Franziskaner - Herbst 2025

40 FRANZISKANER 3|2025 Der Mann fürs L Manchmal werde ich gefragt: Was ist eigentlich deine Aufgabe in der Ordensprovinz? Gerne antworte ich dann: »Ich bin der Mann fürs Liegengebliebene!« Man kann es aber auch vornehmer ausdrücken: Ich bin der Provinzbeauftragte für Geschichte und kulturelles Erbe. Aber was genau ist das? Damian Bieger OFM Erbfälle sind in Deutschland ein Dauerthema. Es reicht schon ein Blick ins Bücherregal: Unter den Titeln »Adieu Elternhaus: Elternhaus auflösen – sortieren, wertschätzen, loslassen« oder »Das große Magic-Cleaning-Buch. Über das Glück des Aufräumens« werden in Ratgebern Erfahrungsberichte und Hilfestellungen angeboten, wie man im Anschluss an das Versterben von Elternteilen oder bei deren Umzug ins Pflegeheim vorgehen kann. Und genau das gibt es bei uns Franziskanern ebenso, auch wenn es eigentlich verrückt klingt für einen Orden, der die Armut so preist. Verzichten wir nicht in unserer Profess auf persönliches und gemeinschaftliches Vermögen? Woher kommen die Erbstücke? Und wieso muss überhaupt der Umgang mit dem Erbe geklärt werden? Unser materielles Erbe hat viele Ursprünge, aber im Kern hat es immer mit unseren Aufgaben zu tun: Für eine gediegene Ausbildung und für das Gebet brauchte es bereits zu Zeiten von Franziskus Bücher. Für eine würdige Feier des Gottesdienstes schätzte er kostbare liturgische Gegenstände und schöne Kunstwerke. Hinzu bekamen und bekommen die Niederlassungen immer wieder Zuwendungen in Form von Kunstobjekten, etwa als Ausdruck der Wertschätzung für die Seelsorge durch die Brüder. Und nicht zuletzt: Es gab und gibt Brüder, die begabte Autoren oder Künstler sind und waren. Dabei darf man nicht vergessen, dass unsere Ordensfamilie auf eine lange Geschichte zurückblickt. Immerhin feiern wir nächstes Jahr den 800. Jahrestag des Heimgangs des heiligen Franziskus. Kein Wunder also, dass es in den Häusern auch sehr alte Objekte gibt. Zugespitzt könnte man sagen, dass man bei uns Gegenstände finden kann, die andernorts nur im Museum aufbewahrt werden – auch weil sie kulturhistorisch einen echten Wert haben. Drei Beispiele hierfür: Über alte Büchersammlungen in Franziskanerklöstern lassen sich soziale Netzwerke der Neuzeit oder des Barock rekonstruieren. Durch eine Glasplattennegativsammlung aus der China-Mission von der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert verfügen wir über seltene Fotografien einer längst versunkenen Epoche. Und schließlich gehört es bei uns dazu, dass in jedem Haus immer eine Haus-Chronik geschrieben wird. In diesen Chroniken liegen einzigartige Zeitdokumente für die jeweiligen Orte vor. In ihnen erfährt man von Augenzeugen, wie es im Dreißigjährigen Krieg, in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg oder bei der Wiedervereinigung war. Andererseits: Da unsere »Familiengeschichte« schon lange währt, ist selbstverständlich auch bereits viel verloren gegangen. In der Reformation des 16. Jahrhunderts oder zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist auch den Franziskanern durch staatliche Stellen nicht wenig weggenommen worden. In diversen Kriegen, zuletzt im Zweiten Weltkrieg, wurde sehr viel zerstört. Dabei denke ich mir manchmal: Der liebe Gott sorgt schon auch dafür, dass die Söhne des Armen aus Assisi dann doch nicht zu viele Schätze anhäufen. Der Umgang mit diesem Erbe ist eine ganz eigene Herausforderung. In einer Familie wird das Erbe gemäß den gesetzlichen Vorgaben unter den Erben aufgeteilt, im Orden hingegen fallen Besitztümer spätestens im Todesfall eines Mitglieds an die Gemeinschaft. Vom Anspruch her sind wir ja auch Familie, nicht umsonst ist ja die Rede von »Schwestern und Brüdern«. Mit dem kulturhistorischen Wert vieler Stücke entsteht allerdings auch eine besondere Verantwortung. Doch hier bahnt sich eine gewisse Herausforderung an: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat bei allen Orden ein dramatischer Rückgang der Nachwuchszahlen eingesetzt. Begannen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren regelmäßig über STAMMBAUM © PATRICK KLEIBOLD | DER DOM Damian Bieger zeigt ein Kunstwerk, das eine Art Stammbaum des Ordens darstellt

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