9 FRANZISKANER 3|2025 Der Mensch: Bestimmung und Wirklichkeit Die biblische Urgeschichte und die Gottesebenbildlichkeit Der moderne Mensch blickt nach vorn: in die Zukunft, auf das, was noch kommen wird. Die Autoren und Erstleserinnen und -leser der Bücher des Alten Testaments, des ersten Teils der zweigeteilten christlichen Bibel, hatten hingegen eine andere Perspektive: Sie gestalteten ihre Zukunft mit dem Blick in die Vergangenheit. Sie schritten sozusagen rückwärtsgewandt in die kommende Zukunft. Sie teilten die altorientalische Grundüberzeugung, dass alles Gegenwärtige und alles Zukünftige sein Wesen im Anfang erhalten hat. Doch während die alten Kulturen des Vorderen Orients bei ihrem Blick auf die Uranfänge den Fokus auf die Götter- und Weltwerdung legten, nahm in der Bibel die Erschaffung des Menschen und seine Stellung in der Welt eine zentrale Rolle ein. Die sogenannte Urgeschichte am Anfang der Bibel erklärt die Grundgegebenheiten menschlicher Existenz anhand der Welt- und Menschenschöpfung (Genesis 1–3), der Ausbreitung der Menschheit in der Welt (Genesis 4–5) und der Sintflut bzw. dem Neubeginn der Menschheit mit Noah als neuem Urahnen (Genesis 6–9). Der Mensch wird als Ebenbild Gottes geschaffen – was allerdings nicht als Eigenschaft, sondern als Auftrag zu verstehen ist. Das Herrschaftsmandat In der ersten Schöpfungserzählung (Genesis 1,1–2,3) ist der Mensch, der am sechsten Tag erschaffen wird, das letzte Werk Gottes. Doch er ist weder das Ziel noch die Krone der Schöpfung. Der siebte Tag – der Schabbat –, den Gott durch seine Ruhe segnet und heiligt, ist die Vollendung der Weltordnung, in der der Mensch lebt. Die Schöpfung des Menschen wird nicht bildlich beschrieben, sondern in einer bis heute für die Diskussion über die Würde eines jeden Menschen grundlegenden Aussage formuliert: »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!« (Genesis 1,26a). Die in diesen Worten zum Ausdruck kommende sogenannte Gottesebenbildlichkeit definiert den Menschen als Repräsentation Gottes in der Welt – zugespitzt formuliert: Das Alte Testament verbietet Statuen von Gott, denn der Mensch selbst steht für die Sichtbarkeit der Anwesenheit Gottes in der Welt. Diese Aussage ist in der ersten Schöpfungserzählung keine abstrakte Idee, sondern ein klar definierter Auftrag. Die Menschen werden als Repräsentanten Gottes erschaffen, um über die Erde – nicht über andere Menschen – zu herrschen: »Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen« (Genesis 1,26b). Somit wird eine Eigenschaft, die zum Beispiel dem gottgleichen Pharao im alten Ägypten zukam, demokratisiert auf alle Menschen übertragen: Der Mensch soll in der Welt die göttliche Gewalt, die lebensförderlich ist, ausüben und die göttliche Ordnung aufrechterhalten. So betrachtet ist die Gottesebenbildlichkeit keine Qualität des Menschen, sondern eine Funktionsbeschreibung. Mehr als nur Gott und Mensch In der zweiten Schöpfungserzählung (Genesis 2,4–25) liegt der Fokus stärker auf dem Verhältnis des Menschen zu Gott und der Menschheit untereinander. Nun wird die Schöpfung des Menschen bildlich beschrieben. Gott formt ihn wie ein Töpfer aus dem Staub des Ackerbodens und verleiht ihm den göttlichen Lebensatem. Während in der ersten Schöpfungserzählung die Menschheit als Ebenbild Gottes »männlich und weiblich« erschaffen wurde (Genesis 1,27), ist der Mensch in der zweiten Schöpfungserzählung am Anfang unvollständig und Das Öl-Gemälde »Adam and Eva im Garten Eden« von Wenzel Peter (1745–1829) hängt in den Vatikanischen Museen
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