Franziskaner - Herbst 2025

17 FRANZISKANER 3|2025 Was kann man denn tun, um die Verbundenheit zwischen den Menschen wieder zu steigern? Verbundenheit entsteht, wenn die Voraussetzungen stimmen, und davon gibt es mehrere: Es braucht ein gemeinsames Ziel, wie am Rhine Cleanup Day, oder auch ein gemeinsames Schicksal, wie es die Menschen im Ahrtal erlebt haben. Man muss sich den Menschen in einer Gruppe öffnen können und es auch zulassen, dass diese sich öffnen. Das bedeutet, dass man von sich erzählt und sich als Mensch in seiner Verletzlichkeit zeigt. Und natürlich gehört es auch dazu, dass man sich einbringt, indem man das Projekt und die Gemeinschaft mitträgt. Außerdem muss man der Verbundenheit die Möglichkeit geben sich zu entwickeln – man kann sie nicht erzwingen. Und dazu gehört es auch, dem anderen seine Freiheit zu lassen und ihm zuzugestehen, sich aus der Verbundenheit zu lösen. Die primäre Voraussetzung ist aber ein sicherer Rahmen. Denn nur dort, wo ich mich sicher fühle, kann ich mich öffnen und loslassen. Das Fußballstadion zum Beispiel ist im Großen und Ganzen ein sicherer Rahmen. Dort kann ich loslassen, schreien, auch mal anderen in den Armen liegen – da entsteht eine große Verbundenheit. Und genau so ist es auch mit Deutschland oder Europa: Es braucht das Gefühl, dass man sicher ist, damit man zum Beispiel unbelastet auf einen Weihnachtsmarkt gehen kann und offen ist für die anderen Menschen, die auch dort sind. Dafür ist der Staat zuständig. Und wenn das Gefühl überhandnimmt, er könne nicht für Sicherheit sorgen, wenden sich die Menschen an Parteien, die ihnen mehr Sicherheit versprechen. Und genau das beobachten wir gerade: Viele Menschen haben derzeit nicht das Gefühl von einem sicheren Rahmen. Dabei geht es nicht nur um die öffentliche Sicherheit. Auch bei der Wirtschaft, den Renten oder den Mieten gibt es Probleme, ich hatte das ja bereits angesprochen. Damit ist die Grundvoraussetzung für Verbundenheit im Moment nicht gegeben. Das macht es für die Menschen wiederum schwer, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und sich im gesellschaftlichen Maßstab einzubringen. Stattdessen verharren sie in Selbstbezüglichkeit. Deswegen haben wir auch keine universelle Aufgehobenheit, sondern eher ein Gefühl von Verlorenheit im Moment. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Jeden Menschen als Geschöpf mit Wert und Würde zu sehen und ihm entsprechend zu begegnen. Ich glaube, dass jeder Mensch zur Bereicherung einer Gemeinschaft beiträgt, wenn sie ihm nur den Raum bietet. Ihm so das Gefühl zu geben, wertvoll zu sein, ist für mich ein wichtiger Aspekt von Menschlichkeit.« Br. Thomas Abrell OFM, Franziskaner, Geschäftsführer der Stiftung »Projekt Omnibus« Nach der Ahrtal-Katastrophe kamen allein über den Helfer-Shuttle bis November 2021 über 100.000 freiwillig Helfende in die Überschwemmungsgebiete um die Betroffenen und Einsatzkräfte zu unterstützen Im Fußballstadion kann man loslassen, schreien, und auch mal anderen in den Armen liegen – so entsteht eine große Verbundenheit HELFENDE AHRTAL © THOMAS FREY | PICTURE-ALLIANCE.COM; FUSSBALLFANS © ANDREAS GORA| PICTURE-ALLIANCE.COM

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