Roland Stolte PORTRÄT © KLEMENS RENNER; RENDERING © KUEHNMALVEZZI | DAVIDE ABBONACCI Roland Stolte ist evangelischer Theologe und seit 2016 Vorsitzender des Verwaltungsdirektoriums der Stiftung House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin, zuständig für Inhalt & Konzept. Weitere Informationen zum House of One und zur inhaltlichen Arbeit der Stiftung House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin unter: ▶▶ www.house-of-one.org Hinzu kommt die Verbindung von konsequenter Armutsstrenge und ästhetischer Sensibilität bei Franziskus. Er war alles andere als ein Kulturfeind: Seine Bekehrung wurde unter anderem durch die Betrachtung eines Ikonenbildes (das Kreuzbild von San Damiano) bewirkt, nach seiner Lebenswende baute er unter Mühen eine Kirche wieder auf, er dichtete religiöse Gesänge, liebte die Musik und hatte den Wunsch nach einer künstlerisch-kostbaren Aufbewahrung der Elemente des heiligen Abendmahls. Der Reichtum der Schönheit wurde bewusst gesucht, versehen aber mit der Signatur der Armut, die sich dann überall finden musste, um der franziskanischen Idee zu entsprechen. Das setzte sich fort, als die Bewegung rings um Franziskus wuchs: Es waren nicht nur Kaufleute wie Franziskus selbst, die »Franziskaner« werden wollten, sondern auch Gelehrte und Künstler, entschlossen, dem Armutsideal zu entsprechen. Aber sollte der Gelehrte arm werden, indem er sich das wissenschaftliche Denken verbot, und der Künstler, indem er sein Schaffen aufgab? Sollten sie ihr gottgegebenes Talent wegwerfen zugunsten der Kargheit einer einfachen Existenz – oder gab es nicht neben der materiellen Armut eine »Armut des Denkens« und eine »Armut der Kunst«, die es noch zu finden galt? Und war eine solche »Armut des Denkens und der Kunst« nicht deshalb von besonderer Wichtigkeit, da es die Franziskaner gerade nicht in die Einsamkeit, sondern mitten unter die Menschen zog? In die wachsenden mittelalterlichen Städte hinein, wo sie auf neue Weise für ihren Glauben einzustehen und ihn zu vertreten hatten? Diese Fragen sind auch Fragen des House of One. Interreligiöser Dialog wächst beim House of One entlang der gemeinsamen Beschäftigung mit Architektur und Kunst. Es gibt einen ästhetischen Einstieg, der mit dem symbolträchtigen Bauprojekt die Schönheit (inter-)religiöser Traditionen in der Mitte der Gesellschaft erfahrbar und zum Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit den Religionen macht. Die gemeinsame Planung, Errichtung und Nutzung des Sakralgebäudes vollzieht sich dabei als ein interdisziplinär kuratierter Prozess, der darauf zielt, Religionen und Gesellschaft, Kunst, Wissenschaft, aber auch Sport und Wirtschaft einzubeziehen. Dabei lebt das House of One vom Miteinander der Meilensteine des Bauprozesses mit ihrer rituellen Rahmung und der professionellen Begleitung durch die Theologien. Auch Diplomatie sowie prozessgestaltende Kompetenzen aus Politik, Geschichtswissenschaft, Soziologie und Öffentlichkeitsarbeit spielen eine Rolle. So gewinnt das Projekt den Rang einer von den Religionen ausgehenden, punktuell auf einen konkreten Ort bezogenen, gesamtgesellschaftlichen Friedensbewegung. Das Gelingen des House of One wird dann daran ablesbar, ob diese soziale Bewegung an diesem konkreten Ort wächst und Kraft gewinnt – und nicht so sehr daran, wie schnell das Gebäude fertiggestellt wird. Für das Berliner House of One planen wir die Einweihung für 2030. Nationale Grenzziehungen verlieren dabei an Bedeutung. Auch hier lohnt sich der Blick auf Franziskus und seinen eindrücklichen Wagemut: Denn während er die »Basis« in Italien im Blick zu behalten hatte, die in äußerst schwierigen Wachstumsschritten alle Aufmerksamkeit forderte, wandte er sich doch immer wieder darüber hinaus. Er brach zu Reisen auf – auch wenn nicht alle erfolgreich waren. Und er schrieb Gedichte und Briefe an kirchliche und politische Autoritäten seiner Zeit. Damit wollte er das Bewusstsein für ein gemeinsames und umfassendes Handeln als fratres pacifici – als Brüder des Friedens – wecken. Von diesem Wagemut wollen wir uns immer von Neuem beim House of One anstecken lassen. In einer Zeit, in der die globalen Probleme und Krisen an keiner Grenze Halt machen, wäre es weltfremd, den interreligiösen Dialog nicht auch konsequent global zu denken. Mit den Partnerprojekten in Tbilisi in Georgien, Bangui in der Zentralafrikanischen Republik und mit House-of-One-Kooperationen mit interreligiösen Akteuren in Amsterdam, Minsk oder Bern haben wir begonnen, den Weitblick einzuüben. Und er muss weiter wachsen, denn – um das Vermächtnis der 2023 verstorbenen Antje Vollmer zu zitieren – »der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existenzieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planeten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.« 35 FRANZISKANER 3|2025
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