39 FRANZISKANER 3|2025 Franziskanische Lebensgeschichten Wie sie wurden, was sie sind … Die Reihe zu franziskanischen Berufungs- und Lebensgeschichten ist als Audio-Podcasts verfügbar. Auf vielen bekannten Podcast-Plattformen wie Spotify oder iTunes und auf ▶▶ www.franziskaner.de sind die fünf bis neun Minuten dauernden Audio-Tracks erhältlich. Wir freuen uns über Likes und Kommentare! braucht es halt ab und zu schon. In Italien und Spanien kann ich immer wieder in Klöstern unterkommen. Dabei mache ich oft dieselbe Erfahrung: Nach einem kühlen Empfang – klar, da steht plötzlich ein abgerissener Typ mit großem Rucksack vor der Tür – nehmen die Brüder mich herzlich und brüderlich auf. Auf Pilgerwegen (vor allem in Spanien) komme ich auch in Pilgerherbergen unter – jede Nacht hätte ich so ein Massenlager aber nicht haben müssen. Einige Male schlafe ich auf Parkbänken oder unter Vordächern von Kirchen. Viele Begegnungen sind mir in Erinnerung geblieben; ich kann hier nur von einigen erzählen. In einem Dorf in Griechenland hält ein Auto an; die Fahrerin erklärt, die Dorfhunde seien Fremden gegenüber aggressiv. Ob sie mich mit dem Auto durch das Dorf fahren soll? Das nehme ich dankbar an. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist begeistert von meinem Pilgerweg und bietet mir an, mich ins nächste Dorf zu fahren – es wird schon Abend, und das Wetter ist unsicher. Dort findet sie ein Hotel und bietet mir sogar an, es zu bezahlen (was ich ablehne). In Gubbio (Italien) treffe ich den Franziskaner P. Enrico; er lebt bei der Kapelle, wo Franziskus dem Wolf begegnete. P. Enrico nimmt mich in seiner kleinen Wohnung auf und bekocht mich. Ich schlafe auf dem Sofa seines Wohnzimmers. Seine Katze beäugt mich zunächst kritisch, dann legt sie sich zu meinen Füßen. Am Morgen fahre ich mit ihm zu den Klarissen zum Gottesdienst. Der Gesang der Schwestern ist himmlisch. In Frankreich komme ich an Pfirsichplantagen vorbei, wo dunkelhäutige Arbeiter mit der Ernte beschäftigt sind. Sie bieten mir mehr Früchte an, als ich essen oder tragen kann. Am Rand der Pyrenäen treffe ich Willi, einen Deutschen, der in Spanien zum katholischen Glauben gefunden hat. Wir gehen einige Wegstücke gemeinsam und reden über Gott und die Welt. Auf einem langen, einsamen Wegstück treffe ich Kamil, einen jungen Polen, der sich hervorragend in der Bibel auskennt. Wir gehen lange miteinander. Er gibt mir eine Flasche Wasser (meine war leer). Als ich, wieder daheim, mein handgeschriebenes Tagebuch abtippe, nehme ich dazu das Internet zu Hilfe. Ich stelle fest, wo ich kürzer hätte laufen können oder was ich alles am Wegrand versäumt hatte. Es ist kaum der Rede wert. Für mich war es genau die richtige Entscheidung, ohne Smartphone zu gehen. Klar, manchmal hätte ich einen besseren, schöneren oder kürzeren Weg gehen können. Und dann? Dann wäre ich ein paar Tage früher angekommen. Manche tolle Kirche, manchen schönen Ort, manches Museum unweit des Weges habe ich nicht gesehen. Na und? Ich habe viele beeindruckende Orte und Gebäude besucht (meistens nur kurz). Von einigen als unbedingt sehenswert gepriesenen Orten war ich enttäuscht. Ich hatte sympathische Begegnungen, wenn ich wildfremde Menschen angesprochen habe, um sie nach dem Weg zu fragen. Und ich bin manchen Umweg gelaufen – der eine oder andere davon war nervig. So wie manches Wegstück auf dem »richtigen« Weg auch. Vor Jahren hatte ich Hape Kerkelings »Ich bin dann mal weg« gelesen. Ich war begeistert, auch wenn meine Erfahrungen nicht dieselben waren. Ich habe nie in Not zum Universum gebetet. Zum lieben Gott schon. Ob er mich erhört hat? Wunder im herkömmlichen Sinn habe ich keine erlebt. Seine Führung schon. »Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt« (Ps 91,11–12). Auf Händen getragen haben sie mich nicht. Aber ich bin ohne Verletzungen und ohne große Probleme durchgekommen. »Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil« (Ps 23,4). Vor manchem Unheil habe ich mich gefürchtet: Hunde, Straßenverkehr, Matsch, Nässe. Ich habe auf grünen Auen gerastet, ich habe an reichlich gedeckten Tischen und gefüllten Bechern gesessen. Ich habe manches über mich selbst gelernt. Was? Das meiste davon will ich nicht für jedermann niederschreiben. Ich glaube, ich habe mehr Geduld gelernt – zumindest etwas. Mit Situationen, die ich nicht ändern kann. Mit Menschen, die Dinge anders sehen und machen als ich. Und auch mit mir selbst. Jerusalem
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