Franziskaner - Herbst 2025

10 FRANZISKANER 3|2025 einsam, und Gott erkennt: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht« (Genesis 2,18). Die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott genügt nicht. Der Einzelne bedarf einer »Hilfe«, das heißt: eines menschlichen, starken Beistands. Er ist somit schwach und benötigt an seiner Seite einen zweiten Menschen. Gegen ein mögliches Verständnis, dass die gesuchte »Hilfe« überlegen ist, steht die zweite Beschreibung »ihm entsprechend«; die Frau ist ein Gegenüber, das dem einzelnen Menschen ebenbürtig ist. Menschsein ist geprägt durch gegenseitige Hilfe und Entsprechung. Erkenntnis und Autonomie Mit den beiden Schöpfungserzählungen ist die Erzählung der Menschwerdung jedoch noch nicht beendet. Erst durch den sogenannten Sündenfall der Menschen werden Adam und Eva zu autonomen Wesen mit den damit einhergehenden ambivalenten Auswirkungen (Genesis 3). Die altbekannte Geschichte über die verbotene Frucht und die Schlange im Garten Eden benennt die Übertretung des göttlichen Gebotes nicht explizit als Sünde. In der Logik der Erzählung ist durch die göttliche Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse überhaupt erst die Ermöglichung von Sünde gegeben. Die Erlangung dieser Fähigkeit beschreibt im Alten Testament den Übergang zum Erwachsensein (vgl. Deuteronomium 1,39–40) und wurde durch das Essen der verbotenen Frucht erreicht. Dieser Erkenntnisgewinn, der das Wesen des Menschen als ein autonomes Wesen zutiefst ausmacht (vgl. Amos 5,14–15), geht aber einher mit einem doppelten Verlust: Erstens verlieren die Menschen die innige und furchtlos-kindliche Beziehung zu Gott – sie verstecken sich vor ihm –, und zweitens stehen sie einander bloßgestellt gegenüber – sie bedecken ihre Schambereiche; sie haben ihre kindliche Unbefangenheit verloren. Doch selbst nachdem sie die Fähigkeit der Unterscheidung von Gut und Böse gewonnen haben, wird noch im Garten Eden deutlich, dass der Mensch im Angesicht seiner Schuld dazu tendiert, diese von sich abzuwälzen, anstatt sie auf sich zu nehmen. Der Mann schiebt seine Schuld für seine Tat auf die Frau, und sie beschuldigt die Schlange. Der Niedergang der Menschheit Als Leserin oder Leser von Genesis 1–3 stellt man ernüchtert fest: In der guten Schöpfungsordnung, in die der Mensch als Repräsentant Gottes eingesetzt ist, um lebensförderlich zu herrschen, erlangt die Menschheit die hierfür notwendige Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – aber sowohl Mann als auch Frau sind scheinbar unfähig, Verantwortung zu übernehmen, und die Menschheit wendet sich nicht dem Guten, sondern dem Bösen zu. In Genesis 4 wird dann erzählt, wie die Beziehung des ersten Brüderpaares direkt zum ersten Mord führt, obwohl Kain noch von Gott gewarnt wurde: »Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen« (Genesis 4,7). Kain entscheidet sich als erster Mensch bewusst für die Sünde; er erschlägt seinen Bruder und wird somit zum Sinnbild der Menschheit, über die Gott in Genesis 6,1 ein fatales Urteil fällt: »Der Herr sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war« – mit diesen Worten beginnt die Sintflutgeschichte, an deren Beginn die radikale und katastrophale Aussage steht, dass es Gott reute, die Menschheit erschaffen zu haben. Am Ende der Erzählung bereut Gott seine Absicht, die Menschheit auszulöschen, aber das schlechte Zeugnis, dass er den Menschen ausstellt, bleibt bestehen. Auch nach der Sintflut gilt: »Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an« (Genesis 8,21) – woran auch Noah, der als einziger gerechter Mensch gepriesen wird, nichts ändern kann. Trotz allem: Gottesebenbild Mit der Sintflutgeschichte wird auch deutlich, dass der Mensch das Ideal seiner Gottebenbildlichkeit verfehlt hat. Denn unter seiner Herrschaft hat sich die gesamte gute Schöpfung ins Böse verkehrt: »Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben« (Genesis 6,12) – und Gott trägt dieser veränderten weltlichen Ordnung Rechnung, wenn er die dem Menschen verliehene lebensbejahende Gewalt zu einer Schreckensherrschaft wandelt: »Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben« (Genesis 9,2). Den ursprünglich vegan lebenden Menschen wird nun gestattet, dass sie auch Tiere essen dürfen. Gewalt zwischen Tieren und Menschen und den Menschen untereinander ist nun eine Gegebenheit in der Schöpfung, die von Gott durch Gesetze geregelt wird. Dabei fällt auf, dass auch nach der Sintflut weiterhin der Mensch als Ebenbild Gottes gilt. In einem Erzählerkommentar zum Verbot der Tötung eines Menschen, Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Mensch sein ist für mich eine Grundhaltung. Zugewandt und offen für andere zu sein, Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, niemanden in eine Schublade zu stecken auch wenn der erste Eindruck vielleicht dazu verleiten kann.« Ursula Clemm OFS, Nationalvorsteherin des Ordo Franciscanus Saecularis

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