Jeder hat wohl mal eine Krise. Midlife-Crisis? Berufungskrise? Man kann es nennen, wie man will. Mit der Pandemie wurde es jedenfalls nicht besser. Doch ich war realistisch genug, nicht einfach alles hinzuschmeißen, schließlich war ich schon fast 55 Jahre alt, seit 35 Jahren Franziskaner, seit 25 Jahren in Jerusalem und seit 15 Jahren Hebräischdozent an unserer dortigen Hochschule. Also bat ich um eine Sabbatzeit: Ich wollte zu Fuß nach Santiago. Der Pilgerweg nach Santiago fängt eigentlich an der eigenen Haustür an. Doch von Jerusalem aus kann man nicht zu Fuß nach Santiago gehen, wegen des Krieges in Syrien. Daher beginnt meine Reise nach Ostern 2024 in der Türkei. Von Marmaris gehe ich durch Griechenland, Italien und Frankreich nach Spanien. Dort nehme ich den Camino del Norte und den Camino Primitivo, da diese weniger überlaufen sind als der Camino Francés, der Hauptpilgerweg aus Frankreich nach Santiago. Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich jeden Kilometer genieße. Manchmal tun meine Füße weh, oder der Rucksack drückt schwer. Auch lange Kilometer an Schnellstraßen entlang oder durch endlose Wohn- und Industrieviertel sind nicht immer toll. Die Sommerhitze ist nur selten unangenehm, der viele Regen in den letzten sechs Wochen (etwa ab Lourdes) dagegen schon. Die meiste Zeit geht es mir beim Laufen aber tatsächlich gut, oft auf Wander- und Pilgerwegen, entlang von Landstraßen oder durch verschlafene Dörfer. Nach fünf Monaten und etwa 4.000 Kilometern komme ich schließlich an meinem Ziel an. Einsam fühle ich mich dabei nie – zumindest fast: Denn ausgerechnet in einigen Städten voller Menschen kommt das Gefühl der Einsamkeit dann doch auf. Dort komme ich mir, mit großem Rucksack und verschwitzt, wie ein Landstreicher vor. Ich übernachte meistens in dem Zelt, das ich mit mir trage. Manchmal nehme ich mir auch ein Hotel – ich hätte zwar auch jede Nacht im Zelt schlafen können, aber eine Dusche Gregor Geiger OFM Ein franziskanischer Santiago-Pilger Mein Weg von Jerusalem nach Santiago 38 FRANZISKANER 3|2025 Athen Rom Santiago de Compostela GREGOR GEIGER OFM © IGOR HOLLMANN OFM
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