18 FRANZISKANER 3|2025 Die Menschen warten also in ihren Schneckenhäusern darauf, dass sich die Krisen in der Welt lösen? Bei den derzeitigen Krisen kann der Einzelne nicht viel ausrichten. Dann muss ein Staat da sein, der Entscheidungen trifft und auch Zumutungen abverlangt. Nur so wird das Gefühl vermittelt, dass der Staat stark ist, vorangeht und für Entwicklung sorgt. Und dann kann man auch wieder mehr Vertrauen in die Gesellschaft als Ganze schöpfen. Aber man muss schon auch selbst initiativ werden. Diese kleinen Formen von Verbundenheit, die ich geschildert habe, sind wie eine Graswurzelbewegung für eine größere Verbundenheit. Das zieht Kreise und kann wachsen. Wenn man sich zum Beispiel im Chor einbringt, singt man ja mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Und vielleicht geht man mit ihnen danach noch einen trinken. Man ist dann in dieser Stimmung von Verbundenheit miteinander und redet mit anderen darüber, die nicht im Chor singen, und so entsteht ein Impuls in die Gesellschaft. Und wie kann man die Menschen nun aus ihrem Schneckenhaus locken? Tendenziell fällt es den Menschen derzeit schwerer, die Initiative zu ergreifen und selbst tätig zu werden. Die Erwartungshaltung ist da gerade stärker als die Eigeninitiative. Das heißt, niedrigschwellige Angebote sind jetzt gut für die Menschen. Da müssen jetzt Institutionen, Organisationen und Vereine Angebote machen, um die Menschen wieder aus ihren Schneckenhäusern zu locken. Dabei sollten sie natürlich auch auf die Entstehungsbedingungen für Verbundenheit achten: ein Ziel setzen, sich offen und menschlich zeigen und nicht versuchen, etwas zu erzwingen. In unserer Studie hatten wir zum Beispiel den Fall von einem kleinen Fußballverein, in dem Kinder aus verschiedenen Nationen spielen, auch Flüchtlingskinder aus Afghanistan. Die Eltern haben dann einen Abend organisiert, für den jeder etwas aus seinem Land kocht und das dann mitbringt. So haben sich alle Eltern und Kinder getroffen, und sich über das Kulinarische verständigen und austauschen können. Jeder hatte sich Mühe gegeben und etwas für die Gemeinschaft mitgebracht, und so wurde das ein wunderschönes Erleben von Verbundenheit. Ein anderes Beispiel ist die Weihnachtswunder-Initiative von WDR 2, die Spenden gegen den Hunger in der Welt sammelt: Das Moderationsteam sitzt in einem ‚Glashaus‘, das in jedem Jahr in der Weihnachtszeit woanders in Deutschland aufgebaut wird, in dem man das Team bei der Arbeit sieht und mit ihm Kontakt und Austausch haben kann. Dadurch entsteht eine große Verbundenheit der vielen Besucher mit dem Team, aber auch untereinander. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Menschlichkeit bedeutet, den Blick auf das zu richten, was Menschen können, nicht auf das, was sie vermeintlich nicht können. Das hat uns unsere Stiftungsgründerin Maria Rang vor mehr als 120 Jahren gelehrt. Wer Potenziale freilegt, schafft Perspektiven für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.« Rainer Sippel, Vorstand der Bürgerstiftung »antonius : gemeinsam Mensch« Interview und Bearbeitung: Maximilian Feigl PORTRÄT © SWANTJE DANKERT
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