Franziskaner - Herbst 2025

15 FRANZISKANER 3|2025 »Aktuell sehen wir eine tiefe Krise der gesellschaftlichen Verbundenheit« Deutschland erlebt derzeit eine Krise der Verbundenheit: Die Menschen ziehen sich in sinnbildliche Schneckenhäuser zurück und erleben den Umgang miteinander zunehmend als aggressiv. Die Menschlichkeit bleibt dabei auf der Strecke. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative »Grundlagenstudie ›Verbundenheit‹« des Rheingold-Instituts im Auftrag der Düsseldorfer Identity Foundation. Im Interview erklärt uns Studienleiter Frank Quiring die Probleme. Herr Quiring, in Ihrer Studie kommen Sie zu dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen einen Verlust von Verbundenheit erleben: 87 Prozent der Befragten nehmen eine wachsende Trennung und Vereinzelung in der Gesellschaft wahr, 89 Prozent vermissen ein gemeinsames »Wir-Gefühl«, und ebenso viele Menschen empfinden das Miteinander in der Gesellschaft als aggressiv. Wie konnte es dazu kommen? Das hängt mit den Krisen zusammen. Zwar haben sich die Menschen auch in Zeiten mit weniger Krisen – in den 1980er-, 1990er-Jahren, vielleicht noch in den Nullerjahren – nicht immer stark miteinander verbunden gefühlt. Aber damals gab es mehr Durchlässigkeit und mehr Offenheit für den anderen. Die Auseinandersetzungen waren nicht so aggressiv, wie sie jetzt wahrgenommen werden. Es gab nicht so starke Rückzugstendenzen und so ein Verschlossen-Sein. Das ist neu und hängt mit den Krisen zusammen, und vor allen Dingen mit deren Kumulation seit Corona. Die Pandemie war der Startpunkt, Frank Quiring ist DiplomPsychologe und in der Geschäftsführung beim rheingold Marktforschungsinstitut Köln (rheingold GmbH & Co KG). Zu seinen Tätigkeitsfeldern gehört die Konsumforschung vor allem in den Bereichen Lebensmittel und Getränke, Pharma, Wohnen, Outdoor sowie Zielgruppenforschung zu GenZ, Männern, Frauen, Senioren und Gesellschafts- und Kultuforschung. sie begann mit der Zuspitzung von Rückzug und Vereinzelung – von außen verordnet und mit gesundheitsschützender Funktion, natürlich. Neben den Lockdowns spielten dabei die Masken eine wichtige Rolle. Durch das teilweise Verdecken des Gesichts konnten sich die Menschen nicht mehr wirklich sehen. Das hatte emotionale Konsequenzen: Es fehlte ein intuitives Bezogensein, das automatisch passiert, wenn man Menschen ins Gesicht schaut. Wenn man sieht, wie sie reden oder lachen, empfindet man Sympathie oder auch Antipathie. Als das dann aber fehlte, war man automatisch mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Dadurch entstand eine Rückzugsneigung, auch über die Angst vor Ansteckung hinaus. Und dann gab es mit den Protestierenden noch eine sehr deutliche, aggressive Ausdrucksform. Da entstand dieser erste Impetus einer stärkeren Polarisierung der Bevölkerung. Auf Corona folgten dann die nächsten Krisen: der russische Einmarsch in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation, … Wie Krisen uns vereinzeln – und was wieder zusammenführen kann BODEN © NADEZHDA KHARITONOVA | ISTOCK.COM; PORTRÄT © SIMIN KIANMEHR

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