Franziskaner - Herbst 2025

14 FRANZISKANER 3|2025 aus dem Menschen ein kulturelles Geschöpf gemacht, welches in seiner Dialogfähigkeit selbst kreativ wird. Im Entfalten dieser Veranlagung steht der Mensch vor einer ethischen Herausforderung, da die franziskanische Spiritualität davon ausgeht, dass Gott selbst mit dem Menschen Kontakt aufgenommen hat, um mit diesem zu kommunizieren. In Jesus Christus teilt Gott mit, wer er eigentlich ist. So entdeckt Franziskus in Jesus von Nazareth den Bruder der Menschen und aller Geschöpfe. Die Fähigkeit zum Dialog führt den Menschen durch den Glauben an Gott in Jesus Christus zu einer echten Geschwisterlichkeit mit allen Geschöpfen. Diese Sichtweise der franziskanischen Anthropologie lässt erahnen, dass es um kein statisches Menschenbild geht. Die franziskanische Tradition baut auf einer dynamischen Ansicht auf und interpretiert das Menschsein progressiv reifend und schließt dabei die Möglichkeit auf Neues mit ein. Der Mensch wird als ein Geschöpf gedeutet, das auf dem Weg ist. Franziskus beschreibt dies mit dem Begriff des Pilgerseins. Der Mensch ist angerufen, sich und seine Welt zu gestalten und zu verwirklichen. Dabei soll er seine Qualitäten entfalten. Zu diesen Qualitäten zählen auch theologische Werte wie die Fähigkeit, seine geistigen Möglichkeiten auch in den Glauben hinein zu entfalten und sich und seine Welt damit auf Gott hin auszurichten. Dazu ist der Mensch aufgerufen, seine körperlichen und intellektuellen Möglichkeiten durch die emotionalen Qualitäten des Herzens zu bereichern, um in einer ganzheitlichen Entfaltung des Lebens diese Welt positiv zu gestalten. Ebenso soll er sich und seine Welt auf eine Vollendung in der transzendenten Wirklichkeit ausrichten. Um in der eigenen Weise zu wachsen und zur Fülle des Daseins zu gelangen, bedarf es ethischer Verhaltensweisen. Dazu gehört die Offenheit zur Welt. Eine solche Offenheit ist nur möglich, wenn sie sich mit einer qualifizierten Toleranz verbindet. Qualifizierte Toleranz bedeutet die Bereitschaft, das Fremde, das in der Welt auf mich zukommt, zunächst so, wie es ist, zuzulassen und anzuerkennen. Ebenso bedarf dieses Auf-dem-Wege-Sein einer Freiheit des Lebensstiles. Eine Freiheit, die es ermöglicht, immer wieder loszulassen, sich nichts anzueignen oder gar sich beherrschend zu unterwerfen. Eine Freiheit, die sich so mit Einfachheit im Lebensstil und einer den anderen nicht dominierenden Verhaltensweise anfreundet. Wachsend unterwegs sein erfordert auch die Bereitschaft, eine Anstrengung des Weges ausdauernd auf sich zu nehmen. Dazu bedarf es der Hingabe, der Hoffnung und der Liebe. Auch wenn jeder Mensch seinen eigenen Weg zu gehen hat, so ist doch niemand allein unterwegs. Jeder ist mit anderen unterwegs. Das Miteinander-unterwegs-Sein erfordert ein Maß an Rücksichtnahme und Solidarität. Die Herausforderung der Solidarität verweist auf das Reich Gottes. Im Gegensatz zur Weltverachtung, die in den Epochen der Entstehung der franziskanischen Bewegung gepredigt wurde, entwickelte sich im Franziskanertum eine erstaunliche Weltzuwendung und Weltverantwortung. Die Welt wird als Ort verstanden, an dem das Reich Gottes angekündigt und vorbereitet wird. Das Alltagsleben, Beruf, Handel, Politik und soziales Leben wurden zu den Orten, wo, wenn nötig in prophetischer Haltung, das Wort Gottes und die sich daraus ergebenden ethisch-moralischen Verhaltensweisen gepredigt wurden. Dabei übernahmen die Franziskaner auch häufig den Dienst des Friedensstifters und ermöglichten auf dem Boden einer ausgleichenden Gerechtigkeit das friedvolle Zusammenleben. Dabei machten sie sich zu den Fürsprechern der Armen und Ausgegrenzten. Sie widmeten sich den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fragestellungen, um die Welt aus einer christlich verstandenen Haltung der Gerechtigkeit zu formen. Auch wenn diese historischen Handlungsweisen nicht immer heutigen Standards entsprechen, so waren sie doch entscheidende Schritte auf dem Weg zu den Menschenrechten und der Verantwortung für die Mitwelt. Ganz bewusst will das franziskanische Menschenbild auf dem Boden des christlichen Glaubens, trotz aller historisch gegebenen Ambivalenz der Umsetzung, eine Alternative des menschlichen Selbstverständnisses und der sich daraus ergebenden Lebens- und Weltgestaltung aufzeigen. Der Mensch ist nicht dazu verdammt, der Wolf des Menschen und seiner Mitwelt zu sein. Die franziskanische Tradition ist davon überzeugt, dass der Mensch, seinem von Gott geschenkten Sein folgend, diese Welt auch versöhnt, in Frieden, Gerechtigkeit und liebevoller Sorge im Blick auf das kommende Reich Gottes gestalten kann. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Menschlichkeit ist für mich ein eindeutiges Ja zu meinem Leben, (so wie es geworden ist und dem, was ich jetzt gerade lebe), und ein Ja zu den Mitmenschen in aller Vielfalt. Freude und Dank, aber auch Auftrag verbinde ich mit der Menschwerdung Jesu: Gottes Ja zum Menschen ist unwiderruflich, erstaunlich und wunderbar! Menschlichkeit ist ein Geschenk und darf nicht negativ für unsere Unzulänglichkeit herabgesetzt werden.« Sr. Paulin Link OSF, Franziskanerin von Reute, Bildungsreferentin im Kloster Schöntal

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