Franziskaner - Herbst 2025

16 FRANZISKANER 3|2025 Der Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar 2022 war ein Schock für die Menschen. Sie bekamen eine wirkliche Existenzangst, auch weil Putin diese atomaren Drohungen von sich gegeben hat. Viele fragten sich: »Ist das bald das Ende?« Man hatte das Gefühl, man müsse Notvorräte anlegen, und hat sich weiter zurückgezogen. Im Herbst 2022 folgte dann in dem Kontext die Energiekrise, und es wurden erneut Existenzängste spürbar: Wird es genug Energie geben? Werden die Wohnungen und Häuser kalt bleiben? Es folgte die Inflation, besonders bei den Mieten und den Lebensmittelpreisen. Gleichzeitig wurden und werden die seit Jahrzehnten verschleppten Sanierungen in Deutschland – Infrastruktur, Pflege, Renten – immer drängender. Das hat alles dazu geführt, dass die Menschen immer weniger eine Zukunftsperspektive mehr sehen. Und jetzt haben wir noch gar nicht die Klimakrise erwähnt. Zu den Mieten: Wir haben im letzten Jahr eine große Gen-Z-Studie gemacht. Für diese Generation ist das ein Thema: Sie können sich die Mieten in den Städten nicht mehr leisten und nicht von zu Hause ausziehen. Und vor diesem Hintergrund zieht man sich dann zurück? Das alles beängstigt und erzeugt Ohnmachtsgefühle, und Rückzug und Selbstbestärkung sind dann die Krisenreaktionen. Die Menschen sagen sich, wir müssen uns um uns selbst kümmern, und ziehen Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Margot Friedländer erinnerte uns mit den Worten ›Seid Menschen! Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut‹ daran, dass niemand ausgeschlossen oder abgewertet werden darf. Im Umgang mit Obdachlosigkeit heißt das: Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Sie darf niemals abhängig sein von Besitz, Herkunft oder Wohnsituation. Obdachlose Menschen sind nicht ›die Anderen‹ – sie sind Teil unserer Gesellschaft. Ihre Not ruft uns auf, hinzusehen, zu helfen und daran zu erinnern, dass wir alle die gleiche Würde in uns tragen. Wenn wir Friedländers Appell ernst nehmen, bedeutet das: Wir schützen die Würde jedes Menschen und begegnen obdachlosen Menschen mit Respekt, Solidarität und Mitgefühl.« Sr. Christina Klein, Franziskanerin von Olpe, Obdachlosenseelsorgerin in Köln sich in ihre privaten Kreise zurück. Dadurch haben die Familie und der engere Freundeskreis einen sehr hohen Stellenwert bekommen. Im Rückzug entstehen auf diese Weise kleine Inseln von Verbundenheit und Mitmenschlichkeit, aber eben nur im engeren Kreis, nicht in der Gesamtgesellschaft. Außerhalb davon ist die Art, Konflikte auszutragen, aggressiver geworden. Natürlich hat man sich auch früher mal gestritten, aber man hat sich nicht gegenseitig komplett entwertet. Und auch die Bereitschaft, die andere Perspektive nachzuvollziehen und sich ins Gegenüber einzufühlen, nimmt ab. Stattdessen bestärkt man sich in seiner Blase gegenseitig in seiner Ansicht. Deswegen sprechen wir auch von einer Silodarität statt einer Solidarität. Es gibt also keine flächendeckende Verbundenheit mehr, aber noch einzelne Inseln wie Familie und Freunde? Richtig. Es gibt darüber hinaus – das hat unsere Studie gezeigt – eine ganze Reihe ›kleinerer‹ Verbundenheitsformen, das heißt, im Kleinen lebt Verbundenheit durchaus noch. Sie kann bei vielen Gelegenheiten und in vielen Formen entstehen, bei Projektinitiativen, bei Veranstaltungen oder auch ganz zufällig. Wir unterscheiden hier zwischen Verbundenheiten, die aktiv hergestellt werden, und solchen, die sich einfach ereignen. Es gibt hier in Köln den sogenannten Rhine Cleanup Day. Da treffen sich die unterschiedlichsten Menschen am Rhein und sammeln den Müll an den Stränden auf. Dabei entsteht eine Form von Verbundenheit, die aktiv hergestellt wird. Auf Events wie Konzerten oder Festivals oder auch zum Beispiel bei einer einfachen Mitfahrtgelegenheit, wo man mit zunächst fremden Menschen einige Stunden zusammen im Auto sitzt, entsteht diese Verbundenheit im Nebenbei. In einer zweiten Dimension kann man zwischen öffnenden und abgrenzenden Verbundenheitsformen unterscheiden. Bei den abgrenzenden Formen ist die eigene Gruppe wichtig, die ihre Verbundenheit in der Auseinandersetzung ›gegen‹ etwas anderes konsolidiert: Das sehen wir etwa bei Solidaritätsgemeinschaften wie den Menschen im Ahrtal, die sich ‚gegen‘ das Widerfahrnis der Überflutung zusammenschließen, oder bei Institutionen wie Feuerwehr oder Polizei, die sich im Kampf gegen Feuer oder andere Bedrohungen untereinander eng verbinden. Bei öffnenden Formen wie etwa Projektinitiativen geht es hingegen darum, dass jeder kommen und sich beteiligen kann. Oder bei Naturerlebnissen wie dem Wandern, dem Tauchen etc., wo man sich für die Umwelt öffnet, sie in sich aufnimmt und dabei eine größere Verbundenheit erlebt.

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