wie sie durch Kain geschehen war, wird auf sie verwiesen: »Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht« (Genesis 9,6). Trotz allem verliert der Mensch dieses Merkmal nicht – unabhängig von nationaler Herkunft, Geschlecht oder sonstigen gesellschaftlichen Unterscheidungen bleibt der Mensch, obwohl sein Herz und damit sein menschliches Erkennen, Wollen und Fühlen eher nach dem Bösen als dem Guten strebt, immer das Ebenbild Gottes, das mit göttlicher Fürsorge über die Schöpfung herrschen soll. Oder anders formuliert: Die Bedeutung des Menschen in dieser Welt ist eine aus der Sicht der Urgeschichte bisher uneingelöste Zusage – die Menschheit muss erst noch werden, was sie von Anfang an eigentlich schon sein soll: ein würdiger Repräsentant Gottes in seiner Schöpfung. Vom Anfang bis zum Ende Diese Forderung – trotz der allgemein erfahrbaren Realität – bleibt auch bestehen, wenn sich das Verständnis der Gottesebenbildlichkeit mit der Übersetzung in das griechische Denken und durch eine christliche Interpretation verändert hat. Bereits das im ersten Jahrhundert v. Chr. auf Griechisch verfasste Buch der Weisheit Salomos lässt diese Sinnverschiebung erkennen: »Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören« (Weisheit 2,23–24). In dieser der Urgeschichte in Genesis 1–9 widersprechenden Leseart ist die Gottesebenbildlichkeit des Menschen seine eigentliche Unsterblichkeit, die er jedoch im Garten Eden verloren hat. Diesem Verständnis folgt auch der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt: »Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren« (Römer 3,23). Für ihn ist Jesus Christus der einzige Mensch ohne Sünde, und somit ist er das »Bild Gottes« (Römer 8,29), und nur durch den Glauben an ihn können die Menschen wieder teilhaftig der Gottesebenbildlichkeit werden (vgl. 1 Korinther 15,49). Paulus verschiebt damit die Gottesebenbildlichkeit des Menschen von einer Funktionsbeschreibung hin zu einer Qualitätsaussage und von der Schöpfungswirklichkeit des Anfangs zur Erlösungswirklichkeit des Endes. Paulus hofft darauf, dass die Gläubigen durch Jesus Christus wieder zum Ebenbild Gottes werden. Zieht man nun theologisch eine Linie von dem Anfang der Schöpfung hin zur Erlösung des Endes, bedeutet dies: Der als Ebenbild Gottes geschaffene Mensch soll zum Repräsentanten Gottes in seiner Schöpfung, zu einem besseren Menschen werden, sodass Gott wieder alles, was er geschaffen hat, ansehen kann und feststellen wird, dass es sehr gut ist. SIXTINISCHE KAPELLE © MARCO BRIVIO | PICTURE-ALLIANCE.COM Till Magnus Steiner Dr. Till Magnus Steiner ist katholischer Theologe, Bibelwissenschaftler und freier Journalist. Er lebt mit seiner Familie in Jerusalem. Das Deckenfresko »Die Erschaffung Adams« von Michelangelo Buonarroti, geschaffen zwischen 1508 und 1512, ist eines von neun Einzelfresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom. Sie zeigen Szenen aus dem Buch Genesis, insbesondere der Schöpfungsgeschichte. 11 FRANZISKANER 3|2025
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