Franziskaner - Herbst 2025

kommunizierende Liebe wird zur Keimzelle des theologischen Denkens. Die Liebe wird als Anfang des Schöpfungsaktes gesehen – ihr Fokus ist der freie Wille, den anderen in seinem Anderssein zu wollen und so, wie er ist, anzunehmen. Der Mensch wird als das Geschöpf dieser wollenden Liebe interpretiert. Seine Gottesebenbildlichkeit wird in der Freiheit gesehen, andere Mitgeschöpfe anzunehmen, sich ihnen empathisch zu öffnen und mit ihnen Gemeinschaft zu haben – sie zu lieben. Diese Freiheit des Wollens und Liebens erreicht ihren Höhepunkt da, wo der Mensch Gott selbst als den ganz anderen annehmen oder zurückweisen kann. Denn der Mensch ist nicht von Natur aus auf Ablehnung oder gar Hass gepolt. Er ist nicht dazu verurteilt, dem Mitmenschen als Wolf zu begegnen; er kann sich für die Liebe entscheiden. Da die franziskanische Theologie den Menschen als Geschöpf der erschaffenden Liebe denkt, sieht sie seine Existenz nicht nur als Geschenk, sondern auch als Aufgabe. In seiner sozialen und kulturellen Umgebung, der Mitwelt, ist er somit für sich selbst verantwortlich und dazu aufgefordert, sein Leben und seine Welt auf Zukunft hin zu gestalten. Und als Gottes Ebenbild ist er aufgerufen, sein Leben in Harmonie mit der ihm geschenkten Schöpfung sinnvoll zu gestalten. Damit verdankt er eben nicht alles sich selbst und seinem Tun. Vielmehr werden ihm sowohl seine eigenen Voraussetzungen als auch die seiner Lebenswelt geschenkt. So erfährt Franziskus sich selbst als durch Gott reich beschenkt und gleichzeitig herausgefordert, dem Geschenk des Lebens und der Mitwelt in Demut und Liebe zu begegnen. Das Leben und die Welt als Geschenk wahrzunehmen, bestärkt die Haltung der Ehrfurcht, der Zuneigung und der Dankbarkeit. Alles Grundhaltungen, mit denen Franziskus das Selbstverständnis der Geschwisterlichkeit begründet, weil er weiß, dass er sich selbst dem anderen, dem Bruder, der Schwester und vor allem aber Gott verdankt. Je mehr es gelingt, diese Geschwisterlichkeit zu verwirklichen, desto stärker wird die egoistische Aneignung von Besitz und Ressourcen – die das Leben vieler sowie die Umwelt zerstört – durch eine solidarische Freigebigkeit und lebensfördernde Großzügigkeit abgelöst. Aus der Grunderfahrung, von Gott beschenkt zu sein, schließt Franziskus zurück auf Gott als das »höchste Gut«. Aus dieser Perspektive hat die franziskanische Tradition ihr Gottesbild entfaltet. Gott ist das in freier Liebe sich selbst verschenkende höchste Gut. Deshalb kann alles, was von ihm geschaffen wurde, nur dieser Gutheit entsprechen. Von diesem Gottesbild her wird jeder Gegensatz zwischen einer guten spirituellen Dimension und einer zum Bösen hinneigenden Materie überwunden. Die ganze Schöpfung, also Geist und Materie, Seele und Körper, sind gut. Der Mensch ist folglich in seiner Gesamtheit gut geschaffen. Die Seele verweist auf seine Fähigkeit, über sich selbst hinaus auf eine transzendente Wirklichkeit zu wachsen. Und der Leib ermöglicht es ihm, in der zu Welt sein. Auch wenn das Gute, das in allen steckt, durch die menschliche Sünde deformiert, unterdrückt oder behindert wird, so kann es doch im Kern nicht zerstört werden. Es bleibt in jeder und jedem ein guter Kern. Schon in der Schöpfungserzählung tragen die Menschen Namen und erhalten den Auftrag, den Tieren Namen zu geben und so mit ihnen in Beziehung zu treten. Von Anfang an wird der Mensch damit als ein Geschöpf interpretiert, welches sowohl eine eigene Individualität besitzt als auch in einer Beziehung zur Mitschöpfung steht. Um die Individualität zu betonen, greifen die franziskanischen Autoren auf den philosophischen Begriff der Person zurück – sie sehen den Menschen als ein Wesen, das Träger von moralischer Verantwortung ist, über Vernunft und Selbstbewusstsein verfügt und in soziale Beziehungen eingebunden ist. Zunächst wird damit die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit zum Ausdruck gebracht. Jeder Mensch ist einmalig. Gerade aber in seiner Einmaligkeit ist er auf die Beziehung zu seiner Mitwelt angewiesen, da sich die Einzigartigkeit nur so entfalten kann. Nicht nur aus spiritueller Sicht gehört deshalb zum Menschen auch die Befähigung zur Kommunikation. Denn durch die Kommunikation nimmt er an seiner Mitwelt teil und entfaltet seine Individualität. Durch Beziehungen entdeckt er sich selbst, und in der Kommunikation bringt er sich in seiner Wesensart hervor. Eine solche lebensfördernde Beziehung kann letztlich aber nur in einer liebenden Kommunikation gelingen. Dies hat Prof. Dr. Johannes-Baptist Freyer OFM lehrte Theologiegeschichte und Franziskanische Theologie in Rom. Heute ist er Mitglied der Provinzleitung der Deutschen Franziskanerprovinz. 13 FRANZISKANER 3|2025

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