Franziskaner - Herbst 2025

36 FRANZISKANER 3|2025 Franciscans International (FI) ist eine Organisation der weltweiten »Franziskanischen Familie« und hat einen allgemeinen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen. Die Nichtregierungsorganisation unterhält Büros in Genf und New York und hat Zugang zu allen wichtigen UN-Gremien. Als Anwältin für Menschenrechte bringt FI Anträge ein und unterstützt Angehörige benachteiligter Gruppen, ihre Anliegen direkt vor den zuständigen UN-Gremien zu vertreten. www.franciscansinternational.org Madagaskar: Die erste vom Klimawandel verursachte Hungersnöte im Süden Madagaskars sind so alltäglich geworden, dass der dortige Stamm der Antadroy ein spezielles Wort dafür hat: »Kere« – wörtlich übersetzt bedeutet es »verhungert«. Doch trotz der schon immer trockenen Bedingungen in der Region ist dieser Begriff vergleichsweise neu. In den vergangenen Jahrhunderten war der Raketa-Kaktus die wichtigste Ressource der Antadroy: Sie nutzten ihn als Baumaterial für ihre Häuser ebenso wie als Nahrung während der Dürreperioden. Ende der 1920er-Jahre fand dies jedoch ein Ende, als französische Kolonisten ein Insekt einführten, das die Kakteen beseitigen und so das Land urbar machen sollte. Die Folgen waren katastrophal: Der Raketa wurde fast vollständig ausgerottet, und es kam 1934 zur ersten Kere, bei der über eine halbe Million Menschen starben. Sie wurde bekannt als »Marotaolagne«, was »verstreute menschliche Skelette« bedeutet. Seitdem kommt es durchschnittlich alle zwei Jahre zu einer Kere. Doch selbst vor diesem Hintergrund war die Dürre und darauffolgende Hungersnot von 2021 besonders schwerwiegend. Denn ein neuer Faktor kam hinzu. Madagaskar ist eines der anfälligsten Länder für den Klimawandel, extreme Wetterereignisse wie Wirbelstürme und unregelmäßige Niederschläge verschärfen die Dürreperioden. So wurde die aktuelle Kere zur schlimmsten seit vier Jahrzehnten, und bis heute gibt es keine Anzeichen für eine Entspannung. Fast 1,5 Millionen Menschen sind von Ernährungsunsicherheit und extremer Armut betroffen. Im Juni 2021 berichtete das Welternährungsprogramm WFP, dass 75 Prozent der Kinder im Süden Madagaskars die Schule abgebrochen hatten, um zu betteln oder nach Nahrung zu suchen. Der Direktor des WFP bezeichnete die Krise als die erste durch den Klimawandel verursachte Hungersnot in der modernen Geschichte. Die katastrophalen Zustände im Süden Madagaskars haben Zehntausende in die nördlichen Regionen getrieben, was tiefe Spannungen in der Gesellschaft zum Vorschein bringt. Die Gemeinschaften aus dem Süden sind hauptsächlich afrostämmige nomadische Antadroy, die seit Langem von der Regierung diskriminiert und stigmatisiert werden. Infolgedessen sind die südlichen Regionen im Vergleich zum Rest der Insel traditionell benachteiligt, was das Misstrauen der Antadroy gegenüber den Behörden weiter schürt. Gleichzeitig bringen sie ihre eigenen kulturellen Praktiken mit, die mit denen der nördlichen Aufnahmegemeinden kollidieren. Dabei ist die von den Antadroy praktizierte Brandrodungslandwirtschaft eine besondere Quelle von Spannungen und führt zu Vorwürfen, dass die Migranten aus dem Süden Land und Umwelt zerstören. In einem Land, in dem 85 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, bergen diese Ängste großes Eskalationspotenzial. Unterdessen hat die Regierung keine offizielle Strategie, um mit der Binnenmigration umzugehen. Außerdem werfen Kritiker den Verantwortlichen vor, Gelder im Zusammenhang mit der Bewältigung der Klimafolgen durch Korruption und Misswirtschaft zu veruntreuen. »Jedes Jahr hören wir davon, dass Land hektarweise von Buschbränden zerstört wird. Jedes Jahr verschwinden viele Arten. Wir spüren, wie die Temperaturen steigen und die Regenzeit kürzer wird«, sagt Fetra Soloniaina, Mitglied des Dritten Ordens. »Meiner Meinung nach müssen die Franziskaner an vorderster Front stehen, wenn es darum geht, die Umwelt zu schützen und die Schwachen zu verteidigen. Ganz besonders in einem Land wie Madagaskar, wo zahlreiche Familien von der Natur leben – und dabei oft auf ihre Kosten.« Viele junge Franziskaner aus Fetras Umfeld sahen das ähnlich. Doch von Kirchenvertretern hörten sie, Migranten aus dem Süden blieben meist unter sich und seien schwer zu erreichen. Daraufhin beschlossen die Young Franciscans, selbst aktiv zu werden: Sie wollten Kontakte zu Betroffenen knüpfen und zugleich die Regierung zum Handeln bewegen. Im Mai 2024 führten sie dazu Interviews mit Vertriebenen, Aufnahmegemeinden und lokalen Führungskräften. »Was mich am meisten erstaunt hat, war das fehlende Wissen über ihre Rechte, selbst unter den Vertriebenen

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