Ein Gev von Hippos aus, die größten Zelte gehören zum Bananenanbau ähnlich den Ölsardinen, wie wir sie kennen. Es ist interessant zu wissen, dass dieser kleine Fisch den größten Teil der Fangmenge des Sees ausmacht, es sind mehrere tausend Tonnen im Jahr. Die Schwärme der Sardinen legen in den Wintermonaten besonders gern ihre Eier unter die Steine der Bank von Kursi. Die Kibbuz-Bewegung macht in Israel schon seit Jahrzehnten einen großen Wandel durch; sichtbar wird das zum Beispiel in Ein Gev, wo sowohl im Restaurant wie im Fischereihafen Volontäre aus aller Welt arbeiten. Esra Klopfer sah schon vor 30 Jahren die umgreifenden Veränderungen und schrieb damals schon: „Vergleiche ich das Leben im Kibbuz heute mit der Situation, die ich im Jahre 1938 bei meinem Eintritt in die Gemeinschaft vorfand, muß ich natürlich zugeben, daß gewaltige Veränderungen stattgefunden haben. Die Zeit des Pioniergeistes und der Ideale wich dem skeptischen Realismus einer Kibbuzjugend, die mit offenen Augen ihre Umgebung abzuschätzen gelernt hat. Doch ich glaube daran, daß die Kibbuzbewegung auch weiterhin existieren wird, und die Probleme, vor denen sie steht, lösen wird.“ Benutzte Literatur Woerl’s Reisehandbücher: Jerusalem und Das heilige Land, Würzburg 1890 Esra Klopfer: Kibbuz Ein-Gev, Vom Werden und Leben einer Gemeinschaft, im Eigenverlag Ein Gev 1994 Kehl-Küchler: Orte und Landschaften der Bibel, Bd 1, Benziger-Vandenhoeck&Ruprecht 1984 Titus Tobler: Denkblätter aus Jerusalem, St Gallen und Konstanz 1853 Mendel Nun, Der See Genezareth und die Evangelien, Gießen 2001 IM LAND DES HERRN
2/2026 21 Kibbuz Ein Gev Kibbuz Ein Gev E in kurzer Exkurs zur Dattel im religiösen Rahmen: im Islam hat die Dattel eine große Bedeutung, soll doch Mohammed sein Fasten mit Datteln und Wasser gebrochen haben. In Jerusalem kann man beobachten, dass, wenn am Abend die Kanone in der Nähe des Damaskustores abgefeuert wird und damit das Zeichen zum Fastenbrechen gibt, Muslime in die Tasche greifen um sofort drei (es soll immer eine ungerade Anzahl sein) Datteln zu essen. Der Hintergrund ist auch praktischer Natur: die Frucht liefert Energie, Vitamine, Mineralstoffe, bringt den Blutzuckerspiegel wieder hoch und beruhigt den Magen. Sehr bekannt und weit verbreitet ist das Ostergebäck der Christen, welches in Form und Inhalt Verbindung zur Passion Christi aufnimmt. Ich beziehe mich hier auf die Gegend von Jerusalem und Ramallah, auch wenn gerade im gebirgigen Klima der Stadt Jerusalem die Datteln nicht zur Reife kommen. Titus Tobler bemerkte in seinem Buch Denkblätter aus Jerusalem im Jahre 1853 für Jerusalem: „Wenn ich mich recht erinnere, so trägt die Palme keine reife Früchte…“ Trotzdem: „Dattelpalmen zählte ich innerhalb der Stadtmauern von Jerusalem über dreißig…“ Datteln wurden nach Tobler getrocknet aus Ägypten eingeführt und natürlich frisch aus Jericho – so wie es heute noch geschieht. Für die christliche Bevölkerung und Pilger kommen auch die für die Osterfeierlichkeiten notwendigen Palmzweige aus Jericho, wo nach dem vorher genannten arabischen Sprichwort die besten Bedingungen für Palmen herrschen. Nun endlich kommen wir zum Ostergebäck, welches fast ausschließlich in den Familien hergestellt wird: Mamoul ist hier der Oberbegriff und bezeichnet die kleinen Plätzchen, die die Form einer Dornenkrone haben und Nüsse und Datteln enthalten. Man beachte jedoch: Mamoul gibt es auch im arabischen Suk das ganze Jahr über zu kaufen, aber in einfacherer Form und oft auch „modisch“ mit einer Mandel oder Nuss verziert. Die Christen kennen dann auch noch „Ka ak“ oder „Ka ak Mamoul“ – der gleiche Teig wird in Form eines runden Schwammes geformt, in Erinnerung des Schwammes, mit dem Christus am Kreuz mit Essig getränkt wurde. Diese beiden Gebäckarten werden, wie schon gesagt, meist in Familien hergestellt und brauchen auch eine gewisse Vorbereitung am Vortag des Backens und kleine Holzmodel. Viel, viel einfacher dagegen sind die „Osternester“: im Hefeteig wird ein gekochtes, farbiges Ei eingesetzt. Im Bild ist hier der moslemische Bäcker, der einen idealen Standort unterhalb des Klosters St. Salvator hat und so auf dem Weg zur Grabeskirche seine Kunden findet. Ich kann mich gut erinnern an sein freundliches Wesen, aber er hat abgewartet, bis alle Osterfeierlichkeiten zu Ende waren, ehe er uns Franziskanern dann auch mal ein solches Gebäckstück geschenkt hat. Der Hefeteig war dann nur noch eingeweicht genießbar. Mamoul oder Ka’ak Mamoul, in Form einer Dornenkrone bzw. eines Schwammes © Eli Hajjar Verkauf der Osternester in einer Bäckerei bei St. Salvator, Jerusalem
22 2/2026 ursi befindet sich am nordöstlichen Ufer des Sees Gennesaret am Fuße der steilen Hänge der Golanhöhen. Man sieht östlich im Bergabhang Höhlen und davor ein ummauertes großes Grundstück (145 x 123 m) mit den prächtigen Ruinen, die 1970 beim Bau der neuen Straße entdeckt, anschließend ausgegraben und weitgehend wiederhergestellt worden sind. Es ist eine der schönsten Klosteranlagen des Landes; heute ist sie als Nationalpark für Besucher zugänglich. Es handelt sich um ein Kloster mit Eingang von Westen her; der erste Bereich könnte eine Art Pilgerhospiz gewesen sein. Nach dem Vorhof mit Zisterne und Vorhalle betritt man die geräumige Kirche, in der 2 x 8 Säulen drei Schiffe bildeten. Eine Linie aus Beton zeigt an, welche Teile der Mauer tatsächlich erhalten sind und wo die Rekonstruktion der modernen Archäologie beginnt. Die beiden Seitenschiffe sind reich mit Pflanzen und Tiermotiven dekoriert, Kreuze im Fußbodenmosaik deuten auf dessen hohes Alter (vor 427 n. Chr.) hin. Typisch für frühe byzantinische Kirchen ist auch, dass sich nur an das Hauptschiff eine Apsis anschließt, während die Seitenschiffe rechtwinklig abschließen. Im Chorraum sind die Sitzbank für die Zelebranten sowie die Säulen der Chorschranke gut zu erkennen. Im Raum vorne rechts wurde im Jahr 585 ein Baptisterium eingerichtet, welches in einer griechischen Mosaikinschrift als Photisterion (griech. Phos, „Licht“) genannt wird. An die beiKursi, Eingang von Westen zum Klosterkomplex, rechts erhebt sich der Hügel des Wunders K Kursi Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM
2/2026 23 den Seitenschiffe schloss sich noch je ein Außenflügel an. Im linken fand sich eine Olivenpresse, im rechten eine Krypta mit sechs Grablegen. Die Kirche wurde gegen Ende des 5. Jahrhunderts neugestaltet, beim Persereinfall 614 beschädigt, aber nicht völlig zerstört und existierte noch nach der arabischen Eroberung, wenn auch der Pilgerzustrom nun spärlich wurde. Im 8. Jahrhundert verfielen die Anlagen, möglicherweise beschädigt durch das Erdbeben von 749 n. Chr. Immerhin ist es interessant zu beobachten, dass die Bilderstürmer des 8. Jahrhunderts oder aber strenggläubige Muslime hier am Werk waren und die meisten Tierdarstellungen auskratzten. Der Name des Ortes Kursi (arabisch und aramäisch „Thron“) steht wohl in nicht vollständig geklärter Beziehung zu der antiken Stadt Gerasa in Jordanien, in deren Gebiet nach den Evangelisten Markus und Lukas (Mk 5, Lk 8,26) Jesus einen von Dämonen besessenen Mann heilte. Die Erzählung lautet bei Markus: Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten Blick zur Apsis der Kirche, die hellen Säulen aus Kalkstein heben sich gut vom schwarzen Lavastein der Gegend ab Kursi Kursi Mosaikfußboden, die Tierdarstellungen sind zerstört (islamisches Bilderverbot), Pflanzendarstellungen blieben erhalten
24 2/2026 IM LAND DES HERRN Gadara (Umm Qais) in Jordanien: Ansicht der byzantinischen Basilika, links erscheint der See Gennesaret sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. (Mk 5,1–18) Matthäus macht die Ortsangabe „das Gebiet der Gadarener“ (Mt 8,28) wohl deshalb, weil ihm Gerasa denn doch als zu weit vom See entfernt vorkam; Gadara dagegen lag nur 17 km weiter südlich, im heutigen Jordanien, Gerasa etwa 70 km weiter. Möglicherweise wollten aber beide Evangelisten ihren Lesern eine einigermaßen bekannte Stadt als Anhaltspunkt nennen. Wie immer die unterschiedlichen Ortsangaben der Evangelisten bewertet werden mögen, die Örtlichkeit hier in Kursi entspricht ausgezeichnet den Voraussetzungen der biblischen Erzählung: Das Ostufer des Sees gehörte zur heidnischen Dekapolis (Zehnstädtebund), so dass hier auch die Schweineherde nicht aus dem Rahmen fällt, die es in jüdischem Gebiet nicht gegeben hätte. So ist es fast gewiss, dass die Kirche von Kursi und die dazugehörigen Gebäude der Erinnerung an Jesu wundermächtiges Wirken hier im heidnischen Ostjordanland gewidmet waren. Bereits zu Origenes’ Zeiten (3. Jh. n. Chr.) wurde der Abhang gezeigt, den sich die Schweine hinunterstürzten. Am Abhang südöstlich dieses Komplexes wurde, über Stufen erreichbar, eine Kapelle gefunden, die in der gleichen Zeit wie der Klosterkomplex entstand. Sie ist geostet in den Hang hineingebaut, was einige Anstrengung erforderte. In ihr wurde wohl die Wohnhöhle des geheilten Besessenen gesehen. Drei Mosaikschichten übereinander weisen auf Renovierungen hin. Darstellung in St. Georg, Paralimni, Zypern
2/2026 25 Die Holzschuherkapelle und der Kreuzweg Adam Krafts in Nürnberg Petrus Schüler OFM ie beiden historischen, innerstädtischen Friedhöfe in Nürnberg, das sind der Rochusfriedhof und der Johannisfriedhof, sind seit Jahrhunderten ohne Unterbrechung die Begräbnisplätze der Stadtbevölkerung. Beide Kirchhöfe liegen nahe der Historischen Altstadt im Innenstadtring und sind kleine, sehenswerte Oasen inmitten einer pulsierenden Großstadt. Der Johannesfriedhof hat seinen Ursprung in der Mitte des 13. Jahrhunderts in einem Hospital für Lepra- und Pestkranke mit Begräbnisplatz. Die dazugehörende Kapelle entwickelte sich zur heutigen Johanneskirche, heute eine Nebenkirche der Friedenskirche, in der regelmäßig lutherische Gottesdienste gefeiert werden. Wurden in Nürnberg im ausgehenden Mittelalter noch hauptsächlich die Kirchhöfe um die Pfarrkirchen benutzt (St. Sebald, St. Lorenz), versuchte der Stadtrat die Bestattungen „hinaus“ auf den Rochus- und den Johannesfriedhof zu verlagern. Ab 1520 wurde das die Regel – eine Regel, die die Bürger nicht begeisterte. Der Kreuzweg Die vermögende Stadt Nürnberg konnte es sich leisten, für diesen entscheidenden Wechsel der Begräbniskultur, einen Kreuzweg zu errichten: Die Verstorbenen wurden auf einem der Via Dolorosa nachempfundenen Weg aus der Stadt hinausgebracht zum D Holzschuherkapelle auf dem Johannisfriedhof
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